Ein bisschen wollte sie schon wissen über den Mann, der zum Vater ihres Kindes werden soll. „Sicher nicht irgendein Volltrottel“, dachte Melina Rost, bezahlte 100 Euro, meldete sich auf der Internetseite einer Samenbank an und klickte auf Kästchen der Suchanfrage. Mindestens einen Meter achtzig groß, braune Haare, blaue Augen. Sie klickte weiter, las anonyme Lebensläufe und hörte sich Audiodateien mit Interviews an. Besonders gefiel ihr die Stimme eines 27-Jährigen aus Dänemark. Sein Vater ist Lehrer, die Mutter ist Musikerin, aufgewachsen ist er mit zwei Schwestern. Das klang behütet. Und noch etwas machte ihr die Entscheidung leicht: Dieser junge Mann war der einzige, der in seinem Interview auch mal lachte.
Ihre Bestellung bei der Samenbank ist nun eineinhalb Jahre her. Melina Rost betritt ein Café in Charlottenburg, mit ihrem Hund Alessio an der Leine. Zweifellos eine Frau, nach der sich Männer auf der Straße umdrehen. Der unabhängige Typ. Elegant, aber nicht zu gestylt. Selbstbewusstes Lächeln. Als wir uns setzen, legt sich Alessio gleich unter den Tisch. Cafébesuch, das kennt er. Die Frau und ihr Hund sind ein eingespieltes Team.
Es war nicht nötig, Melina Rost zu überreden, ein Interview über ihr Leben zu geben. Sie selbst sucht die Öffentlichkeit. Die 39-Jährige sammelt Geld für eine künstliche Befruchtung im Internet. Von Menschen, die sie gar nicht kennt. Auf caremaker.com, einem Portal für Crowdfunding. Menschen sammeln dort Geld für Kinder in Afrika, für Behandlungen schwerer Krankheiten, aber es gibt auch Aufrufe wie den eines Mädchens, das sich endlich am Rücken tätowieren lassen will und dafür 200 Euro benötigt.
Melina Rost braucht 5.400 Euro für ihren Lebenstraum: Endlich Mutter zu sein. Sieben Mal hat sie bereits eine künstliche Befruchtung mit eigenen Mitteln finanziert. 19.000 Euro hat sie ausgegeben. Krankenkassen geben unverheirateten Frauen in Deutschland keinen Zuschuss für ihren Kinderwunsch. Melina Rost hat nicht mal einen Partner.
Noch 55 Tage
55 Tage läuft ihr Aufruf noch. Eine lange Zeit für jemanden, der es eilig hat. In ihrem Alter sinkt monatlich die Chance auf eine Schwangerschaft. Also hat sie ein Profil eingerichtet. Mit Selfies und einem Bild vom Grab des Babys, das sie nach dem dritten Monat verloren hat. Sie berichtet dort auch freimütig von ihrer Krankheit, die alles noch schwerer machte.
Ihre Geschichte ist die eines Wartens auf das Glück. Deshalb wohl ihre Selbstentblößung: damit das Warten aufhört. Am besten so, dass sie Mutter wird. Unbedingt aber mit der Gewissheit, dass sie alles versucht hat. Wirklich alles.
Bis Melina Rost 33 Jahre alt war, hat sie auf nichts gewartet. Das Glück war schon da, und es wurde immer mehr. Aufgewachsen ist sie in Charlottenburg. Sie studierte Germanistik auf Lehramt und entschied sich nach dem Abschluss im Jahr 2000 für eine Ausbildung zur Schauspielerin und Moderatorin. Ihr Ziel: ein Leben auf der Bühne. Schnell kamen erste Rollen am Theater und im Fernsehen, auch in der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Sie arbeitet als Journalistin, gleich in einem ihrer ersten Beiträge recherchierte sie für das TV-Magazin „Frontal 21“ über Missstände in Kinderheimen.
Selbstverwirklichung und Einkommen aus mehreren Quellen. Das wünschen sich Freiberufler. In dieser Zeit fing Melina Rost an, mit ihrem Freund über Kinder zu sprechen. Sie waren seit eineinhalb Jahren ein Paar, es lief gut. Der richtige Zeitpunkt, eine Familie zu gründen.
