Wie muss frühkindliche Förderung aussehen? Wo soll sie stattfinden? Darüber sprachen wir mit Yvonne Anders, Leiterin des Arbeitsbereichs „Frühkindliche Bildung und Erziehung“ der FU Berlin. Die 39-Jährige forscht zum Thema „Strukturelle und qualitative Charakteristika frühkindlicher Bildung und ihre Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern“.

Frau Prof. Anders, was macht sinnvolle frühkindliche Bildung aus?

Y vonne Anders: Eine qualitativ gute frühkindliche Bildung findet dann statt, wenn einerseits für das Wohlbefinden des Kindes gesorgt ist und andererseits die vielfältigen Entwicklungsbereiche wie Motorik, Sozialverhalten und Sprache angesprochen, gefördert und unterstützt werden. In der Forschung unterscheiden wir zwischen Struktur- und Prozessqualität. Mit Struktur meinen wir beispielsweise die fachliche Qualifikation der pädagogischen Fachkräfte, die bereit gestelltenMaterialien und den Betreuungsschlüssel. Prozesse sind die Interaktionen zwischen Fachkräften und Kind, die der Kinder untereinander und mit den Materialien. Wir gehen davon aus, dass gute Strukturen die Voraussetzung sind für qualitativ hochwertige Prozesse.

Wie funktionieren diese Prozesse in der Familie?

Auch in der Familie geht es darum, das Kind in vielen Bereichen – abhängig von den Interessen des Kindes – bestmöglich zu unterstützen und zu fördern. Als Struktur bezeichnen wir hier Voraussetzungen wie den sozioökonomischen Status der Familie, den Bildungsstand der Eltern etc. Prozesse sind die Aktivitäten und Interaktionen, die ja nicht ausschließlich davon bestimmt werden, ob die Familie arm oder reich, gebildet oder ungebildet ist oder zum Beispiel einen Migrationshintergund hat. Jede Familie kann gute Bedingungen schaffen.

Welche Auswirkungen hat die Qualität der frühkindlichen Bildung auf die kindliche Entwicklung?

Es gibt etliche Studien, die deutlich zeigen, dass eine qualitativ gute Betreuung in der Kita die Kinder positiv beeinflusst. Die familiären Bedingungen haben in der Regel aber sogar einen deutlich stärkeren Einfluss auf die kindliche Entwicklung.

Aktuell ist vor allem das schlechte Sprachniveau von Vorschulkindern immer wieder Thema. Wird Sprache ausreichend gefördert?

In den Kitabereich wurden diverse Förderprogramme verlagert, die am Beispiel von Grundschulprogrammen entwickelt wurden. Studien zeigen aber leider, dass diese Programme nicht sonderlich erfolgreich sind. Deshalb wird aktuell die sogenannte alltagsintegrierte sprachliche Bildung stark forciert: Man versucht, die sprachliche Entwicklung im Kitaalltag zu fördern, indem man Alltagssituationen wie das Mittagessen, Freispiel oder Windeln wechseln nutzt, individuell auf die Interessen der einzelnen Kinder eingeht und diese für intensiven sprachlichen Austausch nutzt. Das sieht beiläufig aus, ist aber sehr anspruchsvoll für die Erzieher.

Um Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten fördern zu können, muss man auch die Eltern ins Boot holen. Wie funktioniert das?

So früh wie möglich, und gerade bei Kindern, die in benachteiligten Kontexten aufwachsen, auch schon vor der Kita. Das funktioniert über niedrigschwellige Angebote und Kooperationen mit Vertrauenspersonen der Familie wie etwa Hebammen oder Kinderärzten. Wenn die Kinder dann in der Kita sind, bietet die Zusammenarbeit von Kita und Eltern viele Möglichkeiten. Die Einstellung der Fachkräfte zu den Eltern und der Elternzusammenarbeit ist dabei zentral, die Begegnung auf Augenhöhe ist enorm wichtig. Stigmatisierende Ansätze, etwa mit dem Jugendamt zu drohen oder Elternkurse zur Erziehung für bestimmte Familien, sind schwierig und wenig zielführend.

Ihr Institut untersucht auch die Gestaltung frühkindlicher Bildung in Kitas. Wie beurteilen Sie die Qualität unserer Kitas?

Die Qualität der Kitas in Deutschland ist ausbaufähig. International schneiden wir zwar nicht allzu schlecht ab, aber es gibt noch Potenzial. Das Thema ist eine Riesenherausforderung, denn unser Kitasystem befindet sich im Ausbau, insbesondere durch den Ausbau der U3-Betreuung. Auch durch den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Einjährige herrscht ein gewisser Druck. Gleichzeitig wird die Qualitätsentwicklung vorangetrieben und die Branche kämpft mit Fachkräftemangel und schlechten Rahmenbedingungen. Da müssen noch sehr viel Energie und finanzielle Mittel reingesteckt werden.

Was raten Sie Eltern, die ihr Kind so gut wie möglich fördern möchten?

Prinzipiell mehr Gelassenheit! Viele Eltern machen ganz viel, manchmal sogar zu viel. Man kann die Interessen der Kinder im Alltag aufgreifen und unterstützen. Unsere Evaluationen haben gezeigt, dass Kinder, die an unspezifischen Babykursen wie Pekip oder Massage teilgenommen haben, später einen besseren Wortschatz haben – obwohl es in diesen Kursen nicht um spezifische Förderung, sondern vor allem um die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung geht.

In Großstädten wie Berlin ist das Angebot an Baby- und Kleinkinderkursen riesig. Wie erkennen Eltern, welcher Kurs richtig für das eigene Kind ist?

Nach Möglichkeit sollte man die Interessen des Kindes aufgreifen. Wenn das Kind Spaß an Bewegung oder Musik hat, schadet es sicher nicht, an einer Turngruppe oder musikalischer Frühförderung teilzunehmen. Wer Kinder hat, weiß aber auch: Die Interessen wechseln in den ersten Jahren schnell und häufig. Insofern ist es gut, dem Kind immer wieder Angebote zu machen und auf Impulse zu reagieren. Man muss aber nicht immer gleich einen Kurs buchen. Praktische Frühförderung kann auch bedeuten, auf dem Spielplatz Ball zu spielen oder zu Hause gemeinsam zu singen.