Es ist immer wieder faszinierend, einem Musiker wie Herbert Grönemeyer bei der Arbeit zuzusehen. Vor Publikum, und zwar vor möglichst vielem, da ist der live gar nicht so grüblerisch wirkende Rockpoet in seinem Element. Da lebt er auf. Schöpft Kraft aus der Begeisterung, die ihm aus dem Auditorium entgegenbrandet. Und da bekommen vor allem seine Lieder eine Strahlkraft, die die im Studio ausgetüftelt produzierten Platten meist noch um einiges übertreffen. Das demonstrierte der vom Ruhrpott geprägte Sänger und Songschreiber nun noch einmal in seiner Wahlheimat Berlin.

Die Waldbühne gleicht am Donnerstagabend einem tiefen See, aus dem man das Wasser abgelassen hat. Auf dem Trockendock ganz unten im Krater liegt ein Luxusliner von Bühne vor Anker, auf dem Kapitän Grönemeyer den Kurs vorgibt. „Schiffsverkehr“ hat der Sänger seine in maritime Melancholie getauchte Tournee getauft, mit der er bereits im vergangenen Jahr erfolgreich im Olympiastadion angelegt hatte. „Schiffsverkehr“ heißt auch der Titelsong seiner aktuellen Platte, mit dem Grönemeyer mit deutscher Pünktlichkeit um 20.15 Uhr das Abendprogramm eröffnet.

Eine erste Erkenntnis lautet: La Ola funktioniert auch mit Regenschirmen. Es regnet, es schüttet, es gießt. Aber die 22.000 Fans in der seit langem ausverkauften Waldbühne feiern ihren Herbert, der mit geschulterter E-Gitarre und zu wuchtig treibenden Schlagwerk-Beats in der ihm eigenen Choreografie zwischen Tanzen und Torkeln über die Bühne fegt. „Ich will mehr, Schiffsverkehr, Endlich auf hohe See“ singt er. Die Besucher haben sich derweil für nicht wirklich preiswerte fünf Euro an den Verkaufsständen mit hauchdünnen Plastikcapes versorgt und trotzen dem schlechten Wetter, klatschen sich warm, singen sich heiser, feiern Deutschlands erfolgreichsten Rockstar.

Hits aus nahezu 30 Jahren

Und der gut aufgelegte Musiker weiß, was er seinem Publikum schuldig ist. „Guten Abend Berlin“ begrüßt er kurz und bündig und stellt fest: „Ehrliches Wetter hier.“ Schon früh am Abend hagelt es Hits. „Musik, nur wenn sie laut ist“ brettert durch das klamme Amphitheater, später folgen „Halt mich“, „Bochum“, „Männer“, „Was soll das?“ Trotz unruhiger See geben sich die Passagiere begeistert. Aus gutem Grund: diese Show, deren Bühnenaufbauten in der Waldbühne im Vergleich zu den Stadionkonzerten etwas kompakter ausfallen, setzt vor allem auf die Hits aus nahezu 30 Jahren.

Eine weitere Erkenntnis: Keiner vernuschelt Texte so schön wie der 56-jährige Musiker und Schauspieler, der schon vor 30 Jahren zur Leinwand-Crew in Wolfgang Petersens „Das Boot“ zählte. Das gehört bei ihm zum Handwerk. Für diesen gehetzt-verhuschten, dann wieder getragen-emotionalen Gesang wird er geliebt. Er geht mit Worten um wie Jazzmusiker mit dem Saxophon, er spuckt sie aus, dehnt sie, knetet sie und erschafft eine Poesie, die bei jedem anderen nur wie ein schnöder Hustenanfall klingen würde. Darin ist der Mann einzigartig.

Er scheint es gar nicht fassen zu können, wie gut die Stimmung trotz des Wetters ist. „Irre“, entfährt es ihm immer wieder. „Irre, ich danke euch. Wenn das immer so ist, spielen wir jetzt nur noch im Regen.“ Eine großartige Sechs-Mann-Band und drei Chorsänger stärken ihm bestens eingespielt den Rücken. Die Ballade „Der Weg“ ist einer der stilleren Momente des Konzerts. Es ist das Lied, in dem Grönemeyer den Tod seiner Frau verarbeitet hat. „Das Leben ist nicht fair“, singt er darin. Und: „Ich trag Dich bei mir, bis der Vorhang fällt.“ Da ist es mucksmäuschenstill im Waldbühnenrund, nur der Regen prasselt leise auf die Plastikcapes.

Grönemeyer kann’s

Dann wird wieder Fahrt aufgenommen. „In unserer Zeit“, so kündigt er den nächsten Song an, „haben Faschisten keinen Platz mehr“. Im stolperigen Ska-Rhythmus wird „Die Härte“ ins Auditorium gepumpt, bevor mit „Kopf hoch, Tanzen“ eine mit Elektropop spielende Partynummer Bewegung ins Publikum bringt. Es ist auch ein Stück, das demonstriert, wie waghalsig Grönemeyer mitunter textet: „Was ist das Gegenteil von skeptisch, Wieso ist Unsymmetrisches prätentiös, Warum verfällt man in Hektik, Ist Ingenieursein nicht glamourös“. Das muss man jetzt nicht verstehen. Aber das muss einer erst einmal in Musik fassen können. Grönemeyer kann’s.

Und eine letzte Erkenntnis: Grönemeyer ist einer der ganz großen Entertainer, die wir in diesem Land haben. Als es mit „Liebe liegt nicht“ ins vorläufige Finale geht, überwiegen die Glücksgefühle, nur wenige ließen sich schon vorher von den garstigen Wetter-Begleiterscheinungen vertreiben. Er scheint selbst überwältigt von den euphorischen Reaktionen, kann den Jubel nicht fassen. Er blickt sprachlos auf die beschirmte, in Zellophan verpackte Menschenmasse. „Irre, irre, irre“ entfährt es ihm wieder. Der Rest sind Zugaben. Jede Menge Zugaben, die er passend mit „Land unter“ beginnt. Aber da gehen dann doch viele Passagiere bereits an Land. Nach Hause, ins Trockene.