26.11.12

Interview

Für Johanna Wokalek hat jede Krise etwas Sinnvolles

"Anleitung zum Unglücklichsein" heißt der neue Film von Schauspielerin Johanna Wokalek. Über Glück und Unglück sprach sie mit Peter Zander.

Von Peter Zander
Foto: dpa

Als Feinkostladenbesitzerin Tiffany Blechschmidt ist Schauspielerin Johanna Wokalek verträumt und abergläubisch
Als Feinkostladenbesitzerin Tiffany Blechschmidt ist Schauspielerin Johanna Wokalek verträumt und abergläubisch

Johanna Wokalek wirkt verträumt, verschusselt und ohne jedes Selbstbewusstsein. Aber nur in ihrem neuen Film "Anleitung zum Unglücklichsein". In Wirklichkeit strahlt sie, als wir ihr im Berliner "Hotel de Rome" gegenübertreten, noch mehr als sonst. Und auch von unglücklich kann keine Rede sein: Die 37-Jährige hat im April den Dirigenten Thomas Hengelbrock geheiratet und wurde erst vor zwei Monaten Mutter eines Jungen.

Frau Wokalek, waren Sie je unglücklich?

Ja, war ich. Das war Liebeskummer. Und infolge davon, ja, das kann man so sagen, eine richtige Krise. Das hat sicher jeder mal in seinem Leben. Das ist vielleicht sogar notwendig, weil auf eine Krise immer auch ein Neuanfang folgt und man gestärkt, gereift daraus hervorgeht. Insofern haben Krisen immer auch etwas Sinnvolles – wenn sie in einem Maß des Ertragbaren bleiben.

Jetzt spielen Sie die Hauptrolle in "Anleitung zum Unglücklichsein". In Paul Watzlawicks Bestseller geht es ja eher um das Gefühl, unglücklich zu sein, obwohl man es gar nicht ist. Kennen Sie das auch?

Die Krise ist ja sozusagen der überhöhte, der zugespitzteste Moment, dass man das Glück nicht sieht, nicht sehen kann. Aber natürlich gibt es das in reduziertem Maße auch im Alltag, dass man Phasen hat, wo man die Dinge eher grau sieht. Und das Gefühl hat, dass man dauernd stolpert.

Sie haben auf die Frage, ob Sie Optimist oder Pessimist seien, geantwortet, Optimist, aber Mist ist immer dabei. Ein klassischer Watzlawick-Moment?

Na ja. Ich glaube, das Wichtigste im Leben ist die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können. Das erleichtert viel. Wir Schauspieler haben diese Fähigkeit in uns, sonst könnten wir uns diesen unterschiedlichen Charakteren gar nicht so aussetzen. Und das hilft. Herr Watzlawick hat natürlich einen sehr ironischen Ansatz gehabt, mit dieser Frage nach der Glückssuche umzugehen.

Hatten Sie den Watzlawick gelesen?

Nein, das habe ich wirklich erst durch das Drehbuch kennengelernt. Anscheinend kennen den aber sehr viele. Immer wenn ich sagte, dass ich in diesem Film mitspielen würde, hieß es: "Ach ja, das ist doch der mit der Geschichte mit dem Hammer." Das ist offensichtlich sehr präsent.

Damals war das eine Parodie auf all die Ratgeberlektüren. Hat das heute noch Bestand?

Unbedingt. Ich kenne mich mit Ratgebern jetzt nicht so aus, bin da also nicht so das Zielpublikum. Aber offensichtlich ist das Bedürfnis immer noch groß, das boomt ja. Immer wenn ich in eine Buchhandlung gehe, denke ich, man müsste mal so einen Ratgeber zum Glück kaufen, damit man auch ganz sicher glücklich wird. Man wird ja fast schon dazu genötigt.

Sind Sie denn jemand, der auf Ratgeber und Anleitungen hört? Etwa im Max-Reinhardt-Seminar? Sie waren Schülerin von Klaus Maria Brandauer.

Das Schöne an dieser Zeit war das, was nicht schulisch war. Schauspielschulen sind, finde ich, ansonsten nicht sehr dienlich. Sie bieten aber die Plattform und die Möglichkeit zur Begegnung mit Persönlichkeiten, mit starken Persönlichkeiten. Klaus Maria Brandauer ist so eine. Die "Anleitung" findet eigentlich dadurch statt, dass man sich begegnet und sich dazu verhalten muss. Am Ende aber auch wieder abnabeln und abgrenzen muss, um selber bestehen zu können. So wie bei meiner Figur der Abnabelungsprozess von der Mutter, die wie ein Über-Ich in ihrem Kopf spukt, noch als sie längst tot ist.

Wie lange war der Abnabelungsprozess von Ihrer Mutter?

Da kann ich jetzt auch keinen klaren Stichtag nennen. Das sind eher so alltägliche Feststellungen, dass man plötzlich merkt, dass einem bestimmte Farben stehen. Obwohl man sie als Kind nie getragen hat, weil die Mutter sie nicht passend fand. Oder bei bestimmten Frisuren. Und plötzlich entdeckt man einen anderen, befreiten Blick auf sich. Und stellt fest: Das stimmt doch gar nicht, das steht mir sehr wohl.

Dass Sie die Hauptrolle in "Anleitung zum Unglücklichsein" spielen, ist doch eigentlich eine Fehlbesetzung. Keiner könnte Sie übersehen, so ein graues Mäuschen waren Sie nie.

Die Idee von Sherry Hormann war aber auch, jetzt nicht so ein phänotypisch graues Mäuschen zu zeigen. Sherry sagte, die soll schon hübsch aussehen, das Problem sollte mehr ein inneres sein. Nicht die Zahnspange, keine Brille, nicht so äußerliches Aschenbrödel, das sich zur Prinzessin wandelt. Genau darum geht es ja: Das Glücksempfinden ist ja immer auch bestimmt von einem Blick von außen. Wenn jemand gut aussieht oder Erfolg hat, muss der doch glücklich sein. Gerade heute ist man geneigt, sich gar nicht mehr persönlich zu begegnen, sondern nur noch über kurze Scan-Blicke wahrzunehmen und einzuordnen. Dass jemand vielleicht nicht so selbstbewusst ist, das nehmen wir ja gar nicht wahr.

Wie viel von ihrer Rollenfigur Tiffany Blechschmidt steckt denn wirklich in Ihnen?

Ich glaube, dass in jedem von uns etwas von Tiffany steckt. Da waren viele Aha-Effekte, wo ich mich wiedererkannt habe.

Dann stecken wir mal ein paar Momente ab. Kochen Sie?

Ja. Aber jetzt nicht so wie Tiffany, die einen ganzen Laden bekocht. Wenn ich Ratgeber bräuchte, dann ganz klar Kochbücher.

Sind Sie verträumt?

Unbedingt. Das bin ich. Ich glaube, das Träumen ist eines der schönsten Dinge ist, die wir Menschen haben. Nichts wäre schlimmer, als wenn wir keine Träume hätten. Dazu stehe ich voll.

Abergläubisch?

Ja. Natürlich auch wegen des Theaters. Da spielt Aberglaube eine große Rolle. Und den Regeln, die da herrschen, muss man sich auch voll unterwerfen. Sonst bringt es de-fi-ni-tiv Unglück.

Wie verhält es sich mit Nervositätsausschlag beim ersten Date?

Oh ja, das ist mir ganz vertraut. Ich erinnere mich an ein erstes Date, da habe ich eine heiße Schokolade getrunken. Und am Ende waren unter der Untertasse ein Haufen kleiner Papierkügelchen von der Papierserviette, die ich währenddessen zerknüllt habe. Das war ein sehr plastisches Bild für meine Nervosität, die ich da hatte.

Im Gegensatz zu Tiffany sind Sie aber kein Single. Und Sie erleben gerade auch ein ganz neues Glück: Sie sind vor zwei Monaten Mutter geworden. Ist das eine Zäsur, leben Sie jetzt komplett anders?

Ja, das war ein fundamentales Ereignis. Das ist vielleicht das letzte Wunder, das uns Menschen noch vergönnt ist. Ich habe mir das vorher nicht vorstellen können. Das ist ein ganz neues Leben, auf einen Schlag ein anderes, auch viel reiferes. Und ein unfassbares Glück.

Werden Sie sich die nächste Zeit erst mal rar machen, um sich um Ihren Sohn zu kümmern?

Das ist jetzt alles noch ganz frisch. Heute ist überhaupt der erste Tag, wo ich mal wieder etwas für die Schauspielerei tue, indem ich Interviews für den Film gebe. Ich bin ganz glücklich, dass ich so viel Zeit habe und da sein kann für ihn. Das kann man kaum beschreiben, was da in kurzer Zeit so alles passiert in so einem kleinen Wesen, wie schnell die sich entwickeln. Ich bin so froh, dass ich bei ihm bin, das erste Lachen miterleben darf, das erste Jauchzen und Kreischen...

Er ist jetzt hier im Hotel?

Ja. Er bereist heute zum ersten Mal die Hauptstadt.

Dann wollen sie wahrscheinlich am liebsten gleich wieder hoch?

Nein, das muss sich schon einpendeln. Der Tagesrhythmus ist momentan ganz verlässlich von seiner Seite. Aber es ist so, dass man wie mit einem unsichtbaren Ariadne-Faden immer mit dem Kind verbunden ist. Ich habe da als Mutter irgendwie ein Ur-Gefühl, einen Instinkt, dass ich genau weiß, dass er gut aufgehoben sein muss.

Das Theater hat jetzt erst mal Pause?

Erst mal ja. Ich habe ja noch sehr lange gespielt, auch als ich schon schwanger war. Als ich hier beim Theatertreffen in Berlin aufgetreten bin, war der Kleine quasi schon das erste Mal auf der Bühne. Das Burgtheater hat ein großes Repertoire und kann es sich vielleicht am ehesten leisten, auf gewisse Produktionen, in denen ich spiele, zu verzichten. Aber natürlich hoffen die schon, dass ich bald zurückkomme.

Sie neigten bei Ihrem Spiel zuweilen fast zur Verausgabung. Wird man da als Mutter vorsichtiger, gibt man in Zukunft vielleicht weniger, um Reserven zu behalten?

Das kann ich natürlich noch nicht sagen. Ich weiß nur, in der Schwangerschaft war es spannend zu erleben, wie eklatant unterschiedlich die Zustände auf der Bühne sind. Aber das ist so schön an diesem Beruf, dass das Leben überall stattfinden kann. Dann ist der Kleine halt mit dabei, das fließt alles so ineinander über. Und das ist schön.

Sie führten bislang eine Fernbeziehung zwischen Wien und Hamburg. Wie wird das in Zukunft aussehen?

Jetzt bin ich natürlich erst mal mehr in Hamburg. Wie das sein wird, wenn ich in Wien spiele, muss man ausprobieren. Das Wichtigste ist, wie der Kleine damit umgehen wird. Aber heute kann ich schon mal sagen: Er hat die zweite Nacht im Hotel übernachtet und, das war wie ein Segen, er hat super geschlafen, zum ersten Mal eigentlich. Vielleicht wird es ja doch ein Reisekind, vielleicht macht ihm das ja nichts aus.

Ihr Mann ist Dirigent. War das eine neue Welt für Sie?

Die Musik war schon immer Teil meines Lebens. Ich habe viele Jahre Klavier gespielt, auch wenn das dann später, wegen des Schauspielens, verschwunden ist. Das war einfach nicht alles unter einen Hut zu bekommen. Natürlich ist das jetzt eine große Bereicherung für mich, wenn man Musik noch mal so erleben kann, dass man teil hat an ihr und Konzerte mehrmals hören kann. Es ist sehr schön sich auszutauschen, zumal es auch Überschneidungen gibt in der Welt der Musik und des Schauspiels.

Ihr Mann ist 17 Jahre älter. Gibt es noch diese Klischees wegen des Altersunterschieds?

Das scheint tatsächlich immer noch zu beschäftigen. Ich finde das unheimlich spießig. Es hat ja immer schon solche Paare gegeben, gerade unter Künstlern, Schauspielern, Malern. Entweder man liebt sich oder man liebt sich nicht. Da ist das Alter keine Frage mehr. Uns ist das jedenfalls wurscht.

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