Jan Bredack steht vor einem Supermarktregal in Berlin-Friedrichshain und runzelt die Stirn. Bei den Snack-Riegeln gibt es eine Lücke, es fehlen Preisschilder. Neben ihm taucht ein Kunde auf, der murmelnd nach „Matcha“ sucht. Bredack hilft und zeigt ihm den grünen Tee, den er gemeint hat. „Der hier ist der Beste.“ In der Hand hat der Supermarktchef einen grünen Smoothie, an den Füßen Trekkingschuhe, dazu trägt er einen schwarzen Kapuzenpulli. So sieht ein ehemaliger Daimler-Manager und Bio-Pionier aus.

Jan Bredack ist Gründer der veganen Kette „Veganz“, ein Markt für Ökokost und Produkte ohne Fleisch, Milch und Eier. E-Mails unterschreibt er mit „Veganz liebe Grüße“. Wie Kochbuchautor Attila Hildmann gehört Bredack zu den bekannten Namen der Szene. Nach einer Schätzung des Vegetarierbundes gibt es in Deutschland mittlerweile 800.000 Veganer. Bredack ist einer davon. Er hat ein Buch geschrieben, das sein Leben „im Rückspiegel reflektiert“, wie er sagt. Am heutigen Donnerstagabend (24. April 2014) wird er es um 19 Uhr mit der Journalistin Marlene Halser im Kulturkaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße in Mitte vorstellen.

„Vegan für alle“ (Piper) ist eine Mischung aus einem Sachbuch über Essen, Ethik, Tierschutz und Umwelt – und privater Biografie. Er beschreibt darin seinen Weg vom Karrieristen und Fast-Food-Konsumenten zum glücklichen Veganer. „Von Mistgebirgen und Gülleseen“, heißt ein Kapitel. Bredack erzählt, wie er unter Verdauungsstörungen, Heuschnupfen und Schuppenflechte gelitten habe, bevor er seine Ernährung umstellte, und wie er bei Daimler vom Pannenhelfer zum Manager mit Milliardenumsatz aufstieg. Für Bredack war das eine Welt, in der es wichtig ist, welchen Platz der Wagen in der Tiefgarage hat. Er hatte ständig neue teure Autos, sodass die Nachbarn auf dem Land schon scherzten, er sei ein Zuhälter. Er machte teure Reisen. „Unter fünf Sternen ging gar nichts“, sagt Jan Bredack. Seine Arbeit beschreibt er in einem Kapitel als „System der Angst“, in dem Mitarbeiter fies „rasiert“ werden, auch von ihm.

Von Mercedes zu Matcha

In Moskau baut er als junger Manager das erste russische Daimler-Nutzfahrzeugwerk auf. 2008 klappt Bredack zusammen. Burn-out. Nach der Trennung von seiner Familie lernt er seine damalige Freundin kennen, eine Vegetarierin. „Das Hähnchen auf deinem Teller wurde getötet, damit du es essen kannst“, sagt sie ihm. Darüber hatte Bredack, der vorher regelmäßig Burger und Currywurst konsumiert hat, bis Mitte 30 nie nachgedacht – so erzählt er es.

Er wurde erst Vegetarier, dann Veganer – früher waren das für Bredack Leute, die „nicht alle Latten am Zaun“ hatten, sagt er. Er stieg bei Daimler aus. „Ich möchte nie wieder in meinem Leben von Geld abhängig sein“, sagt Bredack heute. Er lebt nicht mehr in einer Villa mit Pool, sondern in einer Zweizimmerwohnung. Sich selbst zahlt der Chef nach eigenen Angaben ein Gehalt von 3500 Euro brutto aus, viel weniger als seinen Geschäftsführern.

Billig sind die Produkte bei „Veganz“ nicht. Es gibt Gemüse, eine Nuss-Bar, Sojamedaillons, Veggie-Döner, Bio-Mandelpüree oder Wein, der ohne tierische Gelatine gefiltert ist. Die meisten Kunden sind laut Bredack keine Veganer oder Vegetarier, sondern „omnivor“ und essen sonst alles.

In München, Hamburg, Frankfurt, bald in Leipzig, Essen, Wien

Die Märkte laufen laut dem Gründer „sehr gut“, das Unternehmen soll dieses Jahr wirtschaftlich werden. 2011 öffnete die erste Filiale von „Veganz“ in Prenzlauer Berg. Mittlerweile gibt es Geschäfte in München, Hamburg und Frankfurt, bald in Leipzig, Essen und Wien. Es sollen einmal 20 werden, auch internationale Franchise-Unternehmen sind geplant. In der linken Szene hat das kommerzielle Unternehmen nicht nur Freunde. Es wurden schon Scheiben eingeschmissen. Und den militanten Veganern behagt es nicht, dass ihnen ein Teil ihrer Protestkultur genommen wird, sagt Bredack.

Das Argument, vegan zu leben, sei anstrengend, weist er von sich: „Am liebsten lasse ich so etwas ins Leere laufen. Wir zeigen, dass es total einfach ist.“ Dass man als Veganer nicht immer gertenschlank bleibt, weiß der Unternehmer, der gerade keine Rohkostphase hat, wie am leichten Bauchansatz zu erkennen ist. „Sie haben eine schier unendliche Auswahl an Kohlenhydraten.“

In der Branche wird der Trend zu veganen Produkten aufmerksam beobachtet. „Man sieht, dass die Sortimente wachsen“, sagt Denise Klug vom Handelsinformationsdienst Planet Retail. So verkauft mittlerweile auch eine Back-Kette vegane Sandwiches, Supermärkte haben ihre Auswahl für Veganer vergrößert. Bislang ist es für die Expertin „fast ausschließlich ein Großstadtphänomen“. Ob der Lebensstil viel Geld kostet? Kommt darauf an, sagt Klug. „Spaghetti mit Tomatensauce ist ja kein teures Gericht.“