13.10.12

Pleite

Ex-Boxprofi Rocchigiani lebt in Berlin von Hartz IV

Ende des Goldrausches: Einst bekam der zweimalige Weltmeister Millionen vom Boxverband, jetzt braucht Rocchigiani finanzielle Unterstützung.

Foto: picture-alliance / dpa

Publikumsliebling: Graciano Rocchigiani in einer Szene aus dem WM-Kampf gegen Michael Nunn
Publikumsliebling: Graciano Rocchigiani in einer Szene aus dem WM-Kampf gegen Michael Nunn

Der Delinquent war quasi auf Freigang im September 2002. Graciano Rocchigiani, wegen eines Verstoßes gegen Bewährungsauflagen in Berlin zu 297 Tagen Gefängnis verurteilt, hatte schon wieder einen Prozess am Hals. Diesmal in New York. Als sich Richter Richard Owen im Saal 1106 des Federal-District-Court in Manhattan anschickte, sein Urteil zu verkünden, ahnte der damals 38-jährige Berliner Profiboxer nicht, dass er einige Stunden später das Gebäude als Millionär – vorerst auf dem Papier – verlassen würde. Und noch viel weniger, dass er sich zehn Jahre später als Hartz-IV-Antragsteller (374 Euro Regelsatz) im Jobcenter Zossen einfinden würde.

Aus den ursprünglich im so fernen Amerika von Richter Owen zugesprochenen 31 Millionen Dollar waren nach einem langen Tauziehen mit dem von Rocchigiani verklagten Profibox-Verband World Boxing Council (WBC) 4,5 Millionen im Rahmen eines Vergleichs geworden. Der Verband hatte mit Insolvenz gedroht. Das sind umgerechnet rund 3,6 Millionen Euro – und die sind Rocky im so nahen Alltag durch die Finger gerieselt. Auch durch vermeintlich kleine Ausgaben. Hier eine Taxifahrt, da die Rechnung in einer Kneipe – für alle, selbstredend.

25 Prozent netto

"Ja, ich kriege Stütze. Das ist schon vielen Menschen passiert, die auch nicht schlecht sind", sagt der zweimalige Boxweltmeister und macht dabei nicht den Eindruck, total am Boden zerstört zu sein. Und doch sind 3,6 Millionen Euro so viel Geld, dass die Rocky-Pleite völlig irrwitzig erscheint. "Die meisten Leute vergessen, dass ich die Kohle ja nicht allein und netto gekriegt habe. Ich war verheiratet und Christine ( Rocchigianis Ex-Frau, d. R.) hat ihren Anteil bekommen, mein Anwalt hat seine Kohle. Und ich habe viel Steuern bezahlt. Das ist ja okay", erklärt der 48 Jahre alte Ex-Profi fast schon wie ein Buchhalter. Es dürfte ziemlich realistisch sein, den Netto-Anteil von Rocchigiani an der zugesprochenen Summe auf etwas mehr als 25 Prozent zu taxieren. Dann blieben gerechnet von 2002 bis 2012 rund 100.000 Euro jährlich. Immer noch verdammt viel Geld.

Und Rocky wäre nicht Rocky, würde er nicht mit einem Lächeln um die Mundwinkel zugeben: "Ist ja schon gut, ich habe auch nicht immer das Schlaueste mit meinem Geld gemacht."

Statt Pfandbriefen und Kommunalobligationen lieber "Sekt, Bouletten, dicke Weiber". Dieser simple Berliner Spruch charakterisiert das Verhalten von Graciano Rocchigiani in der Zeit, die er einmal als "Goldrausch" bezeichnet hat. "Ich bin immer noch ein zufriedener Mensch, auch wenn viel schief gelaufen ist", sagt er – und man möchte es ihm wirklich gern glauben.

