22.05.12

Shouryya Ray

16-jähriger Schüler löst uraltes Mathe-Problem

Ein Schüler aus Dresden hat eine Gleichung gelöst, die einst Newton aufstellte und die ungezählte Mathematiker zur Verzweiflung brachte.

Von Céline Lauer
Foto: DPA
Finale beim Bundeswettbewerb "Jugend forscht"
Der 16-jährige Shouryya Ray ginge glatt als Juniorprofessor durch

Schülerische Naivität kann ein Grund für vieles sein, für frisierte Mopeds etwa, für Flashmob-Partys oder auch für die analytische Lösung von zwei ungelösten fundamentalen Partikeldynamikproblemen. Das sagt zumindest Shouryya Ray, der ein jahrhundertealtes mathematisches Problem gelöst hat. Er kann damit etwa nicht nur die Flugbahn einer Kugel genau berechnen, sondern auch vorhersagen, wie sie gegen eine Wand stößt und abprallt; beides war bisher nur annähernd und mit Computern möglich. Ray gab sich damit nicht zufrieden, er löste eine Differenzialgleichung, die einst Newton aufstellte und die seither ungezählte Mathematiker zur Verzweiflung gebracht haben dürfte, und wenn er gefragt wird, wieso, sagt er eben: "Schülerische Naivität" und grinst: "Ich habe mich gefragt: Warum kann das nicht gehen?" Die Frage, die sich seit Rays Durchbruch nicht nur verblüffte Experten stellen, ist allerdings eine andere – wie nur konnte das gehen?

Scheitern bei der Mathe-Olympiade

Herleitungen sind verführerisch, gerade dann, wenn man sie bei Mathematikern anwendet: Wer gut analysiert, sollte schließlich auch gut zu analysieren sein. Womöglich ist das der Grund, weshalb manche über Shouryya Ray sagen, er sei ein wortkarges, leicht nerdiges Genie.

Eine oberflächliche Begegnung, und der Fall scheint klar: schwarzer Schnurrbart, brauner Nadelstreifenanzug, goldgerahmte Brille; akkurat, höflich, zurückhaltend. Der junge Mann würde problemlos als Jungprofessor oder Trainee eines internationalen Unternehmens durchgehen, sicher aber nicht als das, was er ist: ein 16-jähriger Schüler oder besser Ex-Schüler, denn der Inder hat zwei Klassen übersprungen und gerade das schriftliche Abitur am Martin-Andersen-Nexö-Gymnasium in Dresden hinter sich gebracht. Vier Jahre nachdem er mit seiner Familie aus Kalkutta nach Dresden gekommen ist, ohne ein Wort Deutsch zu können. Mittlerweile beherrscht er die Sprache fließend.

All das ist fast logisch zwingend, so als Genie, scheint es – bis Ray in leicht amüsiertem Tonfall erzählt, dass er bei der letzten Matheolympiade sehr früh rausgeflogen und übrigens in Graphentheorie und Kombinatorik so schwach sei, dass er kaum Anfängerprobleme lösen könne. Noch schlechter aber sei er in Gesellschaftswissenschaften und – nach indischen Maßstäben – im Cricket; bei seinem deutschen Verein sei seine Leistung zum Glück deutlich respektabler. "Im Fußball wäre ich allerdings sogar in Indien schlecht." So viel zum wortkargen Nerd.

Mathematik ist für Ray nichts, was einer Motivation bedarf. Der 16-Jährige mag den logischen Aufbau, der "nicht so leicht an die Intuition appelliert", und die ungeahnten Zusammenhänge, die sich aufdecken lassen. Die Faszination für Naturwissenschaften verdankt er seinem Vater: Der Ingenieur, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Freiberg arbeitet, gab seinen beiden Söhnen nicht nur das Interesse an Mathematik und Physik mit, sondern auch schon in der ersten Klasse Arithmetikaufgaben zu lösen. Shouryya hatte Spaß am Nach- und Weiterdenken, er vertiefte sich in den Stoff, entdeckte mit zwölf Jahren seine Stärken in der Analysis. Dem Lehrplan war er bald weit voraus, und weil er immer mehr wissen wollte – "man kann ja nicht immer Leute fragen" –, besorgte er sich Fachliteratur, liest Schriften wie die des Mathematikers Lagrange aus dem 18. Jahrhundert auch mal im Original.

An den großen Mathe-Wurf kam er durch Zufall. Das naturwissenschaftlich geprägte Gymnasium, das Ray besucht, sieht für alle Schüler in der elften Klasse ein Forschungsprojekt vor. Der Schüler ging an die TU Dresden, um dort die Urdaten einer direkten nummerischen Simulation auszuwerten, sprich die Wurfparabeln, die etwa ein Ball beschreibt. Dabei bemerkte er, dass eine genaue Bewegungsgleichung fehlt – und beschloss, dies zu ändern. Monatelang arbeitete er an der Differenzialgleichung, rechnete und verwarf, natürlich auch in seiner Freizeit, denn der eigens dafür schulfreie Dienstagnachmittag reiche ja nicht aus: "Die Gedanken lassen sich nicht nur für diesen Nachmittag bändigen oder fixieren." Der historische Moment, mit dem er sich in künftige Schulbücher eingetragen haben dürfte, ist ihm allerdings entfallen; wann Ray auf die Lösung kam, kann er nicht mehr sagen. Dafür aber, dass es "viele Holzwege" gab – und dass der Knoten "irgendwie im Unterbewusstsein" geplatzt sein muss.

Gut möglich, dass dieser Erfolg erst der Auftakt war – Ray zieht es in die Grundlagenforschung, er überlegt, ob er dazu lieber Mathematik oder Physik studieren will. Vor allem aber denkt Ray vorerst daran, dass am Mittwoch seine mündliche Abi-Prüfung ansteht und er Geografie lernen muss – eine Gesellschaftswissenschaft. Ausgerechnet.

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