Das Warten beginnt
Das Warten begann nur wenige Wochen später. Als Melina Rost sich entschied, diesen Knoten an ihrem Hals beim Arzt untersuchen zu lassen. Sie hatte ihn schon länger bemerkt, aber war sicher, er würde von alleine verschwinden. Bisher war doch immer alles gut gegangen.
Sarkoidose. Wie heißt das? Melina Rost schaut am Tisch im Café auf und buchstabiert ihre Krankheit. „S-A-R-K-O-I“ und dann „Dose“. Sie klingt beinahe belustigt, als sei es der Name eines sonderbaren Tieres. Und es ist auch harmloser als das, was der Arzt erst vermutete: Lymphdrüsenkrebs. Es dauerte vier Wochen, bis eine verlässliche Diagnose vorlag. Natürlich las Melina Rost in dieser Zeit alles über Krebs im Internet.
Eine Zeit, in der sie dachte, sie würde zu dieser Welt nicht mehr dazu gehören. Eine Zeit, in der ihr Freund plötzlich sagte: „Wir wollten doch Kinder kriegen.“
„Ja, natürlich.“
„Na, das geht ja jetzt nicht mehr.“
Sie trennten sich noch vor der Diagnose. Er wollte Kinder, sie wollte nicht auch noch Sätze sagen müssen wie: „Bitte hilf mir“. Überhaupt, was war eine Beziehung wert, wenn sie nicht mal jetzt zusammen hielten?
Der Wunsch nach Kindern bringt viele Menschen zusammen. Aber der Wunsch nach Kindern kann Menschen auch trennen. Melina Rost wird das noch ein zweites Mal erleben.
Immerhin, auf den jungen Mann aus Dänemark, der so schön gelacht hat im Interview, kann sie sich in diesen Tagen verlassen. Auf seine Spermien. Sie weiß sogar ein bisschen, wie ihr Kind aussehen könnte. Auf der Internetseite war ein Kinderfoto des Spenders hinterlegt. Man sagte ihr: Die Form der Augen, der Ohren und des Mundes eines Menschen verändern sich nicht mehr. Deshalb kann man jeden Menschen auf Kinderfotos wieder erkennen, auch wenn ihm später eine lange Nase wächst.
Was ist verantwortungsvoll?
Kinderfotos von Spendern. Ein guter Service. Aber auch eine wirkungsvolle Werbemaßnahme in einem Geschäft für Kunden mit Kinderwunsch. Etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland sind ungewollt kinderlos. Rund 50.000 Frauen haben im vergangenen Jahr auf eine künstliche Befruchtung gesetzt. Die meisten unternahmen mehrere Versuche. Ohne finanzielle Unterstützung der Krankenkassen ist das für die meisten Menschen unmöglich. Kassen zahlen für verheiratete Frauen, die sich den Samen ihres Mannes einsetzen lassen. Die nicht jünger als 25 und nicht älter als 40 Jahre sind.
Alleinstehende Personen wie Melina Rost, das hat kürzlich erst das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg entschieden, bekommen keine Unterstützung. Das Modell der Ehe wird von Richtern als besser für das Kindeswohl angesehen als eine nicht-eheliche Partnerschaft.
Einige Freunde, sagt Melina Rost, hätten sogar gedacht, künstliche Befruchtung sei verboten. Andere hätten ihr vorgeworfen, verantwortungslos zu handeln. Für ein Kind, das seinen leiblichen Vater vermutlich nie kennen lernt. Melina Rost zuckt mit den Achseln: Sie kennt Frauen, die unbedingt ein Kind wollen und wahllos Geschlechtsverkehr mit Männern haben. Ohne Kondom, ohne Schutz vor HIV. Ist das verantwortungsvoller als eine gründlich geplante Schwangerschaft?
Nach der Trennung von ihrem Freund muss sie die Krankheit überstehen. Sarkoidose ist eine Auto-Immunkrankheit, der Körper greift seine eigenen Lymphknoten an. Auf 100.000 Bewohner gibt es kaum mehr als 20 Fälle. Melina Rost bekommt Kortison in hohen Dosen und Azathioprin. Ein Mittel, das Immunreaktionen unterdrückt. Es wird mindestens ein Jahr dauern, bis das Gift ihren Körper verlassen hat, sagen Ärzte. Die Krankheit verschlechtert zwar nicht ihre Chancen auf eine Schwangerschaft. Aber es wird ein Jahr dauern, ehe daran überhaupt zu denken ist.
