Viele Berliner Boxfans haben sich die Frage gestellt, was aus Ralf und Graciano Rocchigiani geworden wäre, wenn sie wie Gentleman-Boxer Henry Maske trainiert hätten und von RTL zu Superhelden aufgebaut worden wären.

Ralf Rocchigiani offenbar auch. Der leicht ergraute Mann mit dem Basecap zieht an seiner Zigarette, nimmt die Kaffeetasse zur Hand, trinkt und lacht. „Wir wären beide tot“, sagt der Mann, der am heutigen Mittwoch seinen 50. Geburtstag feiert.

„Diese Sorte Vergleiche geht mir auf die Eier. Jeder weiß, dass das mit Graciano und mir so nicht funktioniert hätte. Wir sind eben anders, aber wir sind, wie wir sind.“ Der leichte Anflug von Philosophie passt gut zum älteren der Rocky-Brüder, der von sich behauptet: „Ich bin zufrieden.“

Rauchen wie Altkanzler Schmidt

Um die beiden Boxer besser zu verstehen, hilft eine typische Szene aus ihrem Boxerleben. Egal, wer von ihnen im Ring gestanden hatte, der andere wartete nach dem in der Regel positiven Kampfende in der Kabine.

Mit einer Marlboro, in der Regel bereits entflammt. Beide beherrschten das Rauchen mit den dicken Boxhandschuhen. Wenn Schwester Claudia mit von der Partie war, wartete auch eine veritable Menge Frischbier auf umgehende Verköstigung. Es gab da keine Diskussionen, es hätte auch kein Verbot gegriffen.

„Wie Bundeskanzler Schmidt, der raucht auch überall“, wirft Graciano Rocchigiani (49) ein. Die Rockys eben, zu ihrer aktiven Zeit als Boxprofis kaum zu bändigen, unvernünftig bis zur Selbstschädigung – aber auch nicht zu ersetzen, weil faszinierend im Ring. Faszinierend auch in der Vorbereitung. An guten Tagen schafften sie ein Trainingspensum, das an Selbstkasteiung grenzte. Inklusive gelegentlicher Sparringseinheiten gegeneinander.

„Wenn der Maske in der Kabine geraucht hätte, wäre er gefeuert worden“, sagt Ralf, den alle nur „Ralle“ nennen. Doch wer auf die Idee käme, das Geburtstagskind würde sich über Sir Henry lustig machen, täuscht sich. „Ich fand seinen Stil nicht attraktiv, aber das zählt doch am Ende nicht. Er hat die wichtigen Dinger gewonnen, er hat sich ohne großes Theater managen lassen, und er hat Erfolg. Millionär zu sein, ist ja nicht so schlecht.“

Innerhalb von gut zwei Jahren zum D-Mark-Millionär

Rocchigiani weiß, wovon er redet. Seine Glücksphase als Berufsboxer, die ihn im Prinzip innerhalb von gut zwei Jahren zum D-Mark-Millionär gemacht hatte, begann am 10. Juni 1995. In seinem 49. Profikampf bot sich die Chance zu einem WM-Kampf gegen den Engländer Carl Thompson in Manchester. Nach Punkten im Rückstand, kassierte Ralf einen Treffer des Briten. Erstmals in seiner Karriere musste er danach zu Boden.

„Das war irgendwie ein geiles Gefühl. Er hatte mich erwischt, aber ich wusste, dass ich immer noch gut drauf war“, sagt Rocchigiani mit leuchtenden Augen, seine Mundwinkel gehen leicht nach oben dabei.

Es folgte, Zug um Zug, eine Demontage des Briten, der sich den harten, präzisen Treffern des Berliners nicht mehr entziehen konnte. Am Ende stand in Runde elf ein vorzeitiger Sieg. Offiziell wegen ein Schulterverletzung von Thompson. „Der war fertig“, sagt Ralf, der zwei Jahre später die Revanche mit 1:2 Richterstimmen verlor. Wieder einmal hatte eine Eigenschaft den Ausschlag gegeben, die am besten mit Wurstigkeit beschrieben ist. Es gab Situationen, da dachten die Rockys nicht weiter als bis zu den Ringseilen. Aber genau das hat sie so erfolgreich gemacht.

„Ralle“ war nach Manchester ganz oben. Ein Mercedes-Cabrio 500 SL wurde flugs zum Statussymbol erkoren. In seiner damaligen Kneipe „Rockys Inn“ reichte der Platz bei seiner Rückkehr aus England nicht, gefeiert wurde auf der Straße. Sechs Titelverteidigungen folgten. Alle mit Fritz Sdunek als Trainer in der Ecke.

Trainer Sdunek lernte Toleranz

Sdunek, ein Trainer mit DDR-Sozialisation, hatte sich mit Rocchigiani auf ein Experiment eingelassen. Einen Boxer, der Nein sagte, wenn er keine Lust hatte, war ihm neu. „Ralf war eine wertvolle Lebenserfahrung. Vom Wesen her nach meinen Maßstäben als Profi unbrauchbar, hat er mir Toleranz beigebracht. Ein Typ, der Sachen schaffte, die er mit seinem körperlichen Zustand, seiner Berufsauffassung nicht hätte schaffen können. Das war echt heiß“, denkt Sdunek zurück. Auch zur Geburtstagsparty will er nun kommen. „Ralf hatte alles, was man als Boxer braucht. Bis auf Fleiß und Konstanz.“

„Bei Fritz war ich ein bisschen fleißig“, meint Rocchigiani, lacht und sagt dann ehrlich „aber nur manchmal“. Und das damals verdiente Geld? „Ich habe auf die falschen Leute gehört, Geld in Immobilien angelegt, mich um Steuer und den ganzen Scheiß nicht gekümmert und auch keinen Bock auf Ratschläge gehabt. Ich war Weltmeister und schon ein großer Junge.“

Die Darstellung seiner finanziellen Talfahrt, Rocchigiani arbeitet heute als Kraftfahrer einer Dachdeckerfirma, geht ihm schnell von den Lippen. Privates, wie die Trennung von Lebensgefährtin Bianca nach 26 Jahren, eher nicht: „Meine Sache.“

Seine Sache ist auch immer noch das Boxen. Doch bei diesem Thema ist vom überzeugten Optimisten („Es geht immer weiter“) nicht viel geblieben. „Heute wird jeder Typ zum Star gemacht. Die haben unglaubliche Kampfrekorde – alles gegen Nichtskönner – und es zählen nur WM-Titel. Wahrscheinlich würde ich in irgendeinem XY-Verband auch noch einen Gürtel abstauben.“ Harte Worte. Weil sein Herz noch am Boxen hängt. Und wenn er einen Wunsch frei hätte? „Ich würde gern als Trainer ein richtiges Talent mit Zeit und Ruhe nach vorn bringen.“