Sexismus-Debatte

Der Aufschrei nach dem #aufschrei

Die #aufschrei-Aktion auf Twitter ist nur die Spitze des Eisberges. Jede zweite Frau gibt an, am Arbeitsplatz diskriminiert worden zu sein.

Foto: Hermann Pentermann / dpa

Was ist Sexismus, und wie soll man damit umgehen? Die Debatte über diese Frage, ausgelöst von einem "Stern"-Porträt über den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle, geht ungebrochen weiter.

Der Spitzenkandidat der SPD, Peer Steinbrück, sagte am Montag in Potsdam, jede Form von sexueller Belästigung sei "nicht hinnehmbar". Zum Vorfall selbst wollte er sich nicht äußern. Da sich Brüderle selbst noch nicht zu Wort gemeldet habe, wolle er den Sachverhalt nicht kommentieren.

Bei der Twitter-Aktion "#aufschrei", die infolge der Auseinandersetzung um den "Stern"-Artikel gestartet worden war und in der von Alltagserfahrungen mit Sexismus berichtet wird, hatten sich bis Anfang der Woche über 60.000 Frauen und Männer zu Wort gemeldet.

Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes verzeichnet einen deutlichen Anstieg gemeldeter Vorfälle. Die Leiterin der Stelle, Christine Lüders, führt dies auf die öffentliche Debatte zurück. "Offensichtlich fühlen sich mehr Frauen ermutigt, über Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu sprechen." Dies zeige, wie wichtig es sei, Diskriminierungen am Arbeitsplatz breit zu diskutieren.

Studie: Jede zweite Frau im Job belästigt

Laut einer Erhebung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 2011 beklagt sich jede zweite Frau darüber, schon einmal am Arbeitsplatz diskriminiert worden zu sein. Trotzdem war die Zahl der gemeldeten Fälle bei der Antidiskriminierungsstelle über die vergangenen Jahre eher niedrig – sie lag im niedrigen dreistelligen Bereich.

Lüders spricht von einer "sehr hohen Dunkelziffer". Im Job trauten sich viele Frauen nicht, "gegen ihre eigenen Kollegen oder Kunden vorzugehen". Dafür spreche, dass kaum Fälle vor Gericht landen würden. Lüders empfiehlt Betroffenen, sich Hilfe zu holen. "Entweder beim Arbeitgeber, der die Pflicht hat, die betroffenen Beschäftigten vor sexueller Belästigung zu schützen. Oder, wenn das nicht hilft, bei einer Beratungsstelle wie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes", so Lüders.

Brüderle selbst will zu den Vorwürfen auch weiterhin schweigen. In einer Sitzung der FDP-Spitze erklärte Brüderle am Montag, dass er dazu öffentlich nicht Stellung beziehen werde. Dies werde von allen Präsidiumsmitgliedern respektiert, sagte Generalsekretär Patrick Döring: "Er hat unsere volle Unterstützung." Deshalb äußere sich auch Parteichef Philipp Rösler nicht zu der Darstellung im "Stern". Zwischen Rösler und Brüderle sei abgesprochen, dass "wir die Debatte nicht von der Spitze der Partei beleben".

Neue Kritik am "Stern"

Dem "Stern" warf Döring vor, die Vorwürfe seiner Autorin "bewusst persönlich und parteipolitisch intoniert" zu haben, statt diese in einem persönlichen Gespräch zu klären. Das Magazin habe in Kauf genommen, "dass hier Partner von Spitzenpolitikern brutalstmöglich mit hineingezogen werden", sagte Döring.

Er spielte damit auf einen bei "Stern Online" erschienenen Artikel an, in dem das Porträt über Brüderle mit Hinweis auf die angeblichen sexistischen Äußerungen angekündigt worden war. In einer ersten Version des Online-Artikels war auch die Ehefrau von Rainer Brüderle erwähnt worden. Die entsprechende Passage wurde später von den Autoren entfernt.

Der Diskussion über Sexismus geht unterdessen weiter. Die FDP will nicht gegen die Autorin des Brüderle-Porträts, Laura Himmelreich, vorgehen. "Es gibt keine Arbeitsbeschränkung oder Kontaktsperre, das wäre ja auch absurd", sagte Döring. Die Journalistin Dagmar Rosenfeld, Ehefrau des nordrhein-westfälischen FDP-Chefs Christian Lindner, nannte die Debatte in einer Kolumne für die "Rheinische Post" "maßlos und undifferenziert": "Frauen ziehen sich auf die Opferrolle zurück und Brüste werden zum Handicap."

Ein "Aufschrei" sei nur dort angebracht, wo berufliche Abhängigkeitsverhältnisse oder körperliche Stärke genutzt würden, um "einem anderen Menschen gegen seinen Willen nahezukommen".

Risiko, sich selbst zu wehren

Die Initiatorin der Twitter-Aktion "#aufschrei", Anne Wizorek, nannte das Argument, dass Frauen sich selbst gegen plumpe Sprüche zur Wehr setzen könnten, "perfide". In einem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Chef und Angestellter etwa sei es ein Risiko, kräftig zu kontern.

"Wenn es so einfach wäre, gebe es keine Diskussion", sagte die 31-Jährige. Sie fordert eine neue Flirtkultur zwischen Männern und Frauen. "Viele Männer setzen voraus, dass ihre Sprüche bei Frauen ankommen. Dass sie Grenzen überschreiten, merken sie nicht."

Für den schleswig-holsteinischen SPD-Chef Ralf Stegner ist die Debatte auch ein Zeichen dafür, dass das Verhältnis zwischen Politik und Medien grundsätzlich diskutiert werden muss. "Zwischen Politikern und Journalisten gibt es oft zu viel Nähe, aber oft ist auch die Distanz viel zu groß", sagte Stegner der Berliner Morgenpost. "Derzeit ist das Verhältnis zwischen Politik und Medien nicht besonders gut." Das fördere die Politikverdrossenheit. Darin sehe er "eine große Gefahr für unsere Demokratie".

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