Sie liegt wochenlang im Krankenhaus. Kein Grund für Melina Rost, nicht zu arbeiten. An einem Wochenende sagt sie der Krankenschwester, sie müsse kurz nach Hause. Dinge regeln. Sie ruft ihre Mutter an und bittet sie, ihr ein schwarzes Kleid und Schminksachen zu bringen. Dann lässt sie sich ins Einkaufszentrum Alexa fahren, um eine Fashion-Show zu moderieren. Sie steht auf der Bühne und strahlt ins Publikum.
Die Arbeit gibt ihr Halt
Wie geht das? Auf ihrer Homepage präsentiert sich Melina Rost als glückliche Powerfrau. Ein öffentliches Gesicht, wie es die meisten Schauspielerinnen wählen. Im Fernsehen und am Theater ist es wie in vielen künstlerischen Berufen: wenig Jobs, viel Konkurrenz. Keine Branche, in der man Schwäche zeigt.
„Warum?“ Melina Rost versteht das Problem nicht. Auch ihr Hund ist kurz aufgestanden, legt sich aber auf Kommando wieder hin. „Es ist doch gerade die Arbeit, die mir Halt gibt.“ Sich schön anziehen, in eine Glamour-Welt eintauchen, jemand anderes sein. Besser, als das Krankenhaus nicht zu verlassen und sich von Tag zu Tag weniger attraktiv zu fühlen, sagt sie. Sie hat keine Lust auf ein Leben mit Jogginghose und Bettdecke. Ihr öffentliches Gesicht, das ist ein Teil ihres Lebens.
Im Sommer des Jahres 2011 ist das Warten vorbei. Erstmal. Die Behandlung hat angeschlagen. Sie öffnet einen Brief aus dem Labor: Ihr Körper ist frei vom Gift. Sie ist gut gebucht als Moderatorin und hat einen Auftritt im „Tatort“, sie spielt nun regelmäßig bei den Faust-Festspielen in Kronach mit. Eines Tages fährt sie in das Autohaus um die Ecke. Eine Reparatur ist fällig. Vier Jahre ist es her, dass sie hier ihr Auto gekauft hat, aber der charmante Verkäufer kommt sofort auf sie zugelaufen.
„Frau Rost, Sie haben wir ja lange nicht gesehen.“ Der Verkäufer lächelt freundlich.
Sehr freundlich.
Wenig später sind die beiden ein Paar. Drei Jahre nach der Trennung von ihrem Freund ist Melina Rost wieder verliebt. Ein schöner Zufall. Und ein guter Zeitpunkt, um offen für Neues zu sein. Offen für etwas Großes. Ein Paar, beide Mitte 30, sie haben Jobs und genießen ihr Leben. Es dauert nicht lange, bis sie über Kinder sprechen.
Bloß keine Zeit verlieren
Er will auch. Aber sie wird nicht schwanger. Melina Rost erfährt beim Arzt, dass es auf natürlichem Wege nicht klappen wird. Probleme mit dem Hormonspiegel, mit der Einnistung der Eizellen. Man rät ihr, keine Zeit zu verlieren und zur Beratung in ein Kinderwunschzentrum zu gehen. In einer Welt, in der Opas noch Rockstars sind und Grundschüler wichtige Computerprogramme entwickeln, ist die Fruchtbarkeit der Frau einer der letzten Bereiche, in dem Alter wirklich eine Rolle spielt. Etwas, das sich nicht durch eine entsprechende Geisteshaltung ändern lässt.
In Deutschland liegt der Anteil der durch künstliche Befruchtung gezeugten Kinder bei rund zwei Prozent. Im Nachbarland Dänemark sind es vier Prozent, dort ist die Unterstützung besser. „Retortenbabys“ hießen sie in den 80er-Jahren. Als jetzt, 30 Jahre später, die Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff diese Kinder als „Halbwesen“ bezeichnete, erntete sie viel Kritik. Der Umgang der Mehrheit mit künstlicher Befruchtung scheint verständnisvoller geworden zu sein. Jedenfalls, wenn es um die in Deutschland legalen Methoden geht. Die Eizelle kann entweder im Körper der Frau befruchtet werden, in einem Reagenzglas mit Spermien oder der Samen wird in die Eizelle eingesetzt.
