Das Stroboskop blendet, aus dem nebligen Flackerlicht erscheint eine junge Frau. Sie tanzt in einem Club, verlässt die Tanzfläche, bestellt einen Wodka, entscheidet sich auf Nachfrage des Barmanns gegen das halbe und für das volle Glas und trinkt es in einem Zug aus, sie macht den Barmann beiläufig an, der sie genauso beiläufig abblitzen lässt: Nein, er kommt nicht aus Schweden. Und nein, er möchte auch kein Getränk von ihr spendiert bekommen.
Das ist der Beginn von „Victoria“, dem Wettbewerbsbeitrag des Regisseurs Sebastian Schipper. Und egal, was in den kommenden Tagen noch auf die Leinwand kommen und wen die notorisch unberechenbare Jury am Ende küren wird, eines lässt sich bereits risikolos prophezeien: Das ist der Film, der von der Berlinale 2015 bleiben wird.
140 Minuten ohne Schnitt
Das ist insofern überraschend, weil man einem zweieinhalbstündigen Film aus Deutschland mit den geringsten Erwartungen entgegenblickt. Das Entsetzen über sterile, unbeholfene Dialoge und über diese vorsätzliche Freudlosigkeit, die einen verlässlich bei Filmen der Granden des heimischen Films wie Wim Wenders, Werner Herzog, Christian Petzold überkommt, stellt sich bei „Victoria“ aber nicht ein. Stattdessen taucht der Zuschauer in eine Berliner Nacht, die wirklichkeitsgetreu und hyperrealistisch ist, mitsamt dem ganzen Quark, der geredet wird, wenn zu wenig geschlafen und zu viel getrunken wurde. Ein Film, bei dem man sich zuweilen wünscht, ein paar Minuten in Ruhe gelassen zu werden. Doch diesen Gefallen tut einem Sebastian Schipper nicht.
Gedreht wurde der Film am 27. April 2014 zwischen halb fünf und sieben Uhr morgens. Er ist, wie man gelernt hat, ein einziger Take. Dreimal hatte das Film-Team es versucht, der letzte Versuch war der beste. Der Film wurde „durchgedreht“ in einer Nacht und fühlt sich dann auch an wie eine einzige durchgemachte Nacht. Er ist eine logistische und planerische Meisterleistung. Sebastian Schipper muss vor seinem geistigen Auge den Film vorab gesehen haben, sonst ist so ein minutiöser Ablaufplan nicht möglich.
Diesen Film in einer Nacht zu drehen, ist keine artifizielle Übung. Diese Produktionsweise, und das ist entscheidend, hat unmittelbare Auswirkung: Er wird intensiv, atemlos wie das echte Leben. Oder wie die Jungs aus Berlin, die Victoria (Laia Costa) beim Verlassen des Clubs kennenlernt, sagen würden: „Eschtes Leben.“ Sie will nach Hause, schiebt ihr Rad, die vier Jungmänner kommen aus Berlin und sind stolz darauf: „We are not the Zugezogenen“, sagt Sonne (Frederick Lau) zu ihr. Sie haben alle so komische Namen: Blinker, Boxer, Fuß. Victoria kommt aus Madrid, lebt seit drei Monaten in Berlin und kann kein Wort Deutsch. Also eine ziemlich realistische Ausgangslage.
Ende der Unbeschwertheit
Die Jungs wirbeln herum, um Victoria zu gefallen, sie wollen, dass sie bei ihnen bleibt, sie machen ein Auto auf, von dem sie behaupten, es gehöre ihnen, Sonne klaut mit Victoria im Schlepptau ein paar Bier aus einem Späti. Sonne prahlt und flunkert ohne jedes Maß und setzt dabei so ein dreistes Grinsen auf, dass man ihm nicht böse sein kann.
Eine Gruppe von Kleinkriminellen, so viel ist dem Zuschauer nach einer halben Stunde klar, die sich im Aggro-Ton untereinander unterhält. Hier ist jeder einmal Spast, Schwuler, Opfer. Victoria findet Gefallen an ihrer Rauheit, ihrer Vitalität, ihrer Entschlossenheit, in dieser Nacht etwas zu erleben. Außerdem, so etwas kann ja ein Segen sein, versteht sie nicht, was sie da reden.
Sie klettern auf ein Dach, flüstern miteinander wie Pubertierende in der Jugendherberge zur Schlafenszeit, Victoria amüsiert sich und die Jungs reden sie mit „Schwester“ an, sie muss jetzt aber wirklich gehen, Sonne will sie begleiten, seine Freunde rufen ihm noch hinterher, er solle ja „keine Ego-Nummer“ machen. Sonne fährt sie mit ihrem Fahrrad zu dem Café, in dem sie arbeitet, sie sind verliebt, oder es sind die Hormone, oder es ist einfach eine schöne Nacht. Es ist egal, denn sie genießen den Moment.
Wenige Minuten später, Filmminuten und Realminuten, sitzt Victoria am Steuer eines gestohlenen Wagens, mit drei der eschten Berliner Jungs. Ein Garagentor öffnet sich, ein Mann mit einer Maschinenpistole erwartet sie. Als Victoria die Abfahrt hinunterfährt, endet für sie die Zeit der Unbeschwertheit und für den Zuschauer die des Atemholens.
Termine: Friedrichstadt-Palast, 8.2., 14.30 Uhr; Toni, 8.2., 21.30 Uhr; HdBF, 8.2., 22.15 Uhr; Berlinale Palast, 15.2., 18 Uhr





