Berlinale

Schlöndorff gelingt mit "Diplomatie" ein grandioses Doppel

Foto: © Jerome Prebois/Berlinale 2014 / Jerome Prebois/Berlinale 2014

Der Film „Diplomatie“ zeichnet den Abzug der Deutschen aus Paris nach. Volker Schlöndorff gelingt von der ersten bis zur letzten Minute ein hochspannendes Kammerspiel für das Kino.

"Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen" – so lautete ein Befehl Hitlers vom 23. August 1944, als die Truppen der regulären französischen Armee und die der Résistance die Stadtgrenze erreichten. Die Sprengkommandos der Wehrmacht hatten ihre Vorbereitungen schon getroffen. Notre Dame, der Louvre, der Eiffelturm, die SeineBrücken – all die Bauwerke, die das Antlitz der französischen Metropole prägen, waren vermint. Wäre der Führerbefehl ausgeführt worden, hätte das die Auslöschung der historischen Stadtpersönlichkeit bedeutet, von den Abertausenden Einwohnern, die dabei ums Leben gekommen wären, einmal ganz abgesehen. Doch es kam anders. Am 25. August kapitulierte der Pariser Stadtkommandant, General der Infanterie Dietrich von Choltitz, und übergab Paris weitgehend unzerstört den französischen Siegern.

Die genauen Umstände der Befehlsverweigerung eines bisher regimetreuen und karrierebewussten Generals sind im Einzelnen immer noch nicht geklärt. Umstritten ist auch, ob er seine Entscheidung aus innerer Überzeugung oder doch eher unter äußerem Druck traf. Aber er hat sie getroffen. Dazu, dass er an diesen Punkt kam, hat ganz wesentlich, das ist verbürgt, die Vermittlungstätigkeit eines schwedischen Diplomaten beigetragen, des Generalkonsuls Raoul Nordling, der fast sein ganzes Leben in Frankreich verbracht hatte und sich als Bürger von Paris verstand. Ein persönliches Gespräch zwischen von Choltitz und Nordling über eine mögliche Übergabe der Stadt hat es wohl nie gegeben. Das hat der Dramatiker Cyril Gély erfunden und daraus ein furioses psychologisches Drama gemacht, das auf französischen Bühnen große Erfolge feiert.

Hochspannendes Kammerspiel

Dass Volker Schlöndorff dieses Stück nun als von der ersten bis zur letzten Minute hochspannendes Kammerspiel für das Kino adaptiert hat, kann eigentlich nicht überraschen. Seine Nase für gute Stoffe und sein immer noch von der Begeisterung der frühen Jahre durchdrungenes Interesse an der deutsch-französischen Beziehungsgeschichte mussten ihn dorthin führen. Zwei grandiose Schauspieler, Niels Arestrup als General von Choltitz und André Dussolier als Generalkonsul Nordling, komplettieren dieses Set glücklicher Erfolgsfaktoren.

Der General, immer wieder von plötzlichen Asthma-Anfällen geplagt, residiert im vornehmen Hotel Meurice. In seinen Salon schleicht sich durch einen Geheimgang und eine Tapetentür der schwedische Konsul, den sein Diplomatenstatus als Vertreter eines neutralen Landes zwar schützt, dem von Choltitz auf gesellschaftlichem Parkett auch schon begegnet ist, der aber nicht sicher sein kann, dass der deutsche Stadtkommandant die diplomatischen Etikette wahrt. Von Choltitz hätte sich auf ein Gespräch mit Nordling nicht einlassen müssen. Doch irgendetwas treibt ihn dazu, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen. Der General hat einen Kampf mit sich selbst auszufechten.

Der Glaube an den "Führer" ist erloschen

Zunächst verschanzt sich der General völlig hinter dem soldatischen Panzer aus Befehl und Gehorsam. Er beruft sich auf die harten Regeln des Soldatenhandwerks und prahlt mit den militärischen Machtmitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Den Gedanken an Kapitulation weist er empört von sich. Er sei militärisch keineswegs am Ende. Und warum sollte Paris das Schicksal erspart bleiben, das damals, im Spätsommer 1944, Mannheim oder Hamburg oder Augsburg schon erlitten hatten? Nordling sieht die feinen Risse in diesem Panzer.

Der Glaube an den "Führer" ist in dem Spross einer alten schlesischen Soldatenfamilie wohl längst erloschen. Es lastet auf ihm, dass er im Osten mit seinen Truppen am Massenmord an den Juden beteiligt war.

Der Generalkonsul erwischt den General als Vater. Er fragt ihn, mit wie viel Schuld und Schmach er denn seine Kinder belasten wolle, von denen das Jüngste noch ein Säugling ist. Damit und mit einigen leeren Versprechungen als Köder bekommt er ihn an den Haken. Der General fürchtete im Fall einer Befehlsverweigerung Sippenhaft für seine Familie. Nordling behauptet, er könne die Angehörigen sicher in die Schweiz bringen lassen. Er führt auf seine Weise als Zivilist und Diplomat Krieg. An die Wahrheit ist er nicht gebunden. Und er erweist sich am Ende als der Kaltblütigere.

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