Bleibt die Frage nach der Bezahlung durch Krankenkassen. Dass auch ledige und homosexuelle Frauen auf diese Art Kinder bekommen wollen, bringt das Familienkonzept konservativer Parteien offenbar ins Wanken. Anders sind die Vorgaben kaum zu erklären. Krankenkassen dürfen keine Unterstützung leisten. Eine rückständige Debatte, unter der Menschen wie Melina Rost leiden.
Sie könnte ihren Freund ja heiraten. Aber der will nicht mal sein Sperma untersuchen lassen. Vertröstet sie: vielleicht im nächsten Monat. Sie versteht nicht, warum er wartet. Bis heute hat sie darauf keine Antwort. Eine Behandlung im Kinderwunsch-Zentrum funktioniert aber nur, wenn auch der Mann mitmacht. Diesmal ist es Melina Rost, die ihren Kinderwunsch über ihre Beziehung stellt. Sie trennt sich.
Heute sagt sie: „Kein Mann der Welt ist es mir wert, auf mein Kind zu verzichten.“
Die Schwangerschaft – ein Großprojekt
Es geht los. Drei Monate lang mehrmals pro Woche zum Arzt zu Untersuchungen. Wenn der natürliche Mechanismus nicht funktioniert, ist es Präzisionsarbeit, dem Körper zu helfen, neues Leben zu erschaffen. Ein Großprojekt für Labore, Ärzte, Chirurgen. Melina Rost muss sich täglich Hormone spritzen. Am Anfang sticht ihr eine Freundin mit zitternder Hand die Spritze in den Bauch. Selber schafft sie es nicht. Die Hormone lassen ihre Eierstöcke stark anschwellen, ihr Bauch schmerzt. Meistens ist sie müde und ihr ist übel. Aber so, dass sie sich nicht zur Erleichterung übergeben kann.
In dem Berliner Kinderwunschzentrum trifft sie Frauen, die sich bei der Arbeit abwechselnd krank melden oder Urlaub nehmen, um das alles zu meistern. Melina Rost ist Freiberuflerin, krank melden geht nicht, dann gibt es kein Geld. Und sie braucht viel Geld für die Behandlungen. Sie arbeitet noch mehr. Melina Rost trifft auch auf unverheiratete Paare, die aus anderen Bundesländern anreisen, um sich in Berlin behandeln zu lassen. In den anderen Bundesländern behandeln Ärzte keine ledigen oder gleichgeschlechtlich lebenden Frauen. Nicht, weil das verboten ist. Aber sie würden gegen eine Richtlinie der Bundesärztekammer verstoßen und könnten belangt werden, weil sie ihren Beruf nicht „sorgfältig“ ausüben. Laut dieser Richtlinie sollen künstliche Befruchtungen „unter Beachtung des Kindeswohles“ nur bei verheirateten Paaren stattfinden. Oder aber, der Arzt komme zu der Einsicht, die Partnerschaft sei „gefestigt“.
Eine seltsame Rechtsauffassung: Ein Arzt, der auf körperliche Dinge spezialisiert ist, soll beurteilen, ob die Partnerschaft einer Patientin, die er kaum kennt, von Dauer sein wird. Die Ärztekammer Berlin hat diese Richtlinie nicht übernommen und teilt auf Anfrage mit, das Thema sei derzeit in Bewegung. Richtlinien sollen „überarbeitet“ werden. SPD und Grüne fordern jedenfalls eine bessere Unterstützung von unverheirateten Frauen mit Kinderwunsch.
Spiel der Chancen
Künstliche Befruchtung. Von außen betrachtet ist es ist ein Spiel der Chancen und Wartezeiten. Entnahme der Eier unter Vollnarkose. Zwei bis fünf Tage später die Befruchtung mit Spermien im Reagenzglas. Weniger als 20 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass es klappt. Dann wird die Eizelle in die Gebärmutter eingesetzt. Wieder zehn Tage warten. Viel Zeit, um sich Signale des Körpers einzubilden, die es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gibt. Viele Paare, die das durchleben, berichten von viel Anspannung und viel Streit. Melina Rost ist auf sich gestellt. „Die letzten drei Tage“, sagt sie, „kann man an nichts anderes mehr denken“.
Dann das Ergebnis: schwanger oder nicht. Melina Rost erfährt, dass bei ihr am Anfang der Behandlung pro Punktion noch etwa acht Eizellen befruchtet werden konnten, später sind es nur noch zwei. Ihr Alter. Drei Mal wird ihr eine befruchtete Eizelle eingesetzt. Und alle drei Mal klappt es nicht.
