Die erste wichtige Prüfung vor Olympia hat Judoka Laura Vargas Koch bereits hinter sich. Es ging um die so wichtige Suche nach dem richtigen Ersatzmann. Im Sport ist sie ja manchmal entscheidend; aber im wahren Leben, zu Hause im Alltag in der Wohnung, da ist sie nachgerade essenziell. Und schuld an allem ist Mitbewohnerin Rebecca Bräuninger.

Die U17-Judo-Weltmeisterin von 2011 verlässt nämlich zum 1. August die Dreier-WG, die Laura Vargas Koch und Wiebke Hesding seit 2014 in Köln als eingeschworene Judoka-Gemeinschaft gebildet haben. Und nun musste Ersatz her. „Wir haben da ein richtiges WG-Casting gemacht“, erzählt Laura Vargas Koch, die seit 2014 an der RWTH Aachen ihren Doktor macht.

Zweimal in der Woche fährt die 26-jährige Berlinerin dafür von der Domstadt aus in die Kaiserstadt. Ansonsten stehen Training, Physiotherapie und Pilates („Da kommt man schön herunter“) auf dem prall gefüllten Terminkalender. Und das alles für das eine große Ziel: Die dreifache Deutsche Meisterin vertritt den Deutschen Judobund (DJB) in Rio in der Klasse bis 70 Kilogramm.

Besuch am Zuckerhut vor dem Wettkampf

Zwei Medaillen hat der DJB als Vorgabe gesetzt. Soll sie eine davon holen? „Ich hoffe“, sagt Laura Vargas Koch, „aber bei den Frauen kann tendenziell jede von uns eine Medaille holen.“ Neben ihr sind das Mareen Kräh (WM-Dritte 2013, bis 52 kg), Miriam Roper Yearwood (EM-Zweite 2014, bis 57 kg), Martyna Trajdos (Siegerin Europaspiele 2015, bis 63 kg), Luise Malzahn (EM-Dritte 2016, bis 78 kg) und Laura Külbs (EM-Dritte 2016, über 78 kg).

Hier kämpft Laura Vargas Koch (l) gegen die Polin Katarzyna Klys in der zweiten Runde bei den Weltmeisterschaften 2014 in Tscheljabinsk – und verliert. Immerhin gab es Bronze mit dem Team
Hier kämpft Laura Vargas Koch (l) gegen die Polin Katarzyna Klys in der zweiten Runde bei den Weltmeisterschaften 2014 in Tscheljabinsk – und verliert. Immerhin gab es Bronze mit dem Team© picture alliance / CITYPRESS24 | dpa Picture-Alliance / Gep/CITYPRESS24

Mit Letzterer hat sie dabei eine besondere Verbindung. Gemeinsam mit der Schwergewichtlerin aus Zweibrücken besuchte sie schon bei den Weltmeisterschaften 2013 in Rio den Zuckerhut und holte dann völlig überraschend Silber. „Mit der Julia werde ich dieses Jahr auch wieder den Zuckerhut besuchen“, sagt sie. „Hoffentlich bringt uns das Glück.“ Und zwar vor ihrem Wettkampf. Der läuft am 10. August in der neuerbauten Carioca Arena 2 im Olympiazentrum.

Gute Erinnerungen an ihren bisher größten Triumph werden sie begleiten, auch wenn sie vor drei Jahren in Rio logischerweise woanders kämpfte: nämlich beim Maracana-Stadion im Ginásio do Maracanãzinho, wo nun während der Olympischen Spiele die Volleyball-Wettbewerbe ausgetragen werden.

„Ja, und plötzlich stand ich im Finale“

Der Erfolg kam für die damals 23-Jährige sehr überraschend: „Ich hatte keinerlei Erwartungen, wollte nur einen Kampf gewinnen. Aber es haben dann auch immer die richtigen Leute gewonnen, gegen die ich dann gut kämpfen konnte. Ja, und plötzlich stand ich im Finale.“ Dort war die Kolumbianerin Yuri Alvear stärker.

Yes: Laura Vargas Koch (r.) setzt sich im Halbfinale der Europaspiele n Baku 2015 gegen die Österreicherin Bernadette Graf durch. Im Finale verliert sie aber gegen die Niederländerin Kim Polling
Yes: Laura Vargas Koch (r.) setzt sich im Halbfinale der Europaspiele n Baku 2015 gegen die Österreicherin Bernadette Graf durch. Im Finale verliert sie aber gegen die Niederländerin Kim Polling© picture alliance / dpa | dpa Picture-Alliance / Robert Ghement

Die dreifache Weltmeisterin aus Südamerika sieht Vargas Koch auch als ihre stärkste Konkurrentin um den Olympiasieg an. Wobei das mit der Favoritenstellung so eine Sache ist: „Im Judo kannst du gegen jeden verlieren. Egal, wie gut man sich fühlt, jeder Kampf kann ganz anders ausgehen“, weiß die gebürtige Kreuzbergerin aus eigener leidvoller Erfahrung.