Rückblende: Der "Goldrausch" war das Ergebnis einer nicht für möglich gehaltenen Chuzpe des Berliners und, maßgeblich am Erfolg beteiligt, seiner Frau Christine. "Ohne Christine hätte ich das nicht gemacht. Die war so wütend, dass wir das durchgezogen haben", sagt Rocchigiani. Er hatte den Weltverband WBC verklagt. Der Hintergrund: Rocky-Anwalt Dirk Ziegler überzeugte das Gericht, dass der damals als Weltmeister geführte Amerikaner Roy Jones Jr. im Jahr 1997 seinen Titel freiwillig niedergelegt hatte, um im finanziell lukrativeren Schwergewicht sein Glück zu versuchen. Den somit vakant gewordenen WBC-Gürtel sicherte sich Rocchigiani durch einen Punktsieg am 21. März 1998 in Berlin gegen Michael Nunn (USA). Drei Monate danach war ihm vom WBC der Titel ohne plausible Begründung jedoch aberkannt worden, und der in den USA weit besser zu vermarktende Jones wurde wieder als Weltmeister eingesetzt. Für Rocchigiani folgte die Klage, das Urteil und ein kurzes Dasein als Millionär. Eines sehr spendablen Millionärs.

"Ich habe gut gelebt und manche anderen haben auch gut gelebt von meinem Geld", schaut Rocchigiani zurück. Immer noch ohne Zorn, aber mit dem Gefühl noch einmal die Dinge in die eigenen Hände nehmen zu müssen.

Trennung nach einem Kampf

Seinen Eskapaden (zu oft Handgreiflichkeiten, die zu Geldbußen führten) standen durchaus seriöse Pläne gegenüber. Eine Boxschule in Duisburg musste er aufgeben. Zu teuer, zu wenig Kunden, die die nötigen Beiträge hätten zahlen können, keine Sponsoren. Zuletzt trainierte er gemeinsam mit seinem ein Jahr älteren Bruder Ralf (zwischen 1995 und 1997 selbst Weltmeister) den Kölner Schwergewichtler Manuel Charr. Es schien ein Geschäftsmodell mit akzeptabler Halbwertzeit zu sein. Doch schon nach einem Auftritt (Punktsieg gegen den Russen Taras Bidenko) war aus dem gemeinsamen Schwur "Wir wollen einen WM-Gürtel holen" eine Trennung geworden. "Manuel ist ein starker Junge, aber beratungsresistent", lautete Rocchigianis Erklärung. Charr (27) bezog in seinem ersten Kampf nach der Trennung in Moskau eine Tracht Prügel von WBC-Champion Vitali Klitschko (41).

Empfänglich für Beratung war auch Graciano Rocchigiani in seinem Leben nicht durchgängig. Aber bisweilen einsichtig. Daraus resultiert sein Wunsch, neu anzufangen. Zeit zum Nachdenken hat er. 25 Quadratmeter in einer Pension (Haus Belger) in Großziethen reichen zum Wohnen. Pläne gibt es. Gemeinnützige Pläne. Rocchigiani wird Botschafter des Kinder- und Jugendhilfswerkes "Die Arche". Das ist löblich. Ob es den Mann ernährt, zu einer finanziell besseren Zukunft führt, bleibt abzuwarten.

Von falschen Freunden habe er sich getrennt – zum wievielten Male schon? Einer der so impulsiv ist wie Graciano Rocchigiani versöhnt sich auch schnell wieder. Rockys Herz hängt am Boxen, auch wenn er schon (zu) oft gesagt hat, "Ich habe die Schnauze voll". Zu oft um den Sieg gebracht in Kämpfen – gegen den Briten Chris Eubank, jeweils in den ersten Duellen mit Henry Maske und Dariusz Michalczewski – zu viele Versprechungen, aber auch zu viele eigene Fehler. Was ihm helfen würde? Ein seriöser Job und Geduld. "Ich fange eben noch einmal neu an", sagt Rocchigiani. Hartz IV soll nicht die Endstation sein.

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