Darmkrebs ist die einzige Tumorart, die sich durch rechtzeitige Vorsorgeuntersuchungen nahezu vollständig vermeiden lässt. Ab 2016 wird hierzulande ein neues Einladungsverfahren auch diejenigen an eine Vorsorge erinnern, die noch nicht von den Angeboten der Krankenkassen Gebrauch machen. Überdies soll ein neuer Stuhltest zur Früherkennung eingeführt werden. Über den Stand der Darmkrebsvorsorge berichtet Christa Maar, Vorsitzende der Felix-Burda-Stiftung. Sie engagiert sich seit Jahren intensiv für die Vorsorge, nachdem ihr gemeinsamer Sohn mit Hubert Burda an Darmkrebs verstorben ist.
Berliner Morgenpost:
Inzwischen haben mehr als fünf Millionen Versicherte die Vorsorgekoloskopie gemacht. Was hat dies unter dem Strich bewirkt?
Christa Maar:
Eine vom Deutschen Krebsforschungszentrum erstellte Modellrechnung zeigt, dass von 2002, als die präventive Koloskopie eingeführt wurde, bis 2012 rund 80.000 Todesfälle und 180.000 Neuerkrankungen verhindert worden sind.
Wie lassen sich Neuerkrankungen durch eine Vorsorgeuntersuchung verhindern?
Darmkrebs entsteht aus gutartigen Vorstufen (Adenomen). Wenn bei der Koloskopie ein Adenom gefunden wird, wird es abgetragen und es kann daraus kein Krebs mehr entstehen. Wenn schon ein Krebs vorhanden war, der Betroffene aber noch keine Symptome hatte, ist der Krebs in aller Regel in einem so frühen Stadium, dass er geheilt werden kann. Früher kamen Menschen oft erst mit Symptomen zur Untersuchung. Dann wurden nicht mehr als 40 Prozent der vorhandenen Tumoren früh erkannt. Bei der Vorsorgekoloskopie sind es hingegen 70 Prozent. Das ist ein schöner Erfolg, zu dem viele beigetragen haben.
Diese positive Entwicklung bezieht sich aber nur auf Deutschland?
Ja, denn nur hierzulande wird flächendeckend für alle ab 55 die Vorsorgekoloskopie angeboten. Wir haben sehr viele niedergelassene Endoskopiker. Die gibt es in anderen Ländern nicht in ausreichender Anzahl. Dort erhalten die Menschen Tests auf verstecktes Blut im Stuhl, und nur wenn der Test positiv ist, wird koloskopiert.
Sind Sie also mit der Situation in Deutschland zufrieden?
Nicht wirklich. Erstens sind die Teilnahmeraten zu gering, und dann haben wir das Problem, dass Menschen mit einem genetischen Risiko für Darmkrebs nicht früh genug identifiziert und über risikoangepasste Vorsorge aufgeklärt werden. Die Früherkennungsrichtlinie berücksichtigt nicht, dass diese Menschen früher erkranken und Anspruch auf frühere Vorsorge haben sollten.
Und dann fehlt der Statistik auch die Information darüber, wie viele Menschen mit familiärem Risiko es tatsächlich gibt?
Richtig. Das lässt sich nur grob schätzen. Es dürften hierzulande zwei bis vier Millionen Menschen betroffen sein. Es reicht vor allem auch nicht, einen Patienten ein einziges Mal nach Darmkrebs in der Familie zu fragen und, wenn die Antwort negativ ist, nie wieder. Zehn Jahre später wäre die Antwort vielleicht positiv, weil Vater oder Mutter inzwischen an Darmkrebs erkrankt sind.
War man an dieser Stelle früher schon mal weiter?
Früher hatten Ärzte nicht so einen großen Zeitdruck wie heute, und ein Hausarzt betreute alle Mitglieder einer Familie. Er wusste immer, wer wann woran erkrankt war. Heute sind die Familien versprengt. Wir brauchen deshalb neue Strategien, um Betroffene möglichst frühzeitig zu identifizieren.
Wie könnten die Strategien aussehen?
Wir haben ein Projekt angeregt, das die Zusammenarbeit der Arztgruppen verbessern soll. Partner bei diesem Versorgungsprojekt sind die Verbände der Hausärzte, Internisten, Onkologen und Gastroenterologen. Ziel ist die Sicherstellung einer besonderen sektorenübergreifenden Behandlung von Darmkrebspatienten und ihren Angehörigen auf Basis der Familienanamnese.
Haben nur Verwandte ersten Grades ein erhöhtes Risiko?
Nein, auch Verwandte zweiten Grades sind betroffen. Das zeigt eine neue Studie aus dem US-Bundesstaat Utah. Außerdem zeigen diese Daten, dass das erhöhte Risiko unabhängig vom Alter des Erkrankten besteht.
Sind die Menschen jetzt nicht besser aufgeklärt als noch vor zehn oder 20 Jahren?
Sie wissen zwar mehr über Darmkrebsvorsorge, aber das familiäre Risiko ist noch zu wenig bekannt. Wie sonst ist zu erklären, dass viele junge Menschen erst zum Arzt gehen, wenn sie Beschwerden haben und ein Tumor entdeckt wird?
Wird sich das ändern, wenn ab 2016 schriftliche Einladungen zur Vorsorgeuntersuchung geschickt werden?
Man kann dadurch auf jeden Fall Menschen erreichen, die auf den bisherigen Informationswegen nicht erreicht wurden. Gegenwärtig ist noch unklar, ab welchem Alter eingeladen wird.
Aber mit dem Einladungsverfahren werden in keinem Fall die jungen Menschen erreicht, die möglicherweise von einem familiären Risiko betroffen sind?
Hier liegt ein großes Problem. Man könnte viel tun, um auch junge Menschen für das Thema zu sensibilisieren – etwa mit entsprechenden Unterrichtsblöcken in den Schulen. Viel gewonnen wäre auch, wenn das Thema Bestandteil der ärztlichen Ausbildung wäre.
Aber wenn der, der von seinem familiären Risiko weiß, eine Vorsorgeuntersuchung haben möchte, dann wird er diese vielleicht selber bezahlen. Wie teuer ist das?
Die gesetzliche Vorsorgekoloskopie wird von den Kassen mit circa 300 Euro honoriert. Wenn ich Selbstzahler bin, kostet es ungefähr das Dreifache. Das kann also nicht die Lösung sein. Es ist außerdem nicht nachvollziehbar, warum Versicherten mit normalem Risiko ab 55 Jahren eine Vorsorgedarmspiegelung bezahlt wird, und Menschen, die früher mit der Vorsorge beginnen müssen, der Anspruch auf Erstattung verweigert wird.
Was erhoffen Sie sich von dem neuen immunologischen Stuhltest?
Der neue Test hat mit rund 70 Prozent Erkennungsrate für krankhafte Veränderungen der Darmschleimhaut eine vergleichsweise hohe Sensitivität. Noch steht nicht fest, wie die Einführung im Zusammenhang mit dem Einladungsverfahren umgesetzt werden soll. Ein Problem ist, dass es ein Dutzend verschiedene Tests auf dem Markt gibt. Der Gemeinsame Bundesausschuss muss hier Kriterien für die Zulassung zum Screening festlegen. Das ist nicht ganz trivial.

