Zwei Knöpfe rechts, zwei Tasten unten, ein Steuerkreuz links und darüber ein grün schimmernder Bildschirm: 1989 war das Geburtsjahr des Gameboy – einer mobilen Spielekonsole, die die Gaming-Industrie prägte wie keine andere. „Computerspiele für unterwegs gab es zwar schon seit Mitte der 70er-Jahre. Sie hatten aber einen großen Nachteil: Jedes Spiel war gleichzeitig auch die Konsole“, erklärt Andreas Lange, Direktor des Computerspielemuseums Berlin.

Langweilte das Spiel, musste man gleich die ganze Konsole wechseln. An einer Trennung von Steckmodul und Computersystem versuchte sich erstmals Smith Engineering mit der Microvision 1979. Der LCD-Bildschirm war sehr klein und die Technik anfällig für Beschädigungen. Hinzu kam eine minimale Spieleauswahl. Erfolg: Fehlanzeige.

Der Gameboy war dagegen weitaus robuster (ein Exemplar der Konsole überstand sogar einen Bombenangriff im Golfkrieg und funktioniert noch heute tadellos) und trotzdem simpel in der Bedienung. Der Gameboy sei in dieser Entwicklung der Beginn hin zur mobilen Nutzung gewesen, sagt Peter Vorderer, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim. Zwar gab es schnell teilweise hochentwickelte Konkurrenz für den klobigen grauen Klotz.

Doch die Vorteile dieser Systeme stellten sich zügig als deren Nachteil heraus. So hatte der Sega Game Gear schon 1990 ein Farbdisplay, das dem Schwarz-Weiß-Bildschirm des Gameboy weit überlegen war, allerdings machte sich das auch bei der Akku-Laufzeit bemerkbar. Während technisch überlegene Systeme fast so oft an die Steckdose gehängt werden mussten wie Spielekonsolen für den Fernseher, hatte der Gameboy mit seinen vier Batterien eine Laufzeit von knapp 30 Stunden. Spielen war damit auch in der Öffentlichkeit möglich, an der Bushaltestelle, in der Bahn oder einfach zwischendurch im Park – überall konnte man mit Mario, Zelda und Co. Abenteuer erleben.

Erfolgsfaktor Tetris

Durch seine im Vergleich zur Konkurrenz simplere Technik war der Gameboy auch billiger als vergleichbare Konsolen seiner Zeit. Dritter und vielleicht sogar entscheidender Grund für den Erfolg des Gameboy: Er wurde im Paket mit dem Spiel Tetris verkauft. Das gab es zwar schon vorher für den Computer, auf dem Gameboy wurde es aber erst zum echten Klassiker. Dü düdildü düdildü düdildü düdildü di dü di dü dü dü – die Tetris-Melodie war nun überall zu hören. „Dass sich Nintendo die Rechte an der Handheld-Umsetzung von Tetris sicherte, war ein cleverer Schachzug“, sagt Lange, „außerdem erreichte das Unternehmen so auch Frauen als Kunden“. Insgesamt wurden fast 120 Millionen Exemplare des ersten Gameboy verkauft.

Neben seiner Pionier-Rolle gibt es einen weiteren Grund, warum der Gameboy nicht nur Kultstatus besitzt, sondern als eine der wichtigsten Konsolen aller Zeiten gilt: Ohne ihn gäbe es Nintendo wahrscheinlich nicht mehr. Mitte der 90er-Jahre verlor der Marktführer im Bereich Computerspiele immer mehr Anteile, unter anderem an den Konkurrenten Sony. Dessen Playstation, eingeführt 1994, rüttelte erst gewaltig am Thron der Gaming-Pioniere und stürzte diese schließlich sogar von diesem. Einer der Gründe: Speichermedium für die Playstation waren nicht mehr Module sondern CDs. Diese waren nicht nur billiger in der Herstellung, sondern hatten auch mehr Speicher.

Gameboy-Spiele fürs Smartphone

Die Wende brachte Pokémon: Das Spiel, bei dem man kleine Monster fängt, trainiert und mit ihnen gegen andere Spieler kämpft, wurde zum weltweiten Verkaufsschlager auf dem in die Jahre gekommenen Gameboy. Entscheidend war wieder einmal nicht die Grafik, sondern das Spielprinzip. Bis heute verkauften sich über 200 Millionen Exemplare des Spiels. Es folgten weitere Versionen des Gameboy: Der biedere graue Kasten ließ zwischenzeitlich dank klarer Plastikhülle tief blicken und wurde dann in der Pocket-Variante flacher und bunter. Beim Nachfolger Color hielten schließlich auch Farben auf dem Display Einzug – zusätzlich bekam der Gameboy auch üppige Rundungen verpasst. Die letzte tragbare Konsole mit dem Namen Gameboy erschien 2005, die Nintendo-Handhelds tragen seit 2006 den Namen DS.

