Die Resonanz war groß, als wir die Morgenpost-Leser dazu aufriefen, uns zum Muttertag 2014 ihre schönsten Erlebnisse mit ihren Müttern zu schreiben. Viele Briefe kamen in der Redaktion an: Berichte über Mütter, die ihren Kindern im Luftschutzbunker tapfer die Hand hielten und Mütter, die die Familie als Trümmerfrau durchbrachten. Über Mütter, die mit Rat und Tat die manchmal verrückten Lebenspläne ihrer Kinder unterstützten und Mütter, die noch heute unentbehrlich sind, wo der Nachwuchs längst flügge geworden ist und selbst Kinder hat.
Die Mütter, von denen Sie uns berichten, gaben ihren Kindern Geborgenheit und Zuversicht, lehrten sie Nächstenliebe und Ehrlichkeit, sorgten für eine gute Ausbildung und waren immer da, wenn man sie brauchte – auch, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse dafür zurückstellen mussten. Ja, auch nerven konnten sie mit ihrer ständigen Sorge, ihrer gelegentlichen Strenge und ihren gut gemeinten, aber ungewollten Tipps, das gaben unsere Leser unumwunden zu. Aber gleichzeitig waren sie sich einig: Ohne meine Mutter geht es einfach nicht!
Der Muttertag ist dazu da, um sich an die vielen Erlebnisse mit der Frau zu erinnern, ohne die wir nicht auf der Welt wären, und um „Danke“ zu sagen. Natürlich gibt es auch viele Kritiker des Ehrentags. „Ich brauche keinen festgelegten Tag, um an meine Mutter zu denken“, heißt es etwa. Oder: „Am Muttertag dreht sich doch alles nur um Geschenke.“
Doch dass seit mehr als 100 Jahren der zweite Sonntag im Mai den Müttern gewidmet ist und in vielen Familien auf der Welt feierlich begangen wird, zeigt: Viele Menschen nehmen den Gedenktag gern zum Anlass, um ihrer Mutter mit lieben Worten, Blumen oder einem üppigen Frühstück etwas von der Liebe zurückzugeben, die sie von ihr empfangen haben. So wie unsere Leserin Regina Schwenke, für die ihre inzwischen verstorbene Mutter wegen ihrer Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit bis heute ein Vorbild ist. Oder unser Leser Otto Leonhardt, der mit viel Humor beschreibt, wie seine Mutter ihn 1945 zum Geburtshelfer machte – ein unvergessliches Ereignis. Lesen Sie selbst!
Tolle Mama und Oma – und mein persönlicher Telefonjoker
Meine Mutter ist eine anstrengende Person. Sie ist übervorsichtig mit allem, mischt sich ungefragt in Dinge ein und kann meckern ohne Grund. Mit sechzehn hatte ich die Nase voll, da bin ich heimlich ausgerückt. Ich kam die ganze Nacht nicht nach Hause und log meiner Mutter vor, ich würde bei einer Freundin schlafen, obwohl wir auf einer Party waren und Alkohol tranken. Sie schlief die ganze Nacht nicht und war krank vor Sorge.
Meine Mutter ist der wunderbarste Mensch der Welt. Ohne sie wäre ich heute nicht selbst Mama, Studentin und freischaffende Theatermacherin. Als ich ungeplant schwanger wurde und nicht mit der Sprache rausrücken wollte, war ihr Kommentar: „Ach so, ich dachte, es wär’ was Schlimmes.“
Meine Mutter ist die beste Oma der Welt. Sie betudelt unseren kleinen Prinzen nach Strich und Faden. Sie ist mein Telefonjoker bei Kinderkrankheiten und sie hat vollstes Verständnis für mein Arbeitspensum.
Wenn mein Sohn älter ist, werde ich eine Standleitung zu meiner Mama einrichten. Dann kann ich sie anrufen und sie wird mich beruhigen (oder ganz konstruktiv die Polizei einschalten), wenn er heimlich ausrückt. Wenn er die ganze Nacht nicht nach Hause kommt und mir vorlügt, er würde bei Freunden schlafen, obwohl er auf einer Party ist und Alkohol trinkt. Wenn ich die ganze Nacht nicht schlafen kann und krank sein werde vor Sorge.
Änne-Marthe Kühn, per E-Mail
Nie aufgeben, rät meine Mama uns Kindern – bis heute
Meine Mutter Karin Stein hat sechs Kinder geboren. Erst kamen hintereinander vier Mädchen und dann zwei Jungen. Mutter war mit unserem Vater 47 Jahre verheiratet, bis er 2001 starb. Wir Kinder schätzen an ihr ihre Stärke und ihr unermüdliches Wesen, wenn es heißt, etwas zu bewegen. Sie hat viel Humor und kann herzerfrischend lachen.
