Die „Setlist“ ist der Fluch eines jeden erfolgreichen Musikers. Es ist die Liste jener Songs, die das Programm seines Konzertes festlegt. Und je mehr Hits ein Sänger hat, desto mehr Konzessionen muss er machen. Schließlich will das Publikum ja die großen Erfolge auch live erleben. Da bleibt manch ein Lied, das er nur zu gern noch gespielt hätte, außen vor. 18, 20 Stücke, mehr passt einfach nicht.

Herbert Grönemeyer, der stadionerprobte Rocksänger, leistet sich nun mit seiner Herbsttournee gleich einen doppelten Luxus. Nicht in den großen Mehrzweckarenen tritt er diesmal auf, sondern in für seine Verhältnisse kleinen Clubs. Und er widmet sich seinen Lieblingsliedern. All dem, was er und seine langjährige Band schon immer mal wieder auf der Bühne spielen wollten. Also keine „Männer“ und keine „Flugzeuge im Bauch“, kein „Halt mich“, kein „Bochum“ und kein „Stück vom Himmel“.

Halbzeit für den Westfalen

„Und ,Currywurst‘ gibt’s heute auch nicht“, ruft Grönemeyer am Mittwochabend gleich zu Beginn seines Konzerts in die seit Wochen ausverkaufte Columbiahalle. Aber dennoch sind jede Menge Lieder dabei, die die Herzen des Schulter an Schulter gedrängten Publikums höher schlagen lassen. Und die Besucher erleben quasi hautnah einen Grönemeyer in Höchstform.

„Blick zurück - 30 Jahre: Halbzeit“ hat der bodenständige Westfale seine Tournee getauft. 30 Jahre ist er mit seiner Band unterwegs und es dürfte nahezu ebenso lang her sein, dass er in Läden wie der Columbiahalle aufgetreten ist. Zumindest ist es trockener als im Mai dieses Jahres, als er mit seiner „Schiffsverkehr“-Tour in der Waldbühne gastierte.

Keine Videowände, keine üppigen Aufbauten, keine Laufstege. Ein paar schummerige 50er-Jahre-Stehlampen dominieren das Bühnenbild, den Rest besorgt eine ausgefeilt-aufwendige Lichttechnik. Als Grönemeyer kurz nach 20 Uhr zum Eröffnungsstück „Fisch im Netz“ vom 93er-Album „Chaos“ die Bühne entert, ist in der Halle kein Halten mehr.

„Verführe mich, gnadenlos, gönn‘ mir keinen Aufschub, gönn‘ mir keinen Trost“ keucht er ins Mikrofon, seine Bandkumpane rocken, was das Zeug hält. Und der gnadenlose Verführer hat seine Fans ganz nah bei sich. Hastet über die Bühne, hämmert mit dem Schellenring den Takt, jauchzt, als hätte er gerade den Hauptgewinn der Tombola gezogen.

Die alte Entertainerschule

„Guten Abend zu Hause“, sagt er zur Begrüßung. „Guten Abend Berlin.“ Seit 30 Jahren gebe es ihn und seine Band jetzt und „wir haben uns doch prächtig gehalten.“ Nur Gitarrist Stephan sei noch etwas jünger, aber „der ist ja auch erst seit 22 Jahren dabei“. Schnell ist klar, dass dies kein üblicher Rockkonzertabend wird. Grönemeyer pflegt die alte Entertainerschule.

Er sagt nahezu jeden Song an, erzählt Anekdoten seiner Entstehung, flachst und albert, sagt Sätze wie „Ich wolltet sicher wissen: wie sieht der eigentlich von Nahem aus?“. Und greift gleich beim zweiten Song tief in die Kiste und kramt „Deine Liebe klebt“ vom 84er-Duchbruchsalbum „4630 Bochum“ hervor.

Ein Superstar zum Anfassen. Und ein exzellente Band, die die vielfältigen Spielarten grönemeyerscher Musik im Schlaf beherrscht. Großes Chanson oder treibender Rock’n’Roll, afrikanische Rumba oder sehnsüchtiger Shanty, bluesige Balladen oder pulsierender Dancefloor-Groove. Alles geht. Die Musiker sind famos. Die Gitarristen Jakob Hansonis und Stephan Zobeley gehören dazu, Keyboarder Alfred Kritzer, Bassist Norbert Hamm und Schlagzeuger Armin Rühl. Einige Stücke werden zudem von Saxofonist Frank Kirchner veredelt. Grönemeyer bearbeitet das E-Piano an der Bühnenrampe.

