10.01.2013, 07:22

Hauptstadtflughafen Flughafen-Experte – BER geht nicht vor 2017 in Betrieb


Experte: Dieter Faulenbach da Costa (l.) hat auch die CDU beraten – hier mit Abgeordneten Rainer Genilke aus Brandenburg

Foto: Patrick Pleul / dpa

Experte: Dieter Faulenbach da Costa (l.) hat auch die CDU beraten – hier mit Abgeordneten Rainer Genilke aus Brandenburg Foto: Patrick Pleul / dpa

Von Viktoria Solms

Nach Ansicht von Faulenbach da Costa könnte der Hauptstadt-Airport bis zu zehn Milliarden Euro kosten. Er rät zu drastischen Maßnahmen.

Berliner Morgenpost: Herr Faulenbach da Costa, was spricht eigentlich noch dagegen, den Flughafen BER abzureißen und komplett neu zu bauen?

Dieter Faulenbach da Costa: Nicht viel. Zumal am falschen Standort gebaut wurde.

Berliner Morgenpost: Allerdings hätte man dann rund vier Milliarden Euro sinnlos verschleudert.

Dieter Faulenbach da Costa: Man kann die Tatsachen nicht mehr verleugnen. Das Projekt Hauptstadtflughafen wurde von den Verantwortlichen mit voller Wucht an die Wand gefahren. Doch das nächste Desaster steht bevor, wenn der BER auf Grundlage der jetzigen Planung in Betrieb geht. Der BER wird in dieser Form nicht in der Lage sein, die Nachfrage abzudecken. Die Kapazitäten reichen nicht aus, um die jährlich steigende Zahl an Passagieren abzufertigen.

Berliner Morgenpost: Wie konnte das Projekt so schief gehen?

Dieter Faulenbach da Costa: Die verantwortlichen Bauexperten und Fachleute haben gemeinsam versagt. Wie das passieren konnte, lässt sich in der Kürze schlecht darstellen. Der Aufsichtsrat scheint allerdings seiner Kontrollpflicht nicht nachgekommen zu sein.

Berliner Morgenpost: An mehreren Stellen wurde gegen die Baugenehmigungen verstoßen. Nun wird offenbar sogar ein Umbau auf den ursprünglichen Genehmigungszustand geprüft.

Dieter Faulenbach da Costa: Das lässt doch wirklich tief blicken. Ich frage mich, wie es überhaupt möglich ist, an einer Genehmigung vorbei zu bauen? Jeder normale Bau wäre sofort stillgelegt worden.

Berliner Morgenpost: Aber wie muss man sich das vorstellen? Werden dann ganze Teile des Terminals abgerissen und neu aufgebaut?

Dieter Faulenbach da Costa: Wie das im Einzelnen abläuft kann derzeit nur Technikchef Horst Amann beantworten. Ich würde ihm jedoch raten, auch vor drastischen Maßnahmen nicht zurückzuschrecken. Man muss der Katastrophe jetzt ins Auge sehen.

Berliner Morgenpost: Was sind die größten Schwachstellen?

Dieter Faulenbach da Costa: Flughafenchef Rainer Schwarz und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit betonen immer, dass mit einem luftseitigen Satelliten (Bereich hinter den Sicherheitskontrollen, d. Red.) die steigende Nachfrage bedient werden könne. Das wäre eine Erweiterung am Bedarf vorbei. Denn der Satellit enthält nur die Warteräume für Passagiere und keine Einrichtungen zur Abfertigung von Gepäck und Fluggästen. Das Nadelöhr sind die landseitigen Abfertigungseinrichtungen wie beispielsweise die Gepäckausgabe. Damit können bestenfalls 17 Millionen Passagiere jährlich abgefertigt werden.

Berliner Morgenpost: Wie lassen sich diese Mängel noch beheben? Der Flughafen steht nun einmal in Schönefeld und lässt sich nicht wegzaubern.

Dieter Faulenbach da Costa: Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, einige davon habe ich in meinem Gutachten für die CDU-Landtagsfraktion in Brandenburg beschrieben. Weitere sind ein Flughafensystem, Satellitenairports oder der Weiterbetrieb des jetzigen Systems. So könnte man etwa prüfen, ob sich nicht mehrere Regionalflughäfen für die Hauptstadtregion lohnen. Wichtig ist, dass es jetzt keine Denkverbote gibt.

Berliner Morgenpost: Mehrere Flughäfen würden die Airlines nicht mitmachen. Ein einzelner Großflughafen lohnt sich für sie viel mehr, da sie dann ihre Investitionen nicht auf verschiedene Standorte verteilen müssen.

Dieter Faulenbach da Costa: Da wäre ich nicht so sicher. Es gibt weltweit genügend Beispiele wie London, Moskau oder Mailand für funktionierende Flughafensysteme, um zu belegen, dass es rund um eine Metropole mehrere Flughäfen geben kann. Auf diese Weise könnte man Billigflieger und Premiumgeschäft trennen. Wer jetzt zu faul ist nachzudenken, wird der Zukunft keinen Gefallen tun.

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Berliner Morgenpost: Wann werden die Berliner wohl von ihrem neuen Großflughafen abheben können?

Dieter Faulenbach da Costa: Das könnte im schlimmsten Fall auch 2016 oder sogar 2017 werden. Wer jetzt den BER schnell in Betrieb nehmen will, taumelt von einem Desaster in das nächste. Zum Bau-, Zeit- und Finanzdesaster käme dann auch noch der Betrieb dazu. Wenn der BER jetzt so umgebaut wird, dass er das Passagierwachstum auch nach 2020 noch bewältigen kann, wird das einige Zeit und Geld Anspruch nehmen.

Berliner Morgenpost: Wird man am Ende eine tiefer liegende Decke im Terminal einziehen müssen, um den Rauch im Falle eines Brandes aus dem Gebäude zu bekommen?

Dieter Faulenbach da Costa: Technische Probleme lassen sich lösen, wenn man genügend Geld in die Hand nimmt. Irgendwann wird die Entrauchung funktionieren, da bin ich relativ sicher. Da dies nicht mein Fachgebiet ist, äußere ich mich dazu nicht weiter. Zumal man Veränderungen am Terminal möglicherweise gar nicht ohne die Zustimmung des Architekten vornehmen könnte.

Berliner Morgenpost: Wie viel wird der BER am Ende kosten?

Dieter Faulenbach da Costa: Falls man sich entschließt, die fehlenden Kapazitäten nachzubauen, rechne ich mit Mehrkosten von 3,3 Milliarden Euro. Dazu kommen noch die Kosten für all die Mängel, die Horst Amann aufgedeckt hat. Das könnten noch mal bis zu zwei Milliarden Euro sein. Zählt man alles zusammen, könnte der BER am Ende fast zehn Milliarden Euro kosten und trotzdem keine Zukunft haben.

Berliner Morgenpost: Wieso sehen Sie das so kritisch?

Dieter Faulenbach da Costa: Weil sich heute kein verantwortlicher Politiker traut, über eine dann notwendige dritte Piste auch nur nachzudenken. Sie weigern sich, weil die Probleme der Verlärmung zunehmen werden.

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