Bertelsmann

Chancenspiegel – Herkunft entscheidet über Bildungserfolg

Eine neue Bildungsstudie sieht kleine Fortschritte bei der Chancengleichheit. Aber dabei auch große Unterschiede zwischen den Ländern.

Schüler sitzen im Unterricht in einer Grundschule in Niedersachsen.

Schüler sitzen im Unterricht in einer Grundschule in Niedersachsen.

Foto: Peter Steffen / dpa

Berlin.  Wilfried Bos ist ein Mann der klaren Worte: "Wenn die umgeschulte Floristin nachmittags die Hausaufgaben betreut", sagt der Bildungsforscher der Technischen Universität Dortmund, dann habe das wenig mit dem zu tun, was sich Eltern, Lehrer und Experten unter guter Ganztagsförderung vorstellen.

Doch genau so sieht es an vielen Schulen in Deutschland heute aus: Der Wille ist da – doch im Alltag läuft gerade bei der Förderung am Nachmittag noch vieles nicht rund. Immerhin bescheinigen mittlerweile mehrere Studien den deutschen Schulen, dass sie gerechter und durchlässiger geworden sind für Schüler aus armen, abgehängten, bildungsfernen Familien.

Einige Länder haben mehr Chancengleichheit

Schulerfolg in Deutschland hat oft mehr mit Herkunft und Elternhaus zu tun als mit Begabung und Leistungswillen – dieser langjährige Befund der Bildungsforscher gilt noch, hat sich aber inzwischen leicht abgeschwächt.

Das zeigt nicht nur die jüngste Pisa-Studie der OECD, sondern auch der neue "Chancenspiegel", den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit Forschern der Universitäten in Dortmund und Jena am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat. Wichtigstes Ergebnis: Alle Bundesländer haben sich in puncto Chancengerechtigkeit hochgearbeitet – "aber einige Länder nur eine Etage, andere zehn Etagen", so Bos.

Schüler mit ausländischen Wurzeln unterschiedlich gefördert

Bei der Frage etwa, wie die einzelnen Länder Schüler mit ausländischen Wurzeln bei der Lesekompetenz fördern, zeigen sich nicht nur große Unterschiede, auch Länder mit ansonsten guten Trends fallen hier zum Teil deutlich zurück: Das Saarland, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Sachsen-Anhalt gehören zur Spitzengruppe. Berlin und Hamburg, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen dagegen bilden die Schlussgruppe.

Auch die jüngste Pisa-Studie hatte beklagt, dass Schüler aus Zuwandererfamilien in den internationalen Leistungstests im Schnitt deutlich weniger erfolgreich sind als ihre Altersgenossen. Laut Bertelsmann-Studie verlassen Jugendliche mit ausländischem Pass die Schule zudem deutlich häufiger ohne Abschluss als ihre deutschen Altersgenossen. Aber auch für Kinder ohne Mi­grationsgeschichte gilt: Der Weg zu wirklicher Chancengleichheit ist noch weit. Im Bundesdurchschnitt liegen trotz leichter Verbesserungen Neuntklässler aus sozial schwachen und bildungsfernen Milieus beim Lesen immer noch mehr als zwei Schuljahre hinter ihren Klassenkameraden aus privilegierten Milieus zurück.

Experten fordern Recht auf einen Ganztagsschulplatz

Dennoch ist der Grundton der Forscher nach jahrelanger Klage und Kritik inzwischen etwas optimistischer. Dabei ist die Ausgangslage für die Schulen nicht leichter geworden: Die Zahl der Kinder mit ausländischen Wurzeln wächst stetig, durch Eingliederung von Kindern mit Behinderungen ins Regelsystem stehen die Lehrer vor neuen Herausforderungen, gleichzeitig verlangen bildungsbewusste Eltern hartnäckiger als früher exzellente Förderung und optimale Vorbereitung auf die Arbeitswelt.

Und trotzdem geht es in vielen Bereichen bergauf: "Bei zunehmender Vielfalt in den Klassenzimmern gibt es in den Bildungssystemen aller Bundesländer Verbesserungen. Das ist ein Verdienst von Politik und Lehrern", lobt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Hochmotivierte, aber schlecht vorbereitete Hilfskräfte

Besondere Hoffnungen setzen die Bildungsforscher in den Ausbau der Ganztagsschulen – denn nur so können Schüler gefördert werden, die zu Hause kaum Förderung erwarten können. Wie die Studie zeigt, lernte vor 15 Jahren nur einer von zehn Schülern an einer Ganztagsschule. Heute sind es knapp vier von zehn. Doch auch hier sind die Unterschiede zwischen den Ländern in den letzten Jahren immer größer geworden – der Anteil der Ganztagsschüler schwankt zwischen 80 Prozent in Sachsen und 15 Prozent in Bayern. "Wir brauchen einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz, damit der Reformeifer nicht erlahmt", fordert Dräger. Kostenpunkt: mehrere Milliarden Euro pro Jahr.

Doch was heißt eigentlich Ganztag? Bei der offenen Ganztagsschule ist das Nachmittagsangebot freiwillig, bei gebundenen ist es verpflichtend. Manche Schulen können auf Lehrer zurückgreifen, den anderen bleiben oft nur hochmotivierte, aber schlecht vorbereitete Hilfskräfte – wie die umgeschulte Floristin. "Ein bloß zahlenmäßiger Ausbau bringt uns nicht weiter", sagt Bos.

Nachweisbar wirksam im Sinne der Chancengleichheit sei nur der gebundene Ganztag mit verpflichtenden Angeboten. Doch weil viele Eltern gar nicht wollen, dass ihre Kinder jeden Tag bis in den späten Nachmittag an der Schule sind, werben Bildungsforscher mittlerweile für eine Mischung aus verpflichtenden und freiwilligen Angeboten, gestaffelt nach Alter. Jede Schule soll sich so ihr eigenes Programm stricken können. Einige Pioniere haben damit bereits angefangen.

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