Texte tief in der Erinnerung verankert

Dieser Abend macht süchtig, bewegt und euphorisiert. Diese Texte sind tief in der Erinnerung verankert, auch wenn Grönemeyer ein Stück wie „Haarscharf“ ankündigt mit den Worten: „Das nächste Lied ist einer der größten Erfolge, die wir nie hatten.“ Es gibt Altes, es gibt relativ Neues. Und dazwischen kommt er immer wieder ins Plaudern. Dass er „total besoffen“ gewesen sei, als er 2002 den Text zu „Viertel vor“ geschrieben habe. Er sei sich sicher gewesen, dass es sein größter Wurf sei. „Dann habe ich den Text am nächsten Tag meinen Kindern gezeigt. Die schauten mich nur an und meinten: Papa, was hast Du denn geraucht?“

Und natürlich bleibt ihm auch die erste Tournee von 1982 unvergessen. Das Album „Total egal“ war gerade erschienen, das Album „4630 Bochum“ noch Zukunftsmusik. Damals trat er im legendären Berliner Musikladen Quartier Latin auf, in dem heute das Wintergarten-Varieté residiert. Gerade mal 16 zahlende Zuschauer hatten sich in dem riesigen Raum verloren. Doch wer dabei war, ganz vorn in der ersten Reihe, der wusste, dass für diesen spacken Typen in Trenchcoat und mit der langen blonden Haarsträhne im Gesicht die normalen Rockclubs bald zu klein sein würden. „Wir haben trotzdem vier Zugaben gegeben“, schiebt Grönemeyer noch hinterher. Heute werden es mehr als nur vier Zugaben sein.

Die Luft ist zum Schneiden dick und die Begeisterung grenzenlos. Wer nicht hundertprozentig textsicher ist, hat mal wieder Mühe, dem Vokale verschluckenden Sänger immer folgen zu können. Die meisten im Saal aber kennen jedes Lied auswendig, singen an den richtigen Stellen mit. „Kaufen“ und „Diamant“ gibt es vom 83er-Album „Gemischte Gefühle“, auch „Moccaaugen“, das freche Stück, das Grönemeyer allein im schleppenden Boogie-Trab ins Piano hämmert. Die sehnsuchsvolle Ballade „Bist Du taub?“ von 1988 oder das kneipenselige „Morgenrot“ von 1993 - es geht einmal quer durchs Repertoire, nur eben auch höchst unübliche Weise.

Keuchen und röhren

Grönemeyer ist hemmungslos unter Strom. Er trippelt, tobt und tanzt von einer Bühnenseite zur anderen, er bellt und keucht und röhrt ins Mikrofon, er scheint die Energie formlich aufzusaugen, die ihm aus dem Publikum entgegenbrandet. Dann erzählt er vom Album „Sprünge“ von 1989, auf dem so viele düstere und traurige Lieder waren, dass er einfach noch ein lustiges Lied schreiben wollte. „Und dann saß ich plötzlich in einem Radiostudio drei Kinderpsychologinnen gegenüber, die mich fragten, wie ich solch einen schwachsinnigen Text schreiben konnte. Ich: Ich wollte einfach ein lustiges Lied schreiben. Sie: Das ist nicht lustig.“ Also, grinst er ins Publikum, spiele er jetzt ein Lied, das gar nicht lustig ist. Und mit „Kinder an die Macht“ geht dieser wunderbare Abend ins Finale.

Grönemeyer ist charmant, witzig, wird immer wieder von einem Schuss Ironie und einer Handvoll trockenen Humors gestreift. Er hat sichtlich Spaß daran, diese Lieder endlich einmal wieder live zu spielen. Im Zugabenblock muss er nach „Unbewohnt“ aber doch erst ein Machtwort sprechen. Vor der Bühne scheint es eine Kabbelei zu geben. „He, könnt ihr euch mal beruhigen da vorne“, sagt er. Der Ordnungsruf trägt Früchte, die Show kann weitergehen. Zugabe um Zugabe, „Jetzt oder nie“, „Selbstmitleid“, „Marie“ und noch viel mehr. Am Ende ist das aufgeheizte Publikum mindestens genau so glücklich geschafft wie die Musiker auf der Bühne. Und zieht emotionsgestärkt hinaus in die eisige Berliner Nacht.