- Viele Berufstätige haben es satt: Jeden Morgen Stillstand auf den Straßen, dasselbe dann zum Feierabend in die andere Richtung. Verkehrsplaner und Ingenieure suchen nach neuen Ansätzen. Zusätzliche Straßen sind keine Lösung, sagt Heinrich Bülthoff, Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut (MPI) für biologische Kybernetik. "Wir haben schon jetzt Probleme, die Straßen zu unterhalten, daher macht es keinen Sinn, noch mehr zu bauen. Auch verbrauchen wir damit wertvollen Landschaftsraum." Sein Gegenentwurf: "Wir müssen den Raum über der Straße nutzen."
Einen dreidimensionalen Individualverkehr hat er im Blick, gedacht für ein bis zwei Personen pro Fahrzeug. Dass diese fliegenden Autos weniger Energie verbrauchen, leicht bedienbar und bezahlbar sind, aber auch rechtlichen Anforderungen genügen, darum kümmern sich Forscher im Rahmen des EU-Projekts myCopter, daran beteiligt sind neben den Tübinger Max-Planck-Forschern unter anderem auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig sowie Schweizer Forscher.
Einsteigen, das Ziel angeben und losfliegen ist die Vision, ganz ohne Pilotenschein und Anmeldung bei der Luftraumüberwachung. Die Forscher stellen sich das so vor: Die fliegenden Autos bleiben unter 500 Meter Höhe und kommen damit dem bisherigen Luftverkehr nicht in die Quere. Jedes "Fahrflugzeug" ist mit einem Computer ausgerüstet, der die Flugroute berechnet, navigiert und auf Verkehrsstörungen flexibel reagiert.
Die fliegenden Autos müssen natürlich senkrecht starten und landen - sie sollen ja in Städten benutzt werden. "Für Berufstätige wäre es etwa am besten, wenn sie aus der Garageneinfahrt starten und auf dem Parkplatz des Arbeitgebers landen könnten", sagt Felix Schill, der in Lausanne Kontrollstrategien für die Fahrzeuge entwickelt. Helikoptertechnologie ist wohl die beste Lösung. Forscher am DLR testen die nötigen Voraussetzungen. Denn klar ist: Solche Fluggeräte müssen weitgehend autonom arbeiten, der Flugschein dafür darf nicht schwieriger zu erwerben sein als ein heutiger Führerschein.
Natürlich ist Sicherheit das oberste Gebot. Dazu entwickeln Forscher an der Hochschule (ETH) Zürich Computerprogramme. "Wir testen hier auf einem Feuerwehrübungsgelände, wie das Fluggerät am besten seinen Weg ganz autonom finden kann", erklärt Margarita Chli von der ETH Zürich. "Dazu rüsten wir beispielsweise einen kleinen Quadrocopter mit einer Kombination aus Kamera, Kompass und Sensoren aus, dazu hat er eine Energieversorgung und eine Funkeinrichtung."
Sensoren und Software sollen sicherstellen, dass sich das Flugzeug auch in unbekanntem Gelände zurechtfindet. Dazu muss es die Informationen aus allen Kanälen intelligent kombinieren. "Wir haben es hier mit einer riesigen Informationsflut zu tun", sagt die Forscherin, "und der Rechner muss in der Lage sein zu entscheiden, was wichtig ist, und das herausfiltern und zur Berechnung eines 3-D-Bildes der Umgebung benutzen."
Auf GPS-Sensoren allein wollen sich die Forscher nicht verlassen. Die sind bisweilen zu unzuverlässig, wenn man beispielsweise im Funkschatten eines Hochhauses ist. Dennoch könnte zunächst eine einfachere Version der Steuerung benutzt werden, etwa wie ein heute übliches Navi für drei Dimensionen, das aber das Fluggerät vollautomatisch steuert. "Wir werden noch viele Probleme bearbeiten müssen", meint Margarita Chli.