Von seiner Magie hat der Gameboy trotzdem nichts verloren: Die Konsole hat eine ganze Generation geprägt, millionfach werden heute eigentlich für den Gameboy entwickelte Spiele für das Smartphone heruntergeladen und gespielt. Dass trotzdem ein gewisser Wehmut nach der schlichten Schönheit der groben Pixel besteht, zeigen die zahlreichen sogenannten Emulatoren, die für Gameboyspiele im Netz kursieren.

Das sind Systeme, die andere Techniken in bestimmten Teilaspekten nachbilden. So arbeitet etwa ein Crowdfunding-Projekt an einer Kunststoffhülle, die iPhones mit Drucktasten ausstattet, mit deren Hilfe man alte Gameboy-Titel mit neuen Geräten spielen kann. Damit sich das auch wirklich real anfühlt, suchen Entwickler auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo nach Investoren: Das G-Pad verspricht den alten Retro-Look und das alte Gameboy-Gefühl. Gut 5000 Dollar hat die Kampagne seit 7. April schon gesammelt.

So ziemlich jeder hat damals Erfahrungen mit dem Gameboy gesammelt. Morgenpost-Redakteure erzählen aus ihren Erinnerungen:

Die Eltern und das Nachfolgemodell

Ich war zehn oder elf, und in den Sommerferien wollte ich bei einer Kinderfreizeit mitfahren. Vorab gab es einen Infozettel, auf dem auch stand, was die Kinder nicht mitbringen sollten: „Gameboy und Walkman lassen wir zu Hause, wir spielen und singen selbst.“ Der Satz hat sich mir eingeprägt, wahrscheinlich habe ich mich irgendwie diskriminiert gefühlt. Ich besaß weder einen Walkman noch einen Gameboy. Dabei hätte ich gerade letzteren schrecklich gern gehabt. Aber meine Eltern hielten Videospiele für pädagogisch wenig wertvoll, weshalb sie dafür kein Geld ausgaben. Ich konnte immer nur hoffen, dass die Freundin meines großen Bruders bei ihren Besuchen ihren Gameboy mitbrachte, dann spielte ich „Super Mario Land“ oder „Tetris“ bis mir die Daumen weh taten. Der Wunsch nach einem Game Boy aber blieb mir erhalten. Zum Abschluss meines Volontariats vor ein paar Jahren kaufte ich mir aus Jux einen ganz neuen, das Gameboy-Nachfolgemodell „DS“. Bis jetzt habe ich es allerdings nicht geschafft, „Super Mario 64“ durchzuspielen. Ich habe Schwierigkeiten mit weiten Sprüngen bei Mario, ich falle immer in die Lavaströme und schwarzen Löcher hinein – wahrscheinlich, weil ich nicht früh genug im Kindesalter mit dem Training beginnen konnte. Christina Brüning

Der Cousin und das Verbotene

Es war so wie mit der Fanta. Nur noch stärker. Unsere Mutter kaufte mir und meinen zwei jüngeren Brüdern nur selten Limonade. Und wenn es dann welche auf Kindergeburtstagen gab, tranken wir zuviel. Einen Gameboy durften wir auch nicht haben. Obwohl fast jeder einen hatte. Unser Cousin Frank hatte einen, und wenn wir bei ihm übernachteten, spielten wir bis tief in die Nacht Tetris oder Turtles. Die Stunden, in denen die Akkus geladen wurden, waren lang. Und manchmal stritt ich mich mit meinen Brüdern, weil ich nach dem Game Over weiterspielen wollte. Zu dieser Zeit war mein dritter Bruder noch sehr klein. Doch 1994, als Stefan vier Jahre alt war, passierte es. Plötzlich. Einfach so. Ich kam von der Schule nach Hause, und Stefan saß auf der Couch und drückte auf einem grünen Gameboy rum. Das ist nicht fair, sagte ich meiner Mutter. Andererseits war ich da schon 15 Jahre alt, der kleine Stefan natürlich unser Liebling – und er gab mir manchmal seinen grünen Gameboy. Dann zeigte er mir, wie das bei „Wario Land“ in den schweren Leveln genau funktioniert. Stefan studiert heute Informatik. Ich bin Journalist und tue mich mit Computern schwer. Mit einem Nintendo spielen kann ich jetzt aber, wann ich will. Am liebsten „Mario Kart“ auf der Wii – mit meiner Freundin, ganz ohne Streit. Auch wenn sie meistens schneller ist.