Mein schönstes Kindheitserlebnis mit meiner Mutter und meiner großen Schwester Tina war der Gewinn unseres ersten Fernsehers. Bei einem Preisausschreiben der B.Z. wurde meine Mutter als Gewinnerin des Hauptpreises ermittelt. Sie wurde ins Verlagshaus, damals im Ullsteinhaus, bestellt, um den Gewinn persönlich in Empfang zu nehmen. Das war damals, ich glaube so 1960, ein weiter Weg. Meine Eltern wohnten zu der Zeit in Hermsdorf und hatten kein Auto. Der erste Fernseher mit Schiebetüren und zum Abschließen. Das war das größte Erlebnis und hat sehr, sehr lange die Familie erfreut!
Gelernt haben wir von unserer Mutter: Niemals aufgeben, nach vorne schauen, es geht immer irgendwie weiter. Ein Spruch, den sie oft zu uns sagt, ist: Beharrlichkeit führt zum Ziel, irgendwann erreicht man alles, was man will.
Wie sagt man so schön, aus allen Kindern ist etwas geworden. Inzwischen sind neun Enkelkinder und ein Ur-Enkelkind dazu gekommen. Und meine Mutter hat wieder einen liebenswerten Partner an ihrer Seite. Auf Familienfesten ist ordentlich was los. Wir sagen DANKE, Mama, für alles, was du für uns getan hast.
Andrea Pfahl, Buckow, mit Martina, Patrizia, Sabrina, Thorsten und Lars
Tausche Pantoffeln gegen Fußball
Unser Vater war neun Jahre lang im Krieg, dann in russischer Kriegsgefangenschaft. Derweil musste meine Mutter für uns Söhne (Jahrgang 1937 und 1941) sorgen. Weil sie in ihrem angelernten Beruf keine Arbeit fand, stellte sie in einer Garage Pantoffel her und war mindestens zehn Stunden am Tag unterwegs. Oft fuhr sie dann am Wochenende noch „hamstern“. Abends gab es dann abgezählt zwei Stullen, wobei unser Hunger so groß war, dass wir spielend fünf Stück geschafft hätten.
Bälle sowie andere Spielsachen gab es nicht. Und trotzdem besaß ich als einziger Junge im Kiez einen uralten Fußball, von meiner Mutter für ein Paar Pantoffel eingetauscht.
Sobald ich schreiben konnte, bekam sie von mir Jahr für Jahr zum Muttertag ein Gedicht. Diesen Brauch behielten wir bis ins hohe Alter bei: „Ich wünsche Dir, lieb Mütterlein, ein Leben ganz voll Sonnenschein!“ Sie wurde 88 Jahre alt.
Lothar Heinrich, Marienfelde
Nie machte sie mir Vorwürfe
Ich, heute 84, war ein Einzelkind und wuchs in einem Elternhaus auf, welches ich im Nachhinein als ganz großartig bezeichnen kann. Von Anfang an wurde ich zur Selbstständigkeit erzogen. Meine Eltern betrieben eine Änderungsschneiderei. Als ich mit sieben Jahren mein erstes Kinderfahrrad hatte, war ich angehalten, etwas zum Geschäft beizusteuern, da wir auch eine Annahmestelle für chemische Reinigung hatten. So lieferte ich an die Kunden aus. „Guten Tag, ich komme von Pickert und bringe die Sachen“ war mein Spruch. Diese Zeit war wunderschön.
Dann kam der Krieg und Vater wurde eingezogen, das Geschäft geschlossen. Nun hatte Mutter die ganze Verantwortung für mich, was sie hervorragend bewältigte. Anfang 1944 mussten wir uns trennen, erst nach dem Krieg kam ich wieder nach Hause. Nun begann die Hunger- und Kälteperiode. Meine Mutter war immer eine kleine und schwache Frau, doch in dieser Zeit war sie so zäh, wie man es nie erwarten konnte. Um uns über Wasser zu halten, war sie eine der berühmten „Trümmerfrauen“.
Der Hunger war schrecklich. Meine Mutter markierte immer das Brot mit einem Messer, um zu sehen, dass ich es nicht veränderte. Natürlich tat ich es. Dann schloss sie es in die Speisekammer. Für mich als Schlosserlehrling kein Problem. Nie hat sie es mir zum Vorwurf gemacht.
Als Vater nach Hause kam, arbeiteten beide in Heimarbeit für einen Zwischenmeister-Schneider. Sie führten bis zum Todes des Vaters 1974 eine wunderbare Ehe. 1978 musste sie ins Krankenhaus mit einer Leberzirrhose. Als ich beim letzten Besuch ihre gelbe Gesichtsfarbe sah, wusste ich, dass ich sie verlieren muss. Tränenüberströmt verließ ich das Zimmer. In ihrem Nachlass fand ich ein Konto über 10.000 D-Mark. Sie hatte es nach und nach von ihrer Rente abgespart.
Wolfgang Pickert, Steglitz
Sie ließ uns in die Welt ziehen
Meine Mami hat mir und meