Am Ende war der Druck zu groß. Als der Regierende Bürgermeister Michael Müller öffentlich aussprach, was sich schon Wochen zuvor hinter den Kulissen andeutete, gab es kein Zurück mehr. Der Chef des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso), Franz Allert, muss gehen. Um sein Gesicht zu wahren, lässt es Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) wie einen Rücktritt aussehen. Egal, Allert macht endlich den Weg für einen Neuanfang frei.

Das Lageso hatte in den vergangenen Monaten traurige Berühmtheit erreicht. Es ist zum Sinnbild für einen katastrophalen Umgang mit ankommenden Flüchtlingen geworden – nicht nur bundesweit sondern auch international.

Beschämende Zustände flimmerten fast täglich aus dem Gelände an der Moabiter Turmstraße in Millionen Haushalte. Zwar gab es jede Menge Willensbekundungen, es jetzt endlich besser zu machen, aber nichts änderte sich.

Jeden Tag mussten hunderte Flüchtlinge in der Kälte warten, manchmal Wochen, um einen Termin im Amt zu erhalten. Allein die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer verhinderten, dass die Lage weiter eskalierte.

Das nächtliche Chaos am Berliner Lageso

Flüchtlinge warten stundenlang in der Kälte. Erst wenige Minuten, bevor das Lageso öffnet, dürfen die Wartenden auf das Gelände. Dann heißt es weiter Geduld haben.
Flüchtlinge warten stundenlang in der Kälte. Erst wenige Minuten, bevor das Lageso öffnet, dürfen die Wartenden auf das Gelände. Dann heißt es weiter Geduld haben.© Glanze | Sergej Glanze
Manche von ihnen harren tagelang vor dem Lageso aus. Helfer versorgen die Menschen auch bei Nacht mit Essen und warmen Getränke.
Manche von ihnen harren tagelang vor dem Lageso aus. Helfer versorgen die Menschen auch bei Nacht mit Essen und warmen Getränke.© Massimo Rodari | Massimo Rodari
Oft ist das Smartphone für Flüchtlinge die einzige Verbindung zu ihren Familien.
Oft ist das Smartphone für Flüchtlinge die einzige Verbindung zu ihren Familien.© Massimo Rodari | Massimo Rodari
Stundenlang warten sie auf die angekündigten Busse, die zu Notunterkünften fahren. Diejenigen, die keinen Platz bekommen, müssen auf eine Unterbringung im Wärmebus oder in einer Turnhalle in Hohenschönhausen hoffen.
Stundenlang warten sie auf die angekündigten Busse, die zu Notunterkünften fahren. Diejenigen, die keinen Platz bekommen, müssen auf eine Unterbringung im Wärmebus oder in einer Turnhalle in Hohenschönhausen hoffen.© Glanze | Sergej Glanze
Eingehüllt in Decken und Schlafsäcke versuchen die Menschen die Nacht zu überstehen, um am nächsten Morgen in der Warteschlange möglichst weit vorne zu stehen.
Eingehüllt in Decken und Schlafsäcke versuchen die Menschen die Nacht zu überstehen, um am nächsten Morgen in der Warteschlange möglichst weit vorne zu stehen.© Glanze | Sergej Glanze
Mit knapp dreistündiger Verspätung erreichen die Busse das Lageso. Frauen und Familien dürfen als erste einsteigen.
Mit knapp dreistündiger Verspätung erreichen die Busse das Lageso. Frauen und Familien dürfen als erste einsteigen.© Massimo Rodari | Massimo Rodari
Die, die keinen Platz bekommen, harren weiter auf der Straße aus. Oft sind die Schutzsuchenden leicht bekleidet, Kinder sitzen in Herbstjacken auf dem kalten Boden.
Die, die keinen Platz bekommen, harren weiter auf der Straße aus. Oft sind die Schutzsuchenden leicht bekleidet, Kinder sitzen in Herbstjacken auf dem kalten Boden.© Massimo Rodari | Massimo Rodari
Es gibt "Gemüsegulasch". Viele Helfer sind hier, die Menschen freuen sich über eine warme Mahlzeit
Es gibt "Gemüsegulasch". Viele Helfer sind hier, die Menschen freuen sich über eine warme Mahlzeit© Massimo Rodari | Massimo Rodari
300 Menschen sollen in Hohenschönhausen Platz finden. Allerdings sind das nur die, die zwischen 6 bis 14 Uhr ein weißes Bändchen ergattern konnten.
300 Menschen sollen in Hohenschönhausen Platz finden. Allerdings sind das nur die, die zwischen 6 bis 14 Uhr ein weißes Bändchen ergattern konnten. © Massimo Rodari | Massimo Rodari
An der Darßer Straße ist eine Doppelsporthalle für die Aufnahme von 300 Flüchtlingen hergerichtet.
An der Darßer Straße ist eine Doppelsporthalle für die Aufnahme von 300 Flüchtlingen hergerichtet.© Steffen Pletl
Erschöpft und durchgefroren warten die Flüchtlinge auf die Abfahrt. Viel Schlaf werden sie nicht bekommen, denn in wenigen Stunden müssen sie sich wieder auf den Weg zum Lageso machen.
Erschöpft und durchgefroren warten die Flüchtlinge auf die Abfahrt. Viel Schlaf werden sie nicht bekommen, denn in wenigen Stunden müssen sie sich wieder auf den Weg zum Lageso machen. © Massimo Rodari | Massimo Rodari

Jetzt hat Czaja unter dem Druck des Regierenden Bürgermeisters also die Reißleine gezogen. Fast zu spät. Die Missstände sind seit Monaten bekannt, die an Ignoranz reichende Haltung des Lageso-Chefs auch – aber der zuständige Senator Czaja hatte den Kopf in den Sand gesteckt und schulterzuckend zugesehen.