Alexander Kohnen

Das Bad und die Unterwasserwelten

Heute liegt mein Gameboy im Bad und erfreut regelmäßig Gäste, die sich dort länger aufhalten. Gekauft habe ich ihn mit 13 – für 99 Mark. Zwei Monatstaschengelder sind dafür draufgegangen, aber er war auch einfach zu schön. Schmaler als der erste, ganz in dunkelblau, ein Gameboy Pocket. Allerdings noch ohne Farbdisplay. Bevor ich selbst dem Gameboyfieber erlag, konnte ich den Zauber dieser kleinen Computerwelt gar nicht ermessen. In der Grundschule war eines meiner Lieblingsspiele, mich an die über einen einzigen Gameboy gebeugte Jungsgruppe anzuschleichen und mit einem blitzschnellen Griff den Ausschalter zu betätigen. Da gab es teilweise Tränen. Das verstand ich erst, als ich selbst eine dieser kleinen Konsolen besaß. Die Wut und Verzweiflung beim Anblick des „Game over“ war einfach nicht in Worte zu fassen und stieg mit jedem Level, das schon erreicht wurde. Mein erstes Spiel war natürlich „Super Mario Land“, aber bis zum Ende bin ich nie gekommen. Eigentlich nur selten über die Unterwasserwelt in Level 6. Gegen diese fiesen, spuckenden Seepferdchen kam ich einfach nicht an. Vor zwei Jahren schenkte mir eine Freundin ein Tetris-Spiel, das sie auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Seitdem nutzt sie häufiger mein Bad. Constanze Nauhaus

Die Klötzchen und das Kosakenlied

Im April 1989 saß ich bei meiner Oma in Köln auf dem Sofa und hörte ein russisches Volkslied namens „Korobeiniki“. Wieder und wieder. Erst jetzt, 25 Jahre später, habe ich den Namen des Liedes und seine Herkunft recherchiert; ich dachte eigentlich immer, es sei exklusiv für „Tetris“ und den Gameboy komponiert worden. Dort dudelte es damals heraus, in Endlosschleife. Ich versuchte, vom Himmel herabregnende Klötzchen so zu schichten, dass sie eine horizontale Linie ergaben. Dazu die Melodie: dü düdildü düdildü düdildü düdildü di dü di dü dü dü. Es war eine Sucht. Pixelig und verheißungsvoll erschien die Moskauer Basilius-Kathedrale auf dem Display, wenn man den Gameboy einschaltete, und dann kamen die Klötzchen und diese Kosakenmelodie, die von der Weite eines riesigen Landes zu erzählen scheint und irgendwie auch von der Melancholie der Menschen, die dort leben. Das ergriff mich genauso wie das Spiel, in dem ich gefühlte Ewigkeiten versank – bis meine Oma mir auf die Schulter tippte. Es sei jetzt genug, sagte sie, ich solle bitte die Musik abstellen. Sie mag Russland nicht, das hat mit dem Krieg zu tun. Felix Müller

Der Kasten und das ewige Spiel

Es gibt wenige Dinge aus meiner Kindheit, die es aus den Kisten im Keller meiner Eltern hinaus und wieder hinein in meine Wohnung geschafft haben. Der Gameboy gehört dazu. Der graue Kasten. Die beiden tiefroten Tasten. Das schwarze Steuerkreuz. Ein Gegenstand, der mich - so komisch das klingt – an etwas Friedliches erinnert. Im Konfirmandenunterricht habe ich ihn damals meiner Sitznachbarin abgekauft. Während der Pfarrer uns Geschichten aus dem Neuen Testament vortrug, habe ich unter dem Tisch „Tetris“ – ohne Ton, versteht sich – gespielt: Die Steinchen, die von oben in das Spielfeld fallen, so gedreht und so verschoben, dass sie am unteren Rand möglichst lückenlose Reihen bilden, vollständig verschwinden und wieder Platz machen für neue Steinchen, die wieder von oben herunterfallen und wieder gedreht und wieder verschoben werden müssen. Es ist ein ewiges, ein gebetsmühlenartiges Spiel. Und irgendwie auch Meditation. Anne Heidrich

Das Daddel-Ding und der Großvater

Als 1987 geborenes Mädchen bin ich stolz, noch einen Gameboy der ersten Generation zu besitzen. Er liegt immer noch zu Hause im Regal und wartet seit Monaten darauf, neue Batterien zu bekommen. Er wäre die stärkste Konkurrenz zu „Candy Crash“ und Co. – soviel ist sicher. Lange Zeit stand der Mini-Computer bei uns zu Hause auf dem Index. Dies führte dazu, dass ich – wann immer ich bei meinem Grundschulfreund Felix zum Spielen war – mit ihm im Kinderzimmer gesessen habe und wir abwechselnd „Kirby’s Dream Land“ oder „Super Mario Land“ gezockt haben, wie wir es – cool wie wir waren – genannt haben. „Tetris“ war uns zu wenig Action. Aber besonders für meine Großmutter, die oft auf meinen Bruder und mich aufgepasst hat, war dieses „Daddel-Ding“ ein rotes Tuch. Besonders, weil sie bei unserem sechs Jahre älteren Cousin den Kampf gegen Donkey Kong und Bowser schon lange verloren hatte. Umso größer war das Gezeter, als mein Großvater irgendwann unser Gebettel nicht mehr aushielt und heimlich, still und leise und ohne ihre Erlaubnis mit uns einen Gameboy kaufen ging. Drei Tage lang hat Oma Rita nicht mit Opa Horst gesprochen. Doch dann wollten wir bei Sonnenschein doch mal wieder mit Fußball und Straßen-Malkreide raus in den Garten. Zum Glück. Wer weiß, ob sie sonst ihre goldene Hochzeit erlebt hätten. Laura Fölmer