Kollegen an der ETH Lausanne kümmern sich um technische Lösungen, die automatisch Zusammenstöße mit anderen fliegenden Autos vermeiden. "Wenn jedes Fahrzeug einen Transponder hat, der ständig seine Position nach außen meldet, weiß im Prinzip jedes, wo sich alle anderen aufhalten und können Kollisionen vermeiden", erläutert Felix Schill. "Man muss aber bedenken, dass bei einer massenhaften Verbreitung der Flugobjekte sehr viele davon gleichzeitig unterwegs sein können - man rechnet mit maximal 40 Stück pro Kubikkilometer. Da sind die Computer schnell überfordert." Anhand kleiner Modellhelikopter testet er, wie später die fliegenden Autos aushandeln könnten, wer wo fliegen darf. Sie sollen eigenständig berechnen, wer ausweichen muss oder ob es gerade Sinn macht, gemeinsam im Schwarm zu fliegen. Eine andere Möglichkeit wäre es, jedem Fahrzeug ein Radarsystem mitzugeben, das ständig dessen Umgebung überwacht und eingreift, wenn sich ein Hindernis nähert. Wie das Ganze dann in ein größeres Fluggerät übertragen werden könnte, erproben die Wissenschaftler am Tübinger MPI in einem Flugsimulator. Neun Rechner stehen bereit, um Flugrouten, Häuser, Wege und Straßen zu modellieren. Der "Cyber-Motion-Simulator" besteht aus einem Metallarm und einer Kabine, in der zwei Personen sitzen können. Studenten steigen in dieses Gerät und erleben den Flug als Achterbahnfahrt.
Dabei testen sie nicht nur Flugstrecken, Navigatoren und andere technische Geräte. Auch die Studenten selbst werden geprüft, wie sie mit der fliegenden Kiste zurechtkommen. So beobachten die Wissenschaftler unter anderem, welche Anzeigenfelder die Testpersonen bei neu eingebauten Instrumenten tatsächlich nutzen. So erfahren sie, was ein Fluglaie wirklich benötigt. Denn Ziel ist laut Bülthoff, "dass das Fliegen so einfach sein soll wie Autofahren".
Ende Juni hat die US-Firma Terrafugia in Plattsburgh (US-Staat New York), ein fliegendes Auto vorgestellt. Dieser Prototyp mit dem Namen Transition benötigt allerdings eine Anlaufstrecke von 800 Metern, um mit seinen ausklappbaren Flügeln in die Luft zu kommen. Gleichzeitig ist er auch als Straßenfahrzeug geeignet. Darauf konzentrieren sich die Ingenieure in der nun beginnenden Testphase: Sie erproben das Fahrwerk, die Bremsen und das Fahrverhalten.
Ein Gerät, das im April im niederländischen Raamdonksveer vorgestellt worden ist, kommt der Idee eines fliegenden Autos etwas näher. Das Unternehmen PAL-V (Personal Air and Land Vehicle) hat dort sein gleichnamiges Vehikel erfolgreich mehrere Testflüge absolvieren lassen. Es fliegt in der Luft wie ein Tragschrauber, wobei der Auftrieb durch einen automatisch betriebenen Rotor und der Vortrieb durch einen faltbaren Schubpropeller am Heck produziert wird. "Auf der Straße verhält sich das PAL-V wie ein Sportwagen", sagt ein Firmensprecher. Es verwendet vorhandene Straßen und Flugpisten, benötigt aber immerhin 165 Meter Rollbahn für den Start. Außerdem darf man es nur mit Pilotenlizenz fliegen. Dennoch freut sich Robert Dingemanse, Chef von PAL-V, über reges Interesse potenzieller Investoren.
Im Rahmen des Forschungsprogramms myCopter ist der Bau eines eigenen Fahrzeugs nicht vorgesehen. Dennoch haben die Wissenschaftler schon Vorstellungen, wie ein solches Vehikel aussehen sollte: Der Flieger wird wohl die Größe eines Mittelklassewagens haben. Teure Spielzeuge sind nicht angestrebt. Die ersten Modelle werden dennoch recht teuer sein. Aber wenn man die Flieger in Masse produziert, könnten sie bald bezahlbar sein, so die Tübinger Forscher.

