Überschwemmte Küstenstädte, unerwartete Hitzewellen, eine Zunahme von Wirbelstürmen und das Aussterben ganzer Arten – Klimaforscher warnen vor irreparablen Schäden für die Umwelt, sollte die Erderwärmung weiterhin ungebremst voranschreiten. Dies ergibt ein aktueller Bericht des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Berliner Instituts Climate Analytics im Auftrag der Weltbank. Der Weltklimarat IPCC hält das Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, unterdessen kaum noch für erreichbar.
Der neue Chef der Weltbank, Jim Yong Kim, warb ausdrücklich dafür, einen weiteren Anstieg der weltweiten Temperaturen zu verhindern. „Eine vier Grad wärmere Welt kann und muss vermieden werden – wir müssen die Erwärmung unter zwei Grad halten“, sagte er. Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, appellierte an alle Staats- und Regierungschefs, sich an ihre Verpflichtung zu halten, bis 2015 ein rechtlich verbindliches Abkommen auszuhandeln. Und sein Amtsvorgänger Kofi Annan mahnte, noch sei Zeit, die gefährlicheren Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern.
Experten der Initiative Climate Action Tracker rechnen derzeit damit, dass sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um 3,3 Grad erwärmen wird. Im besten Fall steigen die Temperaturen den Berechnungen zufolge um 2,6 Grad, im schlechtesten Fall um 4,1 Grad. Einem Bericht der „taz“ zufolge halten die Wissenschaftler des Weltklimarats eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad für immer unwahrscheinlicher. Es sei „zumindest wahrscheinlich, dass bis 2100 die Erwärmung zwei Grad Celsius übersteigt“, sollten die Treibhausgasemissionen so weitergehen wie bislang, heißt es in einem internen Berichtsentwurf, der der „taz“ vorliegt.
Die Weltbank rief dazu auf, verstärkt auf Grünes Wachstum zu setzen. Hierfür müssten die weltweiten Subventionen für fossile Brennstoffe in Höhe von rund einer Billion Dollar künftig besser investiert werden. Dazu gehörten Investitionen in klimafreundlichere Infrastruktur sowie mehr Energieeffizienz.
Wie Fieber beim Menschen
Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des PIK, warnt vor allem vor Kipppunkten. „Ich übersetze die Erderwärmung gern in die Körpertemperatur des Menschen“, sagte Schellnhuber der Berliner Morgenpost. „Wir reden ja von der Betriebstemperatur des Planeten.“ Die Körpertemperatur eines Menschen liege normalerweise bei etwa 37 Grad. Wenn man vier Grad dazulegen würde, hätte ein Mensch 41 Grad Fieber – was tödlich sein kann. „Bei 41 Grad Fieber kollabieren nach und nach die Organe, das Herz zum Schluss“, sagte Schellnhuber. „Und so ähnlich würde sich das bei der globalen Erwärmung vollziehen. Manche Systeme würden völlig robust sein. Aber andere nicht. Zuerst wären die Korallenriffe gefährdet, dann die tropischen Regenwälder, die großen Eisschilde. Und ein kleiner Stoß an der richtigen Stelle – wir haben das ,Tipping Points‘ genannt, auf Deutsch ,Kipppunkte‘ – würde ausreichen, um ganze Systeme in eine andere Betriebsweise zu flippen.“
Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) hat den jüngsten Bericht der Weltbank zu den Auswirkungen des Klimawandels als „klimapolitischen Weckruf“ gewertet. „Wir sind weit davon entfernt, den globalen Temperaturanstieg auf das in den Klimaverhandlungen anerkannte Ziel von weniger als zwei Grad Celsius bis 2050 zu begrenzen“, sagte Niebel in Berlin.
Beginn der Klimakonferenz
Die internationale Gemeinschaft müsse ihr Engagement im Kampf gegen den Klimawandel „beschleunigen und intensivieren“. Die aktuellen Verpflichtungen der Industrieländer zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen seien nicht ausreichend. Niebel warnte, dass sich das Zeitfenster für den dringend nötigen Wandel schließe.
Nach einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI (Fraunhofer ISI) im Auftrag des Bundesumweltministeriums können durch Energieeffizienzmaßnahmen Hunderte Milliarden Euro eingespart werden. Allein für Privathaushalte errechnete das Institut mögliche Kosteneinsparungen von 125 Milliarden Euro jährlich, vor allem im Gebäude- und Heizungsbereich. In der Industrie können bis zum Jahr 2050 die Energierechnungen um 100 Milliarden Euro jährlich geringer ausfallen. Im Jahr 2050 beliefen sich die Einsparungen auf rund 500 Milliarden Euro im Jahr.
Insgesamt könne der Energiebedarf der Europäischen Union mit Energieeffizienzmaßnahmen bis zum Jahr 2050 um zwei Drittel gesenkt werden. „Durch Energieeffizienz können die Energiekosten deutlich gesenkt und sogar Einspargewinne erzielt werden“, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Katherina Reiche, am Montag. Rund 90 Prozent aller Einsparmaßnahmen trügen von selbst.
Die Umweltorganisation WWF forderte von der Weltbank die Überprüfung der Klimawirksamkeit aller Projekte, für die die Bank Gelder zur Verfügung stellt. „Im gesamten Kapitalmarkt spielen Treibhausgasemissionen bei Investitions- und Finanzierungsentscheidungen kaum eine Rolle. Dabei wären solche Kriterien ein entscheidender Hebel, um klimafreundliche Projekte voranzutreiben“, sagte Matthias Kopp vom WWF Deutschland.
Am kommenden Montag beginnt in Doha in Katar die nächste Weltklimakonferenz. Im vergangenen Jahr hatten sich die UN-Staaten darauf verständigt, bis 2015 ein neues Klimaschutzabkommen auszuhandeln.
dapd/ak

