20.08.12

Jimmy Jump

Der berühmteste Flitzer der Welt zieht nach Berlin

Stören als Hauptberuf: Er liebt öffentliche Auftritte und hat in vielen Ländern Stadionverbot. Jetzt versucht er sein Glück in Berlin.

Von Tim Röhn

Jimmy Jump ist der Albtraum für Sicherheitskräfte, er hat in Dutzenden Ländern Stadionverbot. Wenn er sich ankündigt, hängen Fotos von ihm am Einlass, um ihn abzufangen. In Spanien mögen sie ihn außerhalb von Katalonien auch deswegen nicht, weil er bei seinen Auftritten stets versucht, irgendwem seine rote Barretina aufzusetzen, eine katalanische Kopfbedeckung. Jaume Marquet alias Jimmy Jump kämpft für die Unabhängigkeit der Region – ab sofort von Berlin aus. Und er hat noch viel mehr vor.

Ein schlanker Mann, die Haare kurz geschoren, auf dem blauen T-Shirt die Aufschrift "Oktoberfest", albert in einem Café in Berlin-Mitte herum, zum Glück sind gerade keine anderen Gäste da. Er zwinkert der Kellnerin zu, springt von seinem Barhocker auf, dreht sich um und reißt das Shirt hoch. Auf seinem Rücken prangt ein großes Tattoo: "Jimmy Jump".

Jimmy mogelt sich auf die Bühnen

Jaume Marquet, 37 Jahre alt, nicht Spanier, sondern Katalane, worauf er, wie erwähnt, viel Wert legt, bislang wohnhaft in Sabadell bei Barcelona, ist Jimmy Jump, der berühmteste Flitzer der Welt. Der Herr hat es sich vor zehn Jahren zur Lebensaufgabe gemacht, weltweit bei Sportveranstaltungen über den Rasen zu rennen – oder besser: zu flitzen – und sich bei gesellschaftlichen Großevents auf die Bühne zu mogeln. Er störte bei der Fußball-EM 2004, beim Formel-1-Rennen in Barcelona im gleichen Jahr, beim Rugby-WM-Finale 2007, bei einem Fußball-EM-Halbfinale 2008, beim WM-Finale 2010, beim Eurovision Song Contest 2010, bei der Verleihung der Goyas 2011. Und das ist eine arg verkürzte Übersicht.

Weil er damit etwas Rebellisches ausstrahlt, gibt es aber viele Menschen, die mögen, was er tut: den sekundengenau durchorganisierten Ereignissen etwas Spontanes, Verrücktes abringen. 230.000 Facebook-Fans hat Jimmy Jump, mindestens ein Drittel davon sind Deutsche. Eine Dokumentation über sein Leben, "One Minute Of Glory", läuft weltweit bei diversen Filmfestspielen.

Als die Kellnerin bemerkt, dass sich der Gast halb entblößt hat, grinst sie ihn höflich an, sie hat schnell begriffen: Anerkennung, Aufmerksamkeit – danach sehnt sich der Mann. Marquet zieht sein Shirt wieder an, grinst zurück und zieht mit der rechten Hand ein Papier aus seiner Tasche. Er tippt mit dem Zeigefinger der linken Hand darauf und sagt: "Ick bin uno Berliner!"

"Wenn es nicht in Berlin klappt, dann nirgendwo."

Marquet hat sich am 14. August im Bürgeramt des Berliner Stadtteils Steglitz-Zehlendorf angemeldet, er wohnt jetzt bei einem Freund in der Hauptstadt. "Die Krise", sagt er und schüttelt den Kopf: "Als Flitzer bist du in Spanien nichts." Wenn Marquet solche Sätze sagt, ist seine Mimik starr. Er meint das ernst. In Deutschland könne er besser leben, "hier kann ich Geld verdienen als Flitzer". Er will Sponsoren finden, die Slogans auf sein Shirt drucken, wenn er durch die Bundesliga-Stadien rennt. Er will ein eigenes Modelabel: Jimmy-Jump-Schuhe, Jimmy-Jump-Shirts. "Wenn es nicht in Berlin klappt", sagt Marquet, "dann nirgendwo." Nebenbei will er in einem Restaurant oder einer Bar kellnern, "dort könnte ich zur Attraktion werden". Irgendetwas scheint ihm zu sagen: In Deutschland, da haben sie auf einen wie mich gewartet. Man muss ihm jetzt nicht mit Statistiken über Arbeitslosigkeit in Berlin kommen, er sieht das pragmatisch: "Berlin ist die schönste Stadt der Welt. Man muss etwas riskieren."

Zu verlieren hat Jaume Marquet nichts. Bis vor zwei Jahren arbeitete er als Buchverkäufer, dann warf man ihn raus, weil er statt in den Laden in irgendein Stadion fuhr, um über den Platz zu sprinten. Seitdem versucht er, Profit aus seiner Berühmtheit zu schlagen. Auf seiner Homepage gibt es Shirts mit dem Aufdruck "Salta Salta Jimmy Jump", ansonsten ist nicht ganz klar, wie er sich über Wasser hält. Weil er den spanischen Behörden knapp 200.000 Euro an Strafen für seine Taten schuldet, hat er kein Konto. "Irgendwann ist das dann verjährt", sagt Marquet, "das hat mir ein Anwalt gesagt."

Marquet hat keine Kinder, keine Freundin, seine Mutter hat schon vor Jahren gesagt: "Lass mich mit dieser Flitzerei in Ruhe." Eigentlich hat ihm sein Hobby – "mein Beruf!", korrigiert Marquet – nur Ärger eingebracht. Aber damit aufzuhören, davon will er nichts wissen. "Ich höre nie auf. Ich bin Flitzer, das ist mein Leben. Die Leute sind fröhlich, wenn sie mich flitzen sehen. Nein, nein, es gibt keine Alternative." Was es ihm bringt? Er sagt, er will die Menschen lachen sehen. Und ihnen zeigen, dass man jede Grenze überwinden kann. Man müsse sich nur trauen. Das Flitzen ist eine Art Mission für Marquet geworden.

Kein Geld für Olympia

Viele Sportfans hatten damit gerechnet, Jimmy Jump bei der EM in Polen und der Ukraine und bei den Olympischen Spielen in London zu sehen. Aber Jimmy war zu Hause. "Ich konnte den Flug nicht bezahlen und musste Kraft tanken. Jetzt bin ich wieder bereit."

Sein Comeback wollte er eigentlich beim Fußball-Supercup in München feiern. Polizisten beobachteten, wie er sich ohne Ticket an den Ordnern vorbei ins Stadion mogelte. Sie nahmen ihn fest und zeigten ihn wegen Hausfriedensbruchs und versuchter Leistungserschleichung an. "Nicht gut gelaufen", sagt Marquet, "aber es war ja nicht das letzte Mal."

Seine ersten Pläne für Berlin sind: "Deutsch lernen und andere Verrückte finden." Von einem hat er schön gehört: Modemacher Harald Glööckler. "Den rufe ich mal an", sagt Marquet.

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