Sollte es sich im Nachhinein herausstellen, dass die Pressekonferenz von Hertha BSC vor der Partie gegen Bayer Leverkusen eine der letzten von Jos Luhukay gewesen sein sollte, kann man eines jedenfalls nicht sagen: Dass Luhukay eingeknickt wäre vor dem Gegenwind, der ihm in Berlin derzeit entgegenschlägt.

Mögen andere Trainer in der Krise den Kuschelkurs ausrufen: Zusammenrücken, die Reihen schließen, wir konzentrieren uns auf unsere Stärken. Nicht der Cheftrainer von Hertha BSC. Der weiß, dass im Moment alles gegen ihn läuft. Das Jahr 2014 ging mit dem 0:5-Desaster gegen Hoffenheim zu Ende, der Rückrundenstart missriet beim 0:2 in Bremen. Hertha rangiert als Tabellen-15. in akuter Abstiegsgefahr.

Doch trotz des schweren Spiels gegen den Champions-League-Achtelfinalisten aus Leverkusen am Mittwoch (20 Uhr, Olympiastadion/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) bleibt Luhukay bei seiner Linie: gradlinig und gnadenlos ehrlich. Natürlich werde es Umstellungen gegen Bayer geben. „Am Sonntag hatten wir vier Ausfälle in der ersten Elf“ sagt Luhukay, „das kann keine Bundesliga-Mannschaft verkraften.“

Tadel für Brooks und Schulz

Wer sich fragt, wer gemeint ist, dem hilft Luhukay wenig später. „Die Lehre hört auch irgendwann mal auf. Wenn ich sehe, wie unsere beiden jungen Spieler bei den Gegentoren verteidigen, das ist nicht das erste Mal so gewesen.“ Gemeint sind die Hertha-Eigengewächse Nico Schulz und John Brooks. Zudem sind gemeint Ronny und Valentin Stocker.

Luhukay ist bekannt dafür, dass er auf Probleme mit Arbeit und Druck reagiert. Und auf mehr Probleme mit noch mehr Arbeit und noch mehr Druck. Bei dieser Linie bleibt Luhukay in der vielleicht schwersten Phase seiner Karriere. „Das Spiel wird Konsequenzen haben. Einige Spieler haben ihre Chancen bekommen und müssen die Verantwortung übernehmen.“

Der Trainer wird also Brooks, Schulz und Ronny aus der Startelf rotieren. Stocker rutscht deshalb wieder in die Anfangsformation, weil nicht nur Sandro Wagner und Per Skjelbred ausfallen. Am Dienstag meldete sich auch Peter Niemeyer ab (leichte Gehirnerschütterung). Luhukay nimmt seine Mannen in die Pflicht: „Es geht nicht um das System. Es geht um die Art und Weise, wie man in den entscheidenden Momenten arbeiten will.“

Dennoch war das ein absolut ungewöhnlicher Auftritt von Luhukay vor den Medienvertretern. Weil er weiß, dass nach inzwischen 31 Monaten in Berlin kaum noch jemand an seiner Seite steht. Rings um Hertha sind längst die Mechanismen im Gange, die immer dann auftauchen, wenn Trainer-Entlassungen vorbereitet werden.

Konflikt mit Kapitän Lustenberger

Zweieinhalb Jahre gab es kaum oder keine Infos bei Hertha aus Spielvor- oder -nachbesprechungen. Aktuell kann man sich vor Infos kaum retten. So habe der Trainer schon in der Vorbereitung inständig darauf hingewiesen, dass Schulz und Brooks ihre Fehler abstellen müssten. Bei der Videoanalyse ging es um Versäumnisse des oben genannten Quartetts – darüber berichtet der „Kicker“.

Die Gerüchteküche will weiter wissen, dass der Trainer sich mit Fabian Lustenberger angelegt hat. Er brauche einen Kapitän und nicht jemanden, der Everbody’s Darling sei. Lustenberger müsse mal mit der Faust auf den Tisch hauen und auf dem Feld vorangehen. Die Geschichte geht so weiter, dass Lustenberger geantwortet habe: Trainer, Sie haben mich doch zum Kapitän gemacht.

In der Sache hat Luhukay durchaus recht: Als ein Kapitän, der beim Gegner Angst und Schrecken verbreitet, ist Lustenberger bisher nicht aufgefallen. Als Beobachter weiß man aber: Wenn sich der Trainer vor versammelter Mannschaft mit Führungsspielern anlegt, sind die internen Probleme schon weit fortgeschritten.

Auch Manager Preetz steht in der Verantwortung

Zudem fällt auf, dass der Vorgesetzte von Luhukay, Michael Preetz als Geschäftsführer Sport, in diesem Jahr wenig bis gar nicht öffentlich in Erscheinung getreten ist. Wie immer bei Pressekonferenzen war Preetz auch Dienstag vor Ort, stellte aber nur unverbindlich fest, dass er natürlich permanent mit dem Trainer im Austausch sei. Und dass es sein Eindruck ist, dass die Spieler wollten.

„Wir wollen Punkte holen. Das nächste Spiel bietet die Chance, einen Schritt voran zu machen. Wir wissen, dass Leverkusen eine Topmannschaft ist.“ Aber natürlich steht auch Preetz in der Verantwortung. Er ist für die Zusammenstellung des Kaders samt Bestellung des Trainers zuständig. Mit der Bilanz von fünf Siegen, drei Unentschieden und zehn Niederlagen ist er natürlich nicht zufrieden.

Böse Erinnerungen

Die Partie gegen Leverkusen ist eine, von der man nur hoffen kann, dass sie sich nicht in eine ungute Tradition einreiht. Noch eine Klatsche – mutmaßlich ist Luhukay seinen Job los. Das erinnert an den April 2008. Da kassierte Josip Simunic einen sinnlosen Platzverweis, damit Hertha bloß nicht gegen Arminia Bielefeld gewinnt. Zwei Tage nach dem 1:1 wurde Trainer Falko Götz gefeuert.

Oder an den Februar 2011, als Andreas Ottl ein Brutalo-Foul an der Mittellinie beging. Wie gewünscht wurde Trainer Michael Skibbe nach dem 0:5 entlassen.

Ob die Mannschaft Luhukay noch folgt, oder ob sich da gerade ein blau-weißes Team komplett auseinander sprengt, wissen die Stadionbesucher am Mittwoch gegen 22 Uhr mit Blick auf die Anzeigentafel im Olympiastadion. Eines sollte aber allen Beteiligten klar sein: Auch, wenn Luhukay entlassen werden sollte. Der Trainer geht. Die Probleme bei Hertha bleiben.