19.02.13

Russland

Forscher identifizieren 53 Bruchstücke des Meteoriten

Der Himmelskörper hat beim Eintritt in die Atmosphäre das bis zu 50-Fache der Energie der Atombombe von Hiroshima freigesetzt.

Foto: dpa

Versunken: Ein Loch von sieben Meter Durchmesser im Eis des Tscherbakul-Sees zeugt nach Ansicht von Experten davon, dass hier ein Bruchstück eingeschlagen ist
Versunken: Ein Loch von sieben Meter Durchmesser im Eis des Tscherbakul-Sees zeugt nach Ansicht von Experten davon, dass hier ein Bruchstück eingeschlagen ist

Der am Freitag über der russischen Stadt Tscheljabinsk niedergegangene Meteorit hat eine Energie freigesetzt, die "Hunderten Kilotonnen" des Sprengstoffes TNT entspricht, hat die US-Raumfahrtagentur Nasa berechnet.

Damit hat der Himmelskörper beim Eintritt in die Atmosphäre – grob gerechnet – das 10-, 30- oder 50-Fache der Energie der Atombombe von Hiroshima freigesetzt.

Der Meteorit hatte einen Durchmesser von etwa 16 Metern und wog 7000 bis 10.000 Tonnen. Er war mit einer Geschwindigkeit von 18 Kilometern pro Sekunde (64.000 km/h) auf die Erde gerast und in 50 Kilometer Höhe zerplatzt. Dieser Höhe ist zu verdanken, dass keine Menschen ums Leben kamen, sondern "nur" 1200 verletzt wurden. Durch die Höhe konnte sich die Energie verteilen.

Forscher um Viktor Grochowski von der Universität der Ural-Stadt Jekaterinburg berichten, dass 53 Fragmente des Himmelskörpers am Tscherbakul-See, 80 Kilometer von Tscheljabinsk entfernt, gefunden worden seien. Tests hätten ergeben, dass es sich um echte Meteoritenteile handele, die einen Durchmesser von einem bis zehn Millimeter hätten.

Die Überbleibsel bestünden zu bis zu zehn Prozent aus metallischem Eisen, außerdem aus dem Mineral Olivin und aus Schwefelsalzen (Sulfite). "Das ist ein klassischer Chondrit, eine der verbreitetsten Meteoriten-Arten", sagte Grochowski. Der Fund solle "Meteorit von Tscherbakul" heißen. Der Himmelskörper war am Freitag am Ural auf die Erde gerast. Dabei waren auch etwa 5000 Gebäude beschädigt worden. Ein weiterer großer Meteoritenfund könnte am Boden des Tscherbakul-Sees ruhen. Wissenschaftler hatten kurze Zeit nach dem Meteoritenfall in der Eisoberfläche des Gewässers ein sieben Meter großes Loch entdeckt, das auf ein Meteoritenteil zurückgeführt wird.

40 Verletzte noch im Krankenhaus

Bei Temperaturen von etwa minus 15 Grad kämpfen die Bewohner der Region nun gegen die Schäden. Vor allem zersprungene Fenster von rund 200.000 Quadratmeter Fläche müssen neu verglast werden. Nach den letzten Angaben waren knapp 5000 Häuser betroffen, davon etwa 3700 Wohnhäuser. Um bei der Reparatur auszuhelfen, trafen aus den Nachbarregionen in Tscheljabinsk Handwerker ein, auch mit Fensterglas wurde geholfen. Das Glas ist hier trotzdem knapp, der Preis ist inzwischen um das Anderthalbfache gestiegen. Auch Sperrholz war in den Baumärkten vergriffen.

Die Kraft der Druckwelle wird beim Anblick des Lagers in der Zinkfabrik von Tscheljabinsk deutlich. Das Dach ist eingestürzt, die Betonpfähle sind verbogen, Bruchstücke von rotem Ziegelstein liegen herum. Im Gebäude der Lack- und Farbenfabrik auf der anderen Straßenseite sind die Rahmen verkrümmt.

Viele Patienten erholen sich noch von ihrem Schock und den erlittenen Schnittwunden. Vor allem Glassplitter trafen viele der Verletzten. Sie wurden teilweise Opfer ihrer – verständlichen – Neugier. Sie hatten sich an die Fenster gestellt und nach draußen geblickt, als sie am Freitagmorgen den Feuerball am Himmel und dessen gleißenden Schein auf den Straßen gesehen hatten. Die danach eintreffende Überschall-Druckwelle zertrümmerte dann die Fenster und verletzte sie.

Am Montag lagen noch 40 Verletzte in Kliniken, wie etwa Grigori Senjutin, der eine Gehirnerschütterung bekam. Der 17-Jährige studiert Pharmazie und saß am Freitagmorgen im Seminarraum, als grelles Licht den Himmel erhellte. Im ersten Moment waren alle überrascht, dann ging der Unterricht weiter. Doch ein paar Minuten später schüttelte sich das Gebäude, es knallte. Senjutin flog anderthalb Meter von seinem Stuhl, ein Fensterrahmen fiel ihm auf den Kopf. "Mein erster Gedanke war: Das ist ein Terroranschlag", sagt er. Die Studenten liefen in Panik auf die Straße. Alle versuchten, ihre Freunde und Verwandte in anderen Stadtteilen anzurufen, doch die Mobilfunknetze brachen zusammen.

Weil zunächst keine Meteoritentrümmer gefunden worden waren, kursierten am Wochenende zahlreiche Spekulationen über den Grund des Ereignisses – auch wenn die US-Weltraumbehörde Nasa die Explosion eines großen Himmelsbrockens über Russland bestätigt hatte.

Zivilschutzminister Wladimir Putschkow hatte die Zweifel am Himmelskörper noch gefördert. Er sagte, dass es bisher keine handfesten Beweise für einen Meteoriten gebe. Zuvor hatten Taucher stundenlang im See Tschebarkul nach Meteoritenteilen gesucht. Vizegouverneur Igor Murog überraschte sogar mit der Aussage, das auf dem zugefrorenen See bewachte sieben Meter große Loch sei wohl anderen Ursprungs. Dabei hatten sich viele gleich über die wie mit Zirkel und Säge erstellte Öffnung gewundert. Das sah für manche eher wie die saubere Arbeit von Eisfischern aus, die das Gewässer für ihr winterliches Angelvergnügen mit viel Wodka nutzen. Zumindest die Wasserproben seien unauffällig und auch ohne radioaktive Strahlung, teilten die Behörden mit. Fast täglich betonen offizielle Stellen, dass die gemessenen Strahlenwerte im natürlichen Bereich lägen.

Ereignis war nicht vorhersehbar

Vor allem Atomkraftgegner aber zeigen auch auf die großen zusätzlichen Gefahren eines Meteoriteneinschlags. "Die Gebiete Tscheljabinsk und das benachbarte Swerdlowsk sind Orte, an denen sich Nuklearanlagen konzentrieren", warnte die Moskauer Stelle der Umweltorganisation Greenpeace. Auch die große atomare Wiederaufbereitungsanlage Majak liege ganz in der Nähe. Die russische Regierung verkenne das Risiko solcher Katastrophen für Atomanlagen, kritisiert Greenpeace-Mitarbeiter Wladimir Tschuprow.

Auch die Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" malte aus, zu welch einer schlimmen Atomkatastrophe es hätte kommen können. Viele Astronomen, Militärexperten und Wissenschaftler machen aber auch deutlich, dass der Meteorit wegen seiner geringen Größe und der extremen Schnelligkeit vorher nicht zu entdecken gewesen war. Die russische Regierung will dennoch über ein eigenes Frühwarnsystem nachdenken. Die US-Raumfahrtagentur Nasa unterhält zusammen mit Partnern der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) bereits ein Meteoritenfrühwarnsystem. Das hatte unter anderem die Bahn des Meteoriten 2012 DA14 exakt berechnet, der am Freitagabend die Erde in 28.000 Kilometer Entfernung passierte. Dieser Himmelskörper misst allerdings auch 43 Meter im Durchmesser, also etwa dreimal mehr als der über Tscheljabinsk niedergegangene Meteorit. 2012 DA14 war dadurch bereits vor rund einem Jahr von spanischen Forschern am Himmel entdeckt worden.

Der Einschlag des Meteoriten im Ural ist nach erster Einschätzung der Esa unter den registrierten der größte seit dem sogenannten Tunguska-Ereignis in Sibirien von 1908. "Das am Freitag war außergewöhnlich", sagte ein Esa-Sprecher am Montag in Darmstadt. In Sibirien raste 1908 eine riesige Druckwelle durch die bewaldete Einöde und knickte auf 2000 Quadratkilometern die Bäume um. Allerdings wurde das Ereignis in der Taiga erst weit später als Meteoritenereignis registriert, weil die Absturzregion praktisch unbewohnt war. Personen- und Gebäudeschäden waren keine bekannt geworden.

Quelle: BM
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