Und die ist noch gar nicht so lange her. Kasan, April 2016. Zu den Europameisterschaften in Russland fuhr die Zweite der Weltrangliste als Mitfavoritin. Und schied schon in der ersten Runde gegen die Georgierin Esther Stam aus.

Warum sie bei der EM in der ersten Runde ausschied

„Ich habe mich richtig gut gefühlt“, erinnert sich Vargas Koch an den Kampfbeginn. Aber die vier Minuten auf der Judomatte nehmen auf gute Gefühle keine Rücksicht. Schon nach zehn Sekunden wurde sie von Stam auf den Boden geworfen, wofür diese zunächst eine große Wertung (Ippon) erhielt – womit der Kampf sofort beendet gewesen wäre – aber dann vom Kampfrichter auf eine halbe Wertung (Waza-ari) herunterkorrigiert wurde.

„Das hatte mich irritiert“, erinnert sich die Berlinerin. Sie griff anschließend stürmisch an – „und dann hat sie mich ausgekontert“, bilanziert Vargas Koch. „Ich bin manchmal zu offensiv“, gibt sie zu.

Das soll jetzt alles in Rio besser werden. Statt auf alle denkbaren Techniken konzentriert sie sich nur auf die, die sie richtig gut kann. Macht sich Gedanken auf der Matte: „Wie komme ich jetzt gegen meine Gegnerin in den richtigen Griff?“ Es geht ums Ausweichen und das Übernehmen. Um die Tatsache, dass wirklich jeder Kampf und jede Gegnerin anders ist. Um die Technik, die der Trainer zeigt, und die Taktik, die sich dann erst auf der Matte entscheidet.

Notendurchschnitt von 1,1

„So einen Zweikampf finde ich halt total cool“, sagte die kleine Laura auch vor 18 Jahren, als sie von Freunden das erste Mal zum Judo gebracht wurde. Seitdem hat die Tochter eines Chilenen, dessen Vater in den siebziger Jahren mit fünf Kindern vor der Pinochet-Diktatur nach Hannover floh, von wo aus Lauras Vater später ins geteilte Berlin zog und dort Lauras Mutter kennenlernte, einige Erfolge angesammelt.

Geschafft: Vargas Koch jubelt nach ihrem Sieg gegen die Britin Sally Conway am 20. Februar 2016 beim Judo Grand Prix in Düsseldorf
Geschafft: Vargas Koch jubelt nach ihrem Sieg gegen die Britin Sally Conway am 20. Februar 2016 beim Judo Grand Prix in Düsseldorf © picture alliance / nordphoto | dpa Picture-Alliance / nph / Kurth

Neben dem Vize-WM-Titel 2013, zweimal EM-Vize (2014/2015), WM-Bronze mit dem Team (2014) und – zur Entschädigung – noch EM-Bronze mit dem Team bei den Unglücksspielen von Kasan. Nur der ganz große Titel fehlt noch.

Aber der könnte ja bald im Privaten kommen. Laura Vargas Koch macht zurzeit ihren Doktortitel mit Schwerpunkt Algorithmische und diskrete Mathematik. Neben dem Judo. Eben alles eine Frage der Organisation – und der guten Unterstützung.

„Richtig coole Professoren“ habe sie an der TU Berlin gehabt, wo sie den Bachelor und den Master gemacht und für ihre ausgezeichneten Leistungen (Notendurchschnitt 1,1) 2014 als eine von fünf Sport-Stipendiaten des Jahres mit einem Stipendium von monatlich 150 Euro für die kommenden drei Semester belohnt wurde.

Höchste Förderung von der Deutschen Sporthilfe

Auch in Aachen bekommt sie nun bis 2017 ein Stipendium. Noch stärker fällt aber ins Gewicht, dass sie seit März 2015 die höchste Förderung der Deutschen Sporthilfe bekommt: „Elite Plus“ garantiert ihr 1500 Euro monatlich. „Da hat man den Kopf komplett frei“, sagt die Judoka. Allerdings nur 18 Monate. Bis zum Ende von Olympia. Insofern wäre eine Medaille dann hilfreich.

Dann gäbe es neben der Grundförderung von 300 Euro noch eine Eliteförderung zwischen 400 Euro (Bronze) und 800 Euro (Gold). „Aber darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken,“ sagt die Olympiafahrerin. Schließlich weiß man nie, was auf einen so zukommt. Auf der Judomatte und im wahren Leben.

Sie hätte wahrscheinlich vorher auch nicht gedacht, dass mal ein männlicher Erzieher in die WG der Judo-Mädels einzieht. Max hat nämlich das WG-Casting gewonnen. Seinen Einzug am 1. August wird Laura Vargas Koch allerdings verpassen. Ihr Abflug nach Rio ist nämlich schon am 30. Juli.