Das Boot verläßt in den frühen Morgenstunden die Werft von ThyssenKrupp Marine Systems in Kiel. Es ist kalt, kaum über Null Grad. Die Szene hat etwas Gespenstisches, Gefährliches. Vermutlich liegt es daran, daß der Betrachter den Buchheim-Roman "Das Boot" gelesen hat. Der verfilmte Bestseller begründet etwas von dem Mythos, den ein U-Boot umgibt. U-Boote schleichen sich lautlos heran, bringen ihre gefährlichen Waffen ins Ziel und verschwinden wieder.

Die Besatzung hat für solche Gedanken keine Zeit. "Alle Mann auf Manöverstation", kommt der Befehl über die Bordlautsprecher. Das Abenteuer beginnt. Bevor das Boot ausläuft, tritt die Besatzung zur Musterung an. Der Erste Wachoffizier (I WO) meldet dem Kommandanten. Dann geht es an Bord.

Zuerst die Dichtigkeitsüberprüfung. Dazu wird im Boot ein Unterdruck erzeugt. Wenn der Druck wieder auf normal zurückgefahren wird, entsteht kurzzeitig ein unangenehmes Gefühl im Ohr. Dem Gast werden die Sicherheits-Prozeduren erklärt - das ist deutlich umfangreicher als die Einweisung der Stewardessen vor einem Flug. Man muß sich in einen roten Anzug zwängen, bekommt den Mechanismus des Aufblasens erklärt und wie man den Druck verändern und die Notbeleuchtung einschalten kann. Danach die Einweisung in die Sicherheitsmaske, falls die Umgebungsluft im getauchten Boot zum Beispiel wegen eines Feuers nicht atembar sein sollte.

Nach dem Ablegen gehen alle nicht zur Wache eingeteilten Soldaten zum Tagesdienstplan über. Es duftet bereits im Boot. Der Koch, Smut genannt, zaubert auf nur 1,5 Quadratmetern die Mahlzeiten für 27 Menschen. Er ist jedoch hochzufrieden, denn im Vergleich zu anderen U-Booten hat er hier ein Paradies mit Spülmaschine, Mikrowelle und Kühlschrank. Das Leben an Bord ist wesentlich komfortabler geworden. Für 27 Menschen gibt es 25 Kojen. Vier Soldaten müssen also in die "warme Koje", das heißt, dieses Bett mit einem anderen teilen. U31 hat eine Frau an Bord. Die Funkerin hat aber zur Zeit Urlaub. "Eine Frau, die U-Boot fahren will, weiß, daß es dort eng zugeht", erklärt Hauptbootsmann Walter Prüß vom Presse- und Informationszentrum Marine, "wir haben da keinen Platz für eine Extrawurst."

Der Kommandant hat als einziger eine winzige Kammer, um auch mal Beurteilungen schreiben zu können. Alle anderen schlafen im Wohnbereich. Meist drei Kojen übereinander. Jeder Soldat hat ein etwa 40 mal 25 mal 70 Zentimeter großes Staufach und muß sich mit einem Kameraden einen etwa 1,5 mal 0,5 Meter großen Spind teilen. An Bord gibt es zwei Sanitärbereiche mit je einer Dusche, einem Spülstein und einer Toilette. Daß U-Bootfahrer nach drei Wochen bärtig und ungewaschen im Hafen einlaufen ist eine Legende.

Obermaat Marcel Fischer (23) meldet sich ab zur Ronde. Fischer ist der sogenannte E-Maat und hat Wache, die vier Stunden dauert. Jede Stunde geht er einmal komplett durch das Boot. Obwohl alle wichtigen technischen Daten für das Boot per Computer abgerufen werden können, ist die Sichtprüfung ein wesentlicher Beitrag für die Sicherheit an Bord.

In der Operationszentrale (OPZ), dem Hochheiligtum des Bootes, laufen alle Fäden zusammen. Einige Geräte dürfen nicht fotografiert werden: geheim. 20 Monitore zeigen alle Informationen über das Boot an: Technik, Waffen, Navigation. Hauptbootsmann Wolfgang Tirs (32) ist der Navigationsmeister, auch Steuermann genannt. Bei einer Überwasserfahrt ist die Navigation über GPS relativ einfach. Unter Wasser muß Tirs den Standort in komplizierter Rechnung über Kurs, Fahrt, Tiefe und anhand von Strömungsatlanten ermitteln.

Die Boote vom Typ 212 A können tiefer tauchen, als alle bisherigen U-Boote der Deutschen Marine. Wie lange sie sich jedoch ununterbrochen in großen Tiefen aufhalten können, ist indes geheim. Als Zeitgabe hört man zwar bisweilen: "mehrere Wochen." Doch die genaue Zeitspanne unterliegt militärischer Geheimhaltung.

Der "Alte" aus dem Buch "Das Boot" wäre wohl von der U31 begeistert: "Ein richtiges Unterseeboot, das wäre der wahre Jakob", meint er auf Buchseite 161, "ein Unterseeboot sind wir doch gar nicht. Das ist hier doch bloß ein Tauchboot."

Die Brennstoffzelle wird bei Bedarf manuell eingeschaltet. "Immer dann, wenn wir meinen, daß es notwendig ist", erklärt der Kommandant. Er stellt fest, daß jetzt gerade der Diesel wieder angesprungen ist. "Wie Sie hören", schmunzelt er, "hören Sie nichts." Der Dieselmotor ist so gut Schall gedämmt, daß das Boot von einem möglichen Gegner nur schwer auszumachen ist. Auch die Schraube macht wenig Geräusche. Kavitation, das Zerplatzen der Luftbläschen an der Schraube, wird weitgehend vermieden. Deren Technik ist ebenfalls ein großes Geheimnis. Bekannt ist nur, daß die Schraube eine neuartige Form besitzt und aus einem ganz besonderen Material besteht. Bei der Taufe oder auf offiziellen Bildern des U-Bootes ist niemals die echte Schiffsschraube zu sehen, sondern immer nur ein Dummy.

"Klar machen zum Auftauchen", ist das Kommando zu hören. Und alle wieder zur Bestätigung: "Auuuftauchen." Das Boot steht dabei etwas schräg, weil es mit dem Bug zuerst die Wasseroberfläche durchstößt, während das Heck noch im Wasser liegt. U31 läuft in Eckernförde ein. Die Welt ist verzuckert, es liegt ein Zentimeter Schnee. Der Kommandant hat befohlen, daß der I WO anlegt. Der Kommandant ist der einzige auf dem Boot, der die weiße Mütze trägt - auch das ist Tradition. Das Boot hat festgemacht. Nach dem Klar Schiff machen, gibt es das "Einlauf-Bier" - egal ob das Boot nur einen Tag oder einen Monat unterwegs war: Das Einlauf-Bier ist heilig.