Die Ansprache dauerte lange. 50 Minuten nach dem geplanten Trainingsbeginn betrat die Mannschaft von Hertha BSC den Schenckendorff-Platz. Einer fehlte. Mediendirektor Peter Bohmbach eilte noch mal zurück in die Kabine und ließ ausrichten: „Der Trainer ist oben geblieben.“
Das dürfte eine Premiere sein: Hertha schwebt nach dem 0:2 zum Rückrunden-Start in Bremen in akuter Abstiegsgefahr. Am Tag danach war Jos Luhukay vor Ort, aber nicht dabei. Eine andere Neuerung hatte der Trainer den Medien bereits vor dem Wochenende mitteilen lassen: Dass im Gegensatz zur bisherigen Gepflogenheit in der Rückrunde am Tag nach den Spielen grundsätzlich weder er noch Spieler für Medienanfragen zur Verfügung stehen werde.
Eisige Stimmung bei Hertha. Die Co-Trainer Markus Gellhaus und Rob Reekers leiteten das Auslaufen. Einige Spieler grüßten, redeten entsprechend ihrer Anweisung aber nicht. Unmittelbar nach dem Abpfiff im Weserstadion war das noch anders gewesen. Verteidiger Sebastian Langkamp wies auf grundlegende Probleme hin. Zur Dreier-Abwehrkette sagte der Innenverteidiger: „Wenn die Abstimmung nicht passt, kannst du auch mit einer Achter-Kette spielen.“
Noch deutlicher wurde Thomas Kraft. Der Torwart schlug den Bogen vom desolaten Hinrunden-Abschluss (0:5 gegen Hoffenheim) zum verpatzten Rückrunden-Start. „Wir haben es wieder nicht geschafft, das umzusetzen, was wir uns vorgenommen haben.“ Auch Kraft, in Bremen noch bester Herthaner, monierte grundlegende Probleme, die schon des öfteren in dieser Saison zu sehen waren: „Für mich ist es genauso frustrierend wie für alle anderen, wenn man von hinten nicht richtig nach vorne kommt.“
Es kommt kein neuer Spieler
Als Adressat dieser Kritik darf sich der Trainer verstehen. Die Beziehung zwischen Jos Luhukay und seiner Mannschaft ist seit diversen Wochen angespannt. Nach dem Rückschlag in Bremen dürfte Luhukay exakt noch zwei Spiele haben, um Anspruch und Realität bei Hertha zusammen zu bringen. Der finale Countdown von Luhukay: das Heimspiel am Mittwoch gegen Leverkusen (20 Uhr, Olympiastadion) und die Partie beim FSV Mainz am Sonnabend (15.30 Uhr).
Erhofft hatte sich Hertha Aufbruchstimmung und Zuversicht für die Rückserie. Ausdrücklich hatten die sportlich Verantwortlichen, Manager Michael Preetz und Trainer Luhukay, auf das Prinzip Vertrauen gesetzt. Vertrauen in den Kader, der im vergangenen Sommer namhaft aufgestockt worden war. Die Vereinsführung um Präsident Werner Gegenbauer vertraut den Entscheidungen der sportlichen Leitung. Eingetreten ist nun das Gegenteil. In Bremen hat die Mannschaft alle Fragezeichen der Hinrunde bestätigt. Die Idee des Trainers, mit einer Fünfer-Abwehrkette sicher zu stehen, war mit dem 0:1 kurz vor der Pause hinfällig. Nach vorn ging nichts. Jens Hegeler und Ronny waren behäbig – ohne Dynamik, ohne Esprit. Wobei diese Auftritte keine Überraschung sind. Warum der schnelle Nico Schulz vom Platz sowie die sprintstarken Genki Haraguchi und Roy Beerens auf der Bank bleiben mussten, erschloss sich nicht.
Schon 24 Stunden vor Ende der Transferfrist wischte Trainer Luhukay die Möglichkeit einer Last-minute-Ausleihe beiseite: Nein, das sähe „wie ein Panikkauf aus“. Entsprechend wurde Hertha am Montag der Transferperiode nicht tätig.
Schwierige Beziehung zwischen Trainer und Spielern
Intern ist die Atmosphäre zwischen Trainer und Spielern schon länger schwierig. Luhukay arbeitet mit Druck, Anspannung und noch mehr Druck. Das Profigeschäft ist hart. Niemandem wird etwas geschenkt. Das gehört auch zu Luhukays Mentalität. Solange der Erfolg da ist, akzeptiert es eine Mannschaft, an straffer Leine geführt zu werden. Was Hertha dramatisch fehlt, ist ein Erfolgserlebnis als vertrauensbildende Maßnahme für die Gemeinschaft Team/Trainer. Nur ein Sieg in den letzten sechs Spielen (1:0 gegen den BVB). Das 4:4 in Frankfurt hat sich wie eine Niederlage angefühlt.
Es folgten das 0:5 gegen Hoffenheim und das 0:2 in Bremen. Lockerheit und Zuversicht sind schon länger nicht mehr Gast bei Hertha gewesen.
Luhukay hat zweimal überzeugend die Saisonziele erreicht: den direkten Wiederaufstieg 2013, den Klassenerhalt 2014. In dieser Saison jedoch stellt sich partout keine Stabilität ein. Ob Trainer, Manager oder Präsident, alle sind sich sicher, dass der aktuelle Kader locker das Zeug hat, die Klasse zu halten. Aber bei aller Führungskultur mit dem Prinzip Vertrauen: Mit Blick auf das eingesetzte Kapital – Hertha ist mit einem Saison-Etat von rund 100 Millionen Euro unterwegs – gilt es, einen Abstieg mit allen Mitteln zu verhindern.
Der Trainer versucht seine Spieler zu sammeln. Gefragt zur Leistung von Ronny, antwortete Luhukay in Bremen: „Wir gewinnen gemeinsam und wir verlieren gemeinsam. Ich möchte nicht auf einzelne Spieler eingehen, weil ich weiß, was das in Berlin für Reaktionen nach sich zieht.“
Fußball ist manchmal brutal. Gegen Champions-League-Achtelfinalist Leverkusen muss die Mannschaft von Hertha zeigen, wie es um den Zusammenhalt zwischen Team und Trainer bestellt ist.



