Boston-Marathon

Polizei durchsucht in Bostoner Vorort Haus für Haus

9000 Polizisten durchkämmen Watertown auf der Suche nach einem der mutmaßlichen Attentäter. Ein zweiter wurde erschossen.

Ausnahmezustand in Boston: Auf der Suche nach einem der beiden mutmaßlichen Marathon-Bombenleger haben schwer bewaffnete Polizeieinheiten am Freitag einen Vorort der US-Ostküstenstadt durchkämmt. Der vermutlich aus Tschetschenien stammende Dzhohkar Tsarnaev soll den Anschlag gemeinsam mit seinem Bruder Tamerlan begangen haben, der in der Nacht nach einem wilden Schusswechsel gestorben war.

Die Polizei riegelte das Viertel Watertown hermetisch ab, mehr als 9000 Beamte waren im Einsatz. Die Bewohner der Vorstadt wurden angewiesen, ihre Häuser nicht zu verlassen. Der 19-jährige Dzhohkar Tsarnaev sei "bewaffnet und gefährlich", sagte Bostons Polizeichef Ed Davis. "Wir glauben, dass das ein Terrorist ist. Wir glauben, dass das ein Mann ist, der hierher kam, um Menschen zu töten." Der 26-jährige Tamerlan sei am frühen Freitagmorgen im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen.

Es seien Fortschritte bei der Suche gemacht worden, aber es gebe bisher "keine Festnahme", sagte Polizeioffizier Timothy Alben bei einer Pressekonferenz am Freitagabend (MESZ). Die Suche in Watertown werde von Haus zu Haus und Tür zu Tür fortgesetzt. Bisher seien rund 60 Prozent der Gegend durchkämmt worden, in der der Verdächtige vermutet wird.

Alben kündigte für den Nachmittag (Ortszeit) eine "kontrollierte Sprengung" in einer Straße im Vorort Cambridge an, wo die Brüder gelebt hätten. Die Bürger in Boston sollten weiterhin in ihren Häusern bleiben, sagte Gouverneur Deval Patrick.

Bei dem Anschlag auf den Marathonlauf in Boston waren am Montag drei Menschen getötet und etwa 180 weitere verletzt worden. Das FBI hatte am Donnerstag Bilder von zwei Verdächtigen veröffentlicht, auf denen zwei junge Männer mit Rucksäcken in der Nähe des Anschlagsorts zu sehen waren. Dabei baten die Behörden die Bevölkerung um Mithilfe bei der Fahndung.

Verdächtige versuchten, ein Geschäft auszurauben

In der Nacht zum Freitag überschlugen sich dann die Ereignisse. Davis zufolge versuchten die beiden Verdächtigen, im nahe Boston gelegenen Cambridge ein Geschäft auszurauben. Dann seien sie zum ebenfalls in Cambridge gelegenen Massachusetts Institute of Technology (MIT) gefahren, wo ein Polizist durch Schüsse verletzt wurde und schließlich starb.

Anschließend überfiel das Duo offenbar den Fahrer eines Wagens und flüchtete mit ihrer Geisel. Später ließen sie den Mann im nahe Cambridge gelegenen Watertown frei. Dort endete eine Verfolgungsjagd mit der Polizei in einem Schusswechsel, US-Medien zufolge warfen die Brüder auch Sprengsätze aus dem Auto. Tamerlan Tsarnaev wurde den Angaben zufolge dabei verletzt. Der Mann sei an mehreren Schusswunden und den Folgen einer Explosion schließlich gestorben, sagte ein Arzt des Krankenhauses, in dem der Verdächtige behandelt wurde. Laut dem Arzt soll Tamerlan Tsarnaev von Kugeln regelrecht "durchsiebt" worden sein. Die Einschüsse seien nicht zu zählen gewesen.

Dzhohkar Tsarnaev war nach Attentat an der Uni

Sein Bruder war nach Angaben seiner Kommilitonen nach dem Anschlag am Montag noch auf dem Universitätscampus. Er habe ihn diese Woche im Gang des Wohnheimes, in dem er lebt, gesehen, sagte der Student Harry Danso, der auf der gleichen Etage wie Dzhohkar Tsarnaev ein Zimmer hat. Tsarnaev habe ruhig gewirkt.

Zwei Freunde des Verdächtigen riefen ihn derweil auf, sich zu stellen. In Nachrichten an die Nachrichtenagentur AP baten Ashraful Rahman und Essah Chisholm, die mit Dzhohkar die Cambridge Rindge and Latin School besucht hatten, dass er sich nicht umzubringen und niemanden anderen mehr verletzen möge. Rahman beschrieb Tsarnaev als ambitionierten Ringer, der immer ruhig und gelassen war und niemandem etwas zuleide tat.

Familie flüchtete aus Tschetschenien

Die mutmaßlichen Bombenleger stammen offenbar aus einer tschetschenischen Familie, die in den 1990er Jahren aus der zu Russland gehörenden Kaukasus-Republik geflüchtet sein soll. Nach einem Aufenthalt in Zentralasien soll die Familie dann vor einigen Jahren in die USA gezogen sein. Ein Onkel der beiden Verdächtigen bestätigte die Herkunft. "Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass die Kinder meines Bruders damit in Verbindung stehen", sagte der im US-Bundesstaat Maryland lebende Ruslan Tsarni.

Tsarni betonte, er habe "nichts" mit Tamerlan Tsarnaev und Dzhohkar Tsarnaev zu tun und seit Jahren mit der Verwandtschaft keinen Kontakt mehr. Seinen flüchtigen Neffen rief er auf, sich den Behörden zu stellen.

Aus der Kaukasus-Republik Dagestan meldete sich unterdessen ein Mann mit dem Namen Ansor Tsarnaev zu Wort, der nach eigenen Angaben der Vater der beiden mutmaßlichen Attentäter ist. Die US-Geheimdienste hätten seine Söhne "in eine Falle gelockt", sagte Tsarnaev am Freitag der Nachrichtenagentur Interfax an seinem Wohnsitz in der Hauptstadt Dagestans, Machatschkala. Seine Söhne bezeichnete er als "strenggläubige Muslime".

Tamerlan Tsarnaev soll 2012 für sechs Monate nach Russland gereist sein, hieß es am Freitag aus US-Regierungskreisen. Auf eine Verbindung zu tschetschenischen Extremistengruppen seien Ermittler jedoch nicht gestoßen, sagte ein anderer Gewährsmann.

US-Außenminister John Kerry wies Spekulationen über eine Verbindung zu tschetschenischen Separatisten zurück. "Terror ist Terror, und dies unterstreicht, wie wichtig es ist, dass wir alle wachsam bleiben und international miteinander kooperieren", sagte er am Freitag in Washington. Der Kreml hat nach eigenen Angaben noch keine Beweise für eine Tschetschenien-Verbindung der beiden Brüder.

Boston steht komplett still

Der Großeinsatz der Polizei brachte das öffentliche Leben in Boston zum Stillstand. Schulen und Universitäten blieben geschlossen, der Nahverkehr wurde eingestellt. Über der Stadt kreisten Hubschrauber, während die Polizisten in Watertown von Haus zu Haus gingen. Auch der Luftraum war geschlossen. Die Polizei verhängte eine Ausgangssperre über die gesamte Stadt

Von den Verletzten des Anschlags befand sich am Freitag niemand mehr im kritischen Zustand. Aus den Krankenhäusern der Stadt verlautete, von den Schwerverletzten würden wohl alle überleben. Die Genesung könne aber Jahre dauern.

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