Erst jetzt, nachdem Müller ein Machtwort sprach, reagierte er. Das hilft hoffentlich den vielen Flüchtlingen, die in die Stadt kommen, aber ob es Czaja hilft, ist noch nicht entschieden. Die Verzweiflungstat von Mittwochabend gleicht einem Eingeständnis, in den vergangenen Monaten fortgesetzt versagt zu haben.

So leben die Flüchtlinge im Flugfhafen Tempelhof

Blick in einen der Hangars am ehemaligen Flughafen Tempelhof. Mehr als 2200 Flüchtlinge leben hier in abgetrennten Buchten unter schwierigen hygienischen Verhältnissen.
Blick in einen der Hangars am ehemaligen Flughafen Tempelhof. Mehr als 2200 Flüchtlinge leben hier in abgetrennten Buchten unter schwierigen hygienischen Verhältnissen.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Mehr als 70 Zelte, die zuvor in einer Kaserne in Spandau standen, wurden in den Flugzeugenhallen aufgebaut.
Mehr als 70 Zelte, die zuvor in einer Kaserne in Spandau standen, wurden in den Flugzeugenhallen aufgebaut.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Doppelstockbetten stehen auf engstem Raum. Privatsphäre gibt es kaum.
Doppelstockbetten stehen auf engstem Raum. Privatsphäre gibt es kaum.© dpa | Bernd Von Jutrczenka
Ein kleines Mädchen steht verloren zwischen den Zelten. Gut ein Drittel der Bewohner sind Kinder.
Ein kleines Mädchen steht verloren zwischen den Zelten. Gut ein Drittel der Bewohner sind Kinder. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Die Geborgenheit eines Zuhauses gibt es hier für sie nicht.
Die Geborgenheit eines Zuhauses gibt es hier für sie nicht.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Ein wenig Spaß mit dem Kinderzirkus: Freiwillige Helfer versuchen, den Kindern Beschäftigung zu bieten.
Ein wenig Spaß mit dem Kinderzirkus: Freiwillige Helfer versuchen, den Kindern Beschäftigung zu bieten.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Die Kinder können spielen und die schwierigen Lebensumstände für einen Moment vergessen.
Die Kinder können spielen und die schwierigen Lebensumstände für einen Moment vergessen.© dpa | Bernd von Jutrczenka
An einer der wenigen Steckdosen laden die Erwachsenen ihre Mobiltelefone auf. Das Handy ist oft die einzige Verbindung zu den Familien in ihren Heimatländern.
An einer der wenigen Steckdosen laden die Erwachsenen ihre Mobiltelefone auf. Das Handy ist oft die einzige Verbindung zu den Familien in ihren Heimatländern.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Die hygienische Infrastruktur in den Hangars ist schlecht. Es gibt nur Mobil-Toiletten und Waschbecken in Containern. Zum Duschen müssen die Menschen in Bäder gefahren werden.
Die hygienische Infrastruktur in den Hangars ist schlecht. Es gibt nur Mobil-Toiletten und Waschbecken in Containern. Zum Duschen müssen die Menschen in Bäder gefahren werden.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Noch nicht fertiggestellte Dusch- und Toilettenkabinen stehen in einem Hangar. Der Betreiber der Notunterkunft will die sanitären Verhältnisse dringend verbessern.
Noch nicht fertiggestellte Dusch- und Toilettenkabinen stehen in einem Hangar. Der Betreiber der Notunterkunft will die sanitären Verhältnisse dringend verbessern.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Tausende Menschen müssen täglich mit Lebensmitteln versorgt werden.
Tausende Menschen müssen täglich mit Lebensmitteln versorgt werden.© dpa | dpa
Privatsphäre und Geborgenheit gibt es für die Menschen, die hier leben, kaum.
Privatsphäre und Geborgenheit gibt es für die Menschen, die hier leben, kaum.© REUTERS | FABRIZIO BENSCH
Zur Ungewissheit, was die Zukunft bringt, kommt die Langeweile. Es gibt in der Notunterkunft nur wenig zu tun.
Zur Ungewissheit, was die Zukunft bringt, kommt die Langeweile. Es gibt in der Notunterkunft nur wenig zu tun.© dpa | Bernd von Jutrczenka

Aber wie will Czaja jetzt, wo sein wichtigster Mitarbeiter in der Flüchtlingsfrage weg ist, verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen? Er muss einen Nachfolger finden, der schnell sichtbare und spürbare Verbesserungen durchsetzt. Wenn das nicht gelingt, wäre ein Rücktritt des einstigen Hoffnungsträgers der Berliner CDU nicht nur folgerichtig sondern zwangsläufig.