Berlinale

Danny Boyle: "Erfolg ist schrecklich, weil er lähmt"

Vor 20 Jahren schrieb er Kult mit „Trainspotting“. Jetzt hat Danny Boyle einen zweiten Teil gedreht. Und zeigt ihn auf der Berlinale.

„Es war toll, alle wiederzusehen, aber auch ein bisschen qualvoll, wie eine Art Klassentreffen“: Danny Boyle bei der Berlinale-Premiere seines Films

„Es war toll, alle wiederzusehen, aber auch ein bisschen qualvoll, wie eine Art Klassentreffen“: Danny Boyle bei der Berlinale-Premiere seines Films

Foto: Pascal Le Segretain / Getty Images

Vor genau 20 Jahren war der wilde Drogentrip "Trainspotting" der Kultfilm der Stunde, mit dem Ewan McGregor zum Star wurde und Regisseur Danny Boyle seine internationale Karriere begann, die ihn mit "The Beach" 2000 auch auf die Berlinale brachte. Nun kommt die Fortsetzung und die Junkie-Jungs sind älter, aber nicht unbedingt reifer geworden. Wir trafen den britischen Regisseur unweit des Festivaltrubels im Hotel Adlon, wo er sich gutgelaunt und voller Energie den Fragen stellt.

Mister Boyle, zuviel Erfolg macht blöd, haben Sie mal gesagt. Wie haben Sie das nach Ihrem Oscarsieg mit "Slumdog Millionaire" verhindert?

Danny Boyle: Man muss sehr aufpassen, wenn man plötzlich anders behandelt wird, ständig eine dicke Limousine bereitsteht. Obwohl ich ein absoluter Optimist bin, gibt es eine Ausnahme: Erfolg. Erfolg ist schrecklich, weil er lähmt. Man sollte ihn so weit wie möglich ignorieren. Er führt zu Selbstsicherheit, aber das ist nicht immer gut. Viele selbstsichere Leute machen fürchterliche Filme. Es ist interessanter, nicht ganz genau zu wissen, was man tut und Dinge ausprobiert. Bei "T2 Trainspotting" gingen wir auch so vor. Wir hätten 50 Millionen Dollar Budget haben und einfach dasselbe noch mal zwei Nummern größer machen können. Aber wir wollten nicht, dass uns jemand hineinredet. Und auf privater Ebene hilft es, Kinder zu haben, die sich nicht für deinen Erfolg interessieren und dich permanent daran erinnern, wie alt du schon bist.

Warum jetzt eine Fortsetzung von "Trainspotting", der vor 20 Jahren zum Kultfilm wurde?

Die erste Idee hatte Irvine Welsh, der Romanautor. Er schrieb ein paar Jahre nach dem Erfolg des Films eine Romanfortsetzung, "Porno". Wir bekamen die Rechte und adaptierten das Buch, aber das Skript war nicht besonders gut. Es war im Grunde nur die gleiche Geschichte nochmal aufgewärmt und es war klar, dass die Fans davon enttäuscht wären. Erst einige Jahre später setzten wir uns wieder zusammen und plötzlich wurde etwas sehr viel Persönlicheres daraus, es ging mehr um das Vergehen von Zeit und das Älterwerden.

Im Film stellen Sie aktuelle Szenen mit Aufnahmen aus dem ersten Teil gegenüber...

Im Kino geht es immer um Zeit. Man sieht komprimierte Zeit und man sieht angehaltene Zeit. Schauspieler festgehalten in einem ganz bestimmten Moment. Und wenn man sie dann um Jahre gealtert wiedersieht, spiegelt das nicht nur, wie die Zeit ihre Spuren bei ihnen hinterlassen hat, sondern auch bei uns als Zuschauern. Dieses Gegenüberstellen der jungen und der aktuellen Versionen der Darsteller und zu spüren, wie die Zeit vergeht, war einer der Gründe, diesen Film zu machen.

Die Fortsetzung ist dabei sehr viel melancholischer. Weil es beim Älterwerden auch immer um vertane Chancen geht?

Renton macht sich mit Anfang 20 noch über alles lustig, die Welt steht ihm offen und er kann alle Möglichkeiten ausschlagen, das ist ja das Großartige an der Jugend. Aber wenn er Mitte 40 ist, hatte er all diese Chancen und muss sich fragen, was er aus seinem Leben gemacht hat. Und das ist eine ziemliche Enttäuschung, wie für viele von uns.

Wie war das Wiedersehen mit Darstellern wie Ewan McGregor?

Es waren sehr gemischte Gefühle im Spiel. Einerseits war es toll, die anderen wiederzusehen, aber auch ein bisschen qualvoll, wie eine Art Klassentreffen. Man will sehen, was aus den anderen geworden ist, aber es funktioniert auch wie ein Spiegel, man sieht, wie man selbst gealtert ist. Und ein paar von uns hatten sich über die Jahre aus den Augen verloren, zwischen Ewan und mir war lange Funkstille.

Sie hatten Ihre ersten drei Filme mit ihm gedreht. Wie kam es zu dem Zerwürfnis?

Das war kurz vor "The Beach", als ich Leonardo DiCaprio statt ihn besetzte. Ich habe mich damals wirklich nicht gut verhalten, und es tut mir leid. Ich kann sehr stur sein, was man als Regisseur wahrscheinlich auch ein Stück weit sein muss, um sich durchzusetzen. Aber wir haben uns vor ein paar Jahren wieder versöhnt, weil Ewan mir verziehen hat. Seitdem sind wir wieder ein Herz und eine Seele. Und es war toll, jetzt wieder mit ihm zu arbeiten. Ich hatte ihn sehr vermisst, er ist etwas ganz Besonderes, nicht nur als Schauspieler.

Der erste Teil wurde im Zuge von Britpop ein Kultfilm, 20 Jahre später leben wir in sehr viel schwierigeren Zeiten, auch politisch. Hat die Nostalgie des Films auch damit zu tun?

Das hängt natürlich vom eigenen Alter ab. Für junge Leute ist heute ihre Zeit der Unschuld, so wie wir das "Cool Britannia" der Neunziger als unschuldig empfinden. Wer 1996 "Trainspotting" gesehen hat, wird sehr viel nostalgischer reagieren, auch wegen der Popmusik, die damals eine Hochphase hatte. Und politisch gesehen, war der Brexit eine ziemlich dumme Reaktion auf das Ideal eines Großen Britannien, das schon lange nicht mehr existiert.

Bereuen Sie selbst etwas, wenn Sie auf die letzten 20 Jahre zurückblicken?

Nein, so ticke ich nicht. Klar habe ich Fehler gemacht, aber ich bereue nicht unerfüllte Träume oder Dinge versäumt zu haben. Ich wurde im Oktober 60 und meine Töchter schenkten mir eine Reise zum Baikalsee mit der Transsibirischen Eisenbahn. Ich wollte mein Leben lang dort schwimmen, für mich ist das die Mitte der Welt. Vielleicht hätte ich irgendwann bereut, das nicht gemacht zu haben, aber dank meiner Töchter ist der Traum in Erfüllung gegangen.

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