Rost schaut oft ein Kinderfoto von sich an. Sie, ein Kleinkind, auf dem Schoß ihrer Mutter. Die Mutter ist auf dem Foto etwa so alt wie sie jetzt. Sie sieht ihrer Tochter so ähnlich, es könnte Melina Rost selber sein, die ihre Arme um die eigene Tochter legt.
Als Schauspielerin hat sich Melina Rost für ein Video-Projekt gegen Spielsucht engagiert. Sie spielt eine Teleshopping-Moderatorin, die eine „echte Glückssträhne“ von einer tibetanischen Bergziege verkaufen will. „Macht ganz einfach reich“ und „nur für 89 Euro anstatt 185 Euro“. Das Video ist verlinkt auf eine Seite, auf der steht: „Spielautomaten machen reich – aber nicht dich. Da hilft auch keine Glückssträhne“.
Gewiss kann das Spiel mit Chancen auf eine Schwangerschaft süchtig machen. Aber Melina Rost hat gelernt, sich Träume auf eine andere Art zu erfüllen. Ihr Leben auf der Bühne, das hat sie durch harte Arbeit erreicht. Warum nicht auch ein Kind? Neuer Versuch. Hormone. Übelkeit. Nach zehn Tagen der Anruf aus der Arztpraxis. Diesmal ist der Test positiv. „Sind Sie sich sicher?“, fragt Melina Rost ins Telefon. Dann weint sie. Vor Glück.
„Sie haben einfach Pech gehabt“
Nach drei Wochen: Das Herz des Fötus schlägt. Sie sieht es auf dem Ultraschall. Ihr Hund, da ist sie sich sicher, spürt, was in ihr passiert. Dass sie Ruhe braucht. Eine schöne Zeit mit Decke und Sofa.
Nach drei Monaten die erste große Untersuchung. Melina Rost geht es gut, die verdammte Müdigkeit ist verschwunden. Im Arztzimmer schaut sie sich ein dreidimensionales Ultraschallbild ihres Kindes an. Diese Bilder sehen immer auch ein bisschen gruselig aus. Melina Rost sagt das, was viele Eltern sagen, wenn sie dieses Bild sehen. „Mein Kind sieht aus wie ein Alien.“ Eigentlich lachen dann alle im Raum. Aber der Arzt schaltet den Bildschirm ab und schweigt.
Später wird er sagen: „Sie haben einfach Pech gehabt.“
Der Schädelknochen des Kindes hatte sich nicht entwickelt. Eine seltene Komplikation, mit der künstlichen Befruchtung hat sie nichts zu tun. Sie muss wieder warten, aber auf was? 72 Stunden mit dem Kind im Bauch, erst dann darf die Schwangerschaft abgebrochen werden. Eine Geburt ohne Leben. Melina Rost will das Kleine zumindest einmal sehen. Kleine Arme, kleine Finger. Alles schon da.
Einen Tag später spielt sie in „Romeo und Julia“ die Gräfin Chapulet, die um ihre tote Tochter trauern muss. Diesmal bricht sie zusammen. Aber erst nach der Aufführung.
Natürlich muss Melina Rost jetzt weinen im Café. Aber sie will die Geschichte zu Ende erzählen. Einige Wochen später geht sie zu einer Sammelbeerdigung, organisiert von der Charité, für Kinder, die es nicht über 500 Gramm Körpergewicht hinausgeschafft haben. Zehn weitere Eltern sind da. Viele haben ihren Kindern schon Namen gegeben. Melina Rost nennt ihren Sohn nur „Mini-Baby“. Kinder-Kleidung hatte sie noch nicht gekauft. Trauern um etwas, was man nicht erlebt hat, das will sie nicht zu lange tun.
Wir verlassen das Café. Draußen am Stuttgarter Platz scheint die Sonne. Klar, Freunde hätten ihr abgeraten, sich mit dem Spendenaufruf in die Öffentlichkeit zu begeben. Aber ihr sei die Entscheidung leicht gefallen, denn von Freunden will sie kein Geld annehmen. Von Fremden fällt es ihr leichter. 155 Euro sind schon eingegangen. Als sie das sah, bekam sie eine Gänsehaut. Es ist Geld von Menschen, die einfach finden, dass Melina Rost wirklich alles versuchen soll.


