Bundesliga

Neues Stadion für Hertha kostet 200 Millionen - mindestens

Mo, 21.03.2016, 20.43 Uhr

Wegen des mäßigen Zuschauerzuspruchs im Berliner Olympiastadion denkt Hertha BSC erneut über den Bau einer reinen Fußball-Arena nach. Trotz einer tollen Saison drohe ein Abrutschen unter den Zuschauerschnitt des Vorjahres, heiß es von der Hertha zur Begründung. 

Video: Rundfunk Berlin-Brandenburg
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Kann sich Hertha eine Fußballarena leisten? Innensenator Henkel wirbt für das Olympiastadion. Die wichtigsten Antworten zur Diskussion.

Berlin.  Die Diskussion erhitzt die Gemüter, nicht nur unter Fans. Manager Michael Preetz hatte in der Berliner Morgenpost gesagt, dass Hertha sich ein eigenes Fußballstadion wünscht. Eine etwas kleinere Arena, mit der der Bundesligist sich für die Zukunft aufstellen will. Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.


Wo könnte das neue Stadion stehen?
Eine große Lösung wäre ein Verbleib im Olympiapark. Das hätte den Charme, dass die vorhandene Verkehrsanbindung weiter genutzt werden könnte. Allerdings setzt sie Einvernehmen von Hertha, Berliner Senat und Denkmalschutz voraus. Das Tempelhofer Feld kommt nicht mehr infrage, aber die Nachnutzung des Flughafens Tegel lässt ja noch Spielraum. Es gibt zahlreiche andere denkbare Standorte, bis hin zu Lösungen unmittelbar hinter der Stadtgrenze in Brandenburg.


Was erhofft sich Hertha von einem reinen Fußballstadion?
Mehr Zuschauer, weil durch die Verknappung auf eine 55.000-Mann-Arena wohl mehr Dauerkarten verkauft würden. Vier bis fünf Punkte pro Saison mehr sind denkbar, weil die Emotionen in einem Fußballstadion besser überspringen. Mehr Geld durch bessere Vermarktungsmöglichkeiten winkt auch. Beispiel München: Der FC Bayern hatte 2014 sein 346 Millionen Euro teures Stadion bereits nach neun Jahren abbezahlt (obwohl die Finanzierung auf 25 Jahre ausgelegt war) und kann seither 25 Millionen Euro jährlich mehr in die Qualität der Mannschaft investieren.


Wie teuer wird ein neue Spielstätte?
Die Baukosten für Stadien haben sich extrem verteuert in den letzen Jahren. Beispielrechnungen aus Mönchengladbach, wo der Borussia-Park von 2002 bis 2004 für 87 Millionen Euro errichtet wurde, sind längst überholt. Bei ­Hertha wird intern für eine 55.000-Mann-Arena mit rund 200 Milionen Euro kalkuliert.


Wer soll das bezahlen?
Weder die Steuerzahler in Berlin und in Brandenburg würden das Stadion finanzieren, Hertha kann es aber auch nicht allein. Auch weil die Verantwortlichen Negativbeispiele mehrerer Traditionsklubs von mittlerer Qualität wie Hamburger SV, Alemannia Aachen, 1860 München, Arminia Bieleld fürchten, die alle unter den finanziellen Folgen von Neu- oder Umbauten leiden oder litten. Also sucht Hertha lieber externe Investoren. Der Klub setzt hier auf die internationalen Kontakte von Anteilseigner KKR (New York) und dem Unternehmer Horst Pudwill (Hongkong).


Wie steht Hertha da im Vergleich zur Konkurrenz?
Hertha hat als einziger der 18 Bundesligisten kein reines Fußballstadion. Die blaue Laufbahn trennt Spielfeld und Zuschauer. Das Olympiastadion, 1936 eingeweiht und von 2000 bis 2004 für rund 240 Millionen Euro generalüberholt, ist zudem das mit Abstand älteste Stadion der Bundesliga.


Warum eröffnet Hertha die Diskussion gerade jetzt?
Skeptiker haben Hertha stets vorgehalten: Spielt ordentlichen Fußball, dann kommen die Leute von allein. Hertha liefert nun eine überraschend erfolgreiche Saison ab, erstmals seit 1999 ist der Einzug in die Champions League möglich. Vor diesem Hintergrund waren die Besucherzahlen im Topspiel gegen Schalke (51.424) sowie zuletzt gegen Ingolstadt (40.385) sehr enttäuschend. Diese Magerkulissen nahm Manager Michael Preetz zum Anlass und sagte der Berliner Morgenpost, dass Hertha sich zwingend mit der Idee eines Fußball­stadion befassen müsse.


Gibt es Probleme zwischen Hertha und dem Senat als Stadioneigentümer?
Nein. Hertha ist bisher immer gut gefahren mit dem Senat, der den Klub auch mehrfach in schwierigen Situationen wie den Abstiegen 2010 und 2012, als die Lizenz gefährdet war, finanziell entgegen gekommen ist. Es gibt nun aber unterschiedliche Interessen.


Wie reagiert der Senat?
Der Stadioneigentümer äußerte sich zu möglichen Neubauplänen defensiv. "Hertha BSC steht mit dem Olympiastadion eine qualitativ hochwertige Spielstätte zur Verfügung, die von der Uefa mit dem Fünf-Sterne-Zertifikat ausgezeichnet wurde", sagt Sportsenator Frank Henkel (CDU). "Die Zusammenarbeit hat sich auch in schwierigen Zeiten bewährt. Das weiß der Verein." Hertha habe sich noch nicht beim Senat mit entsprechenden Plänen oder Ideen gemeldet. Henkel ist Aufsichtsratschef der Olympiastadion GmbH. Auch die Opposition ist eher skeptisch. "Hertha sollte den Ball flach halten", sagt die Sportexpertin der Linkspartei, Gabriele Hiller. "Hertha und das Olympiastadion gehören zusammen, ob das Publikum so treu ist, auch in ein anderes Stadion zu ­kommen, ist fraglich."


Um welche Zeitschiene geht es eigentlich genau?
Hertha spielt seit August 1963 im Olympiastadion. Der aktuelle Mietvertrag läuft im Juni 2017 aus. Da Hertha derzeit keine Alternative hat, wird der Hauptstadtklub mit dem neuen Senat (Wahlen zum Abgeordnetenhaus am 18. September) zunächst um eine mittelfristige Verlängerung im Olympiastadion um etwa fünf oder sechs Jahre verhandeln.


Existiert bereits eine Machbarkeitsstudie?
Bisher noch nicht. Aber das ­Stadion-Thema beschäftigt Herthas Präsidium, den Aufsichtsrat und die Geschäftsführung. Seit längerem schauen sich die Herren bei Reisen um, was andere Vereine zu welchen ­Kosten in der jüngeren Vergangenheit gebaut haben. Nach Morgenpost-Informationen will Hertha zeitnah entscheiden, ob der Hauptstadt-Klub eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gibt.


Was würde aus dem Olympiastadion werden ohne Hertha?
Der Fußball-Bundesligist trägt geschätzt 80 Prozent zu den Einnahmen der Olympiastadion GmbH bei. Ohne Hertha wäre es schwer, den Unterhalt zu rechtfertigen bzw. einzuspielen. Auf dem Terminkalender 2016 stehen sonst nur Tagesevents wie das Länderspiel Deutschland-England am Ostersonnabend, das DFB-Pokal­finale am 21. Mai, im Juni Konzerte von Bruce Springsteen und Coldplay. Im September findet das Istaf statt. Im Olympiastadion München ­können sich Berliner Stadtplaner anschauen, wie sich ein großes Areal nutzen lässt, wenn der Hauptnutzer ausgezogen ist (Bayern München ist 2005 in die Allianz Arena gewechselt).

Wie reagieren die Fans?
Im Morgenpost-Blog Immerhertha.de schrieb Nutzer "Traumtänzer": "Ich kann die Unzufriedenheit mit den Zuschauerzahlen verstehen, frage mich trotzdem, ob der gezogene Schluss der richtige ist. Kaum ein halbes Jahr Höhenflug und schon führen wir wieder so eine großspurige Hauptstadtdiskussion." Nutzer"pathe" schrieb: "Ich bin dafür! Mehr Dauerkarten, mehr ausverkaufte Spiele, mehr Stimmung! Es müsste natürlich ein Investor gefunden werden."Nutzer "Kamikater" meint: "Ich glaube, dass es keine Alternative zu einem neuen Stadion gibt." In einer Abstimmung wünschten sich 53 Prozent eine neue Arena, 28 Prozent wollen im Olympiastadion bleiben. 17 Prozent stimmten mit "Egal, ich gehe eh' hin."

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