16.11.12

Außerirdische

Ja, wo fliegen sie denn?

Warum die Ufo-Szene vor ihrem Ende steht.

Foto: picture alliance /

Das wohl berühmteste „Ufo“: Das Raumschiff „Enterprise“
Das wohl berühmteste "Ufo": Das Raumschiff "Enterprise"

Man schmunzelt über sie, einige von ihnen schmunzeln mit, auch wenn andere die Dinge stets sehr ernst betrieben. Jetzt ist die ganze Bewegung in der größten Krise ihrer Geschichte: die Ufologen-Szene. Am Sonnabend trifft sie sich in der Universität im englischen Worcester zum Kongress. Denn es sind denkbar schlechte Zeiten für die Freunde fliegender Untertassen. Die Botschaft von Dave Woods, Sprecher der bedeutendsten Ufologen-Vereinigung, dem "Verband zur wissenschaftlichen Erforschung anormaler Phänomene", klingt wenig erbaulich: "In zehn Jahren könnte das Ganze tot sein, das Ausbleiben jeglicher bewiesener Vorkommnisse lässt die Vermutung zu, dass da draußen nichts ist."

Ufos, "unbekannte Flugobjekte", hatten lange Jahre eine wachsende Schar Interessierter in ihren Bann gezogen, hatten die Ufologie begründet, eine Art Grenzwissenschaft, von privaten Enthusiasten betrieben und gefördert. Von überall und nirgends her sammelten und interpretierten sie Nachrichten von Himmelserscheinungen, allzeit bereit für den Empfang außerirdischer Lebewesen oder auch irdischer feindlicher Mächte in geheimem, neu entwickeltem Fluggerät.

Am Himmel ist alles möglich

Schon immer faszinierten Berichte von Himmelserscheinungen die Menschen. Doch seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg häuften sie sich stark, auch von Militärpiloten der Alliierten. Die Entwicklung der Luftfahrt war in vollem Gange, die Raumfahrt wurde durchdacht. Raketen, Düsenantrieb, Hubschrauber und anderes ließ die Menschen glauben: Am Himmel ist alles möglich. Auch unerklärliche Phänomenen fanden eine Erklärung: das geheime Spiel der Mächte eben.

Die Verteidigungsministerien der USA und Großbritanniens richteten Kommissionen ein, auch die CIA schuf Planstellen für die Ufo-Erforschung. Erzählungen gab es genug, die amtlichen Ermittler hatten es – bis ins 21. Jahrhundert – zu tun mit einer Gemengelage aus Luftspiegelungen, Träumereien, Wichtigtuereien, auch Lügenkartellen ganzer Besatzungen, aber auch tatsächlichen geheimen Entwicklungen – und eben auch Unerklärlichem.

Der bekannteste Fall ist der von Roswell

Manche berühmten Fälle wurden zu sinnstiftenden Schlüsselereignissen der Ufologie – und der Popkultur: Der bekannteste ist sicher jener von Roswell in New Mexico. Dort sollte 1947 ein Ufo abgestürzt und die Insassen umgehend von Angehörigen einer nahen Luftwaffenbasis abgeholt worden sein. Immer wieder war in Zeitungen davon zu lesen, dass sich Militärs dazu geäußert hätten ("Was immer es war, es kam nicht von der Erde"). Wiederholte offizielle Dementis und Hinweise darauf, es seien Reste eines Wetterballons gewesen, konnten dies nicht verhindern.

Das kleine Roswell schaffte es zu großer Berühmtheit: Touristen pilgerten in Scharen dorthin, in Filmen und Fernsehserien wie "Independence Day", "Men in Black" und "Akte X" waberte die dort angezettelte Ufo-Verschwörung der amerikanischen Regierung regelmäßig – und bis Ende der 90er-Jahre erfolgreich – durch die Kinos und Wohnzimmer der Erde.

Unterfüttert wurde der Ufo-Hype, der es auch in viele Comics und sogar erfolgreich ins Musikgeschäft schaffte (der Name der Band "Foo Fighters" ist ein auf Kampfpiloten zurückgehender Ausdruck für Ufos), durch immer neue Berichte über die Sichtung von Außerirdischen. Im Dezember 1980 beispielsweise, so verlautet es in der Szene, hätten Militärs im englischen Rendlesham Forest leuchtende Ufos gesehen, einige gar angefasst, bevor das Geschwader wieder auf und davon sei. Angeblich wurden später an der Stelle Abdrücke und erhöhte Radioaktivität festgestellt.

Geheimhaltung ist schließlich oberstes Gebot

Einige Zeitungen berichteten 1990 von Ufos über Belgien, angeblich von mehreren Tausend Personen beobachtet. Kampfjets der Nato seien aufgestiegen. Piloten wurden zitiert, die gesehen haben sollen, dass die Objekte in der Luft stillgestanden und dann blitzartig auf 1800 km/h beschleunigt hätten. Nach einigen Berichten soll all dies in der Nacht vom 30. zum 31. März geschehen sein, was auf die Vorbereitung eines Aprilscherzes hindeuten könnte.

Viele ähnliche Fälle zirkulieren in der Szene. Wer recherchiert, stößt meist auf die gleiche Agenda. Zunächst werden vertrauenswürdige Zeugen angeführt, etwa Militärs oder Beamte. Prüft man die Quellen jedoch, landet man meist in Mitteilungsblättern der Ufologen-Szene. Oder in offiziellen Dementis – für die Hartnäckigen nur eine Bestätigung. Geheimhaltung ist schließlich oberstes Gebot.

Die Zahl neuer Berichte sank seit 1988 um 96 Prozent

Lediglich ein dünner Bodensatz an bis heute unerklärlichen Himmelserscheinungen bleibt übrig, den allerdings selbst die Ufologen nicht mehr als ausreichend für ihre Passion ansehen. Die Berichte Einzelner, die behaupten, von Ufos entführt worden zu sein, häuften sich zwar zuletzt, aber auch dies ist kein wirklicher Ersatz. Ober-Ufologe Woods beklagt, dass sich die alternde Gemeinde immer stärker an lange zurückliegenden Fällen wie Roswell aufrichte. Die Anzahl neuer Berichte sei seit 1988 um 96 Prozent gesunken.

Letztlich dürfte es die rasante Entwicklung der Kommunikationstechnik sein, die in der Nachkriegszeit die Ufo-Fantasien beflügelte, die ihnen heute aber den Garaus macht. Internet, Twitter, Facebook hat die Menschen rund um die Welt zu Nachbarn gemacht, bei denen jeder zu jeder Zeit nachfragen kann, was denn dort los sei – oder eben auch nicht. Erfundene Ufo-Berichte ziehen eben nicht mehr.

Das britische Verteidigungsministerium gab im Frühjahr bekannt, dass man kein Geld mehr für die Erforschung von Ufos bereitstellen werde. Manche wollen sich mit alldem nicht abfinden. Nick Pope, der von 1991 bis 1994 im Ministerium für Ufos zuständig war, meint, die Ufo-Enthusiasten sollten mehr Wert auf Qualität statt auf Quantität legen. Es gebe zu viele erkennbare Fake-Videos über Ufo-Sichtungen im Internet. Das sei der Sache nicht förderlich. Und die ist schließlich alles andere als ein exzentrisches Hobby.

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