Bereits vor seinem Eintreffen an der dicht besiedelten US-Ostküste hat Hurrikan „Sandy“ das Leben von Millionen Amerikanern durcheinandergewirbelt. Mit beispiellosen Maßnahmen wappneten sich Bürger, Behörden und Unternehmen gegen das erwartete Jahrhundert-Unwetter: Aus Angst vor dem Monstersturm sollten allein in New York fast 400.000 Bewohner ihre Häuser verlassen, insgesamt bedrohte der Sturm fast 50 Millionen Menschen. Tausende Flüge wurden gestrichen, darunter auch Verbindungen nach Deutschland. Allein die Sturmschäden könnten sich nach Ansicht von Fachleuten auf mehr als drei Milliarden Dollar (2,3 Mrd Euro) belaufen.

Wetterexperten befürchten, dass der Hurrikan im Nordosten der USA auf einen Wintersturm stoßen könnte. Diese Kombination könnte zum schwersten Unwetter seit August 1991 führen. Damals tötete Hurrikan „Bob“ an der Ostküste vier Menschen und verursachte von South Carolina im Süden bis Maine im Norden hohe Schäden.

Schäden in Milliardenhöhe werden erwartet

In der am dichtesten besiedelten Region des Landes kam außerdem der öffentliche Nahverkehr vielerorts zum Stillstand, so auch in der Finanzmetropole New York. Dort wurde der Handel an der Wall Street für Montag ebenso abgesagt wie auch zahlreiche Geschäftstermine. Schulen, Läden sowie Behörden bleiben auch in der Hauptstadt Washington geschlossen. Flüge wurden bereits gestrichen, Tunnel und Brücken gesperrt sowie Küstengebiete evakuiert. Rund 50 Millionen Amerikanern drohen Stromausfälle, Überschwemmungen und Schäden in Milliardenhöhe.

Erwartet wurden Flutwellen von mehr als drei Metern Höhe, wenn der Wirbelsturm Montagabend (Ortszeit) voraussichtlich nahe Atlantic City in New Jersey das nordamerikanische Festland erreichen wird. Die für ihre zahlreichen Casinos bekannte Stadt liegt rund 200 Kilometer südlich von New York City.

„Sandy“ soll zwischen Washington und Boston auf Land treffen

Vor der Präsidentenwahl am 6. November gefährdet „Sandy“ auch Terminpläne im Endspurt des Wahlkampfs. Präsident Barack Obama rief für die Millionenmetropolen Washington und New York sowie die Bundesstaaten Maryland und Massachusetts den Notstand aus. Er sprach von einem gefährlichen Sturm. Bewohner sollten den Warnungen der Behörden folgen. Der Amtsinhaber will vor der Wahl unbedingt ein Desaster wie nach Hurrikan „Kathrina“ vor sieben Jahren vermeiden. Der damalige Präsident George W. Bush geriet 2005 heftig wegen der unkoordinierten Hilfe der Regierung in die Kritik.

Die Menschen in den betroffenen Bundesstaaten deckten sich mit Vorräten ein. Knapp wurden Wasserflaschen, Lebensmittel in Dosen, Taschenlampen und Batterien. In New York, Washington und Philadelphia wurden die öffentlichen Verkehrsnetze stillgelegt. Schulen, Unis, Büros, Läden, Lokale oder auch Theater blieben bis auf Weiteres geschlossen. Die Börsen in New York setzten den Handel aus, auch die Vereinten Nationen sagten ihren Betrieb für Montag ab.

Hurrikan „Sandy“ soll am Montagabend (Ortszeit) irgendwo zwischen Washington und Boston auf Land treffen. Am frühen Montagmorgen (Ortszeit) befand sich „Sandy“ mit Spitzengeschwindigkeiten von fast 140 Stundenkilometern im Innern (86 Meilen pro Stunde) noch etwa 600 Kilometer südöstlich von New York. Er bewegte sich mit etwa 24 Stundenkilometern, gewann aber an Fahrt.

Sowohl Obama als auch sein Herausforderer Mitt Romney sagten Auftritte ab. Es gibt düstere Prognosen, nach denen der Sturm zu weit verbreiteten Stromausfällen führen wird, die bis zum Wahltag auch die Stimmabgabe beeinträchtigen könnten. Andererseits bietet die Katastrophe den Wahlkämpfern auf der Zielgeraden eine neue Bühne.

Sturm bringt legendäre „HMS Bounty“ in Seenot

Auf hoher See brachte „Sandy“ die Besatzung des legendären Filmschiffes „Bounty“ in Seenot. Die Küstenwache war am Montagmorgen (Ortszeit) unterwegs, um die 17 Mann des 1960 nachgebauten Dreimasters zu retten. Die Besatzung habe das Schiff aufgegeben und sei etwa 150 Kilometer südöstlich von North Carolina mit Überlebensausrüstung in zwei Boote gegangen, berichtete der lokale Fernsehsender WTKR. Zuvor war gemeldet worden, dass das Schiff antriebslos treibe. Die Küstenwache konnte die meisten Besatzungsmitglieder retten, zwei wurden allerdings vermisst.

Die „Bounty“ ist der Nachbau des zwei Jahrhunderte älteren Originalschiffes, auf dem sich die berühmteste Meuterei der Seefahrtsgeschichte ereignet hatte. Der 1960 gebaute Dreimaster diente Marlon Brando und Trevor Howard als Kulisse der 1962 entstandenen Hollywoodlegende „Die Meuterei auf der Bounty“. Seit einigen Jahren segelt er von einem Hafen bei New York aus in den Atlantik. Ob das führerlose Schiff den Hurrikan überstehen kann, ist zweifelhaft.

67 Menschen sterben in der Karibik durch „Sandy”

Um die Sicherheit der Händler und Angestellten nicht zu gefährden, ordnete die US-Wertpapieraufsichtsbehörde SEC in New York an, dass die bekanntesten Börsen der Welt, die New York Stock Exchange (NYSE) und die elektronische Börse Nasdaq, mindestens am Montag geschlossen blieben.

Die Schiffe der Navy, die im Hafen Norfolk im Bundesstaat Virginia liegen, wurden verlegt. 61 000 Mitglieder der Nationalgarde waren in Katastrophen-Bereitschaft. Vielerorts sicherten Menschen ihre Häuser mit Brettern und Sandsäcken.

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg forderte am Sonntag 375.000 Bewohner auf, ihre Häuser zu verlassen – vor allem in den niedriger gelegenen Stadtteilen im Süden Manhattans, darunter das bekannte Viertel Tribeca.

Auch für Inseln vor New York sowie für die Bewohner von Inseln vor New Jerseys Küste wie Long Beach Island gab es Evakuierungsbefehle. Vielerorts wurden Klassenräume zu Notunterkünften.

In der Karibik hatte „Sandy“ nach jüngsten Angaben 67 Menschen in den Tod gerissen.

Flüge in die USA aus Deutschland gestrichen

Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt sind am Montag wegen des Hurrikans „Sandy“ bereits zwölf Flüge in die USA gestrichen worden. Betroffen seien Passagiere mehrerer Airlines, sagte ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport. Die meisten der Maschinen sollten in Richtung New York abheben, abgesagt wurden auch Flüge nach Boston, Washington und Philadelphia. Fluggästen riet der Sprecher, sich bei ihren Fluggesellschaften zu informieren.

Allein die Lufthansa strich bundesweit für Montag und Dienstag insgesamt 13 Flüge an die US-Ostküste – zunächst war von 15 die Rede gewesen. „Wir konnten zwei Flüge wieder einrichten“, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft. Die beiden Maschinen sollten erst nach Durchzug des Wirbelsturms landen.

Die Fluggesellschaft Air Berlin strich beispielsweise in Düsseldorf jeweils drei Flüge von und nach New York.

Abgesagt wurden Flüge an den Airports Frankfurt, München und Düsseldorf. Mit den Verbindungen in die Vereinigten Staaten sollten auch die Rückflüge nach Deutschland ausfallen.

Reuters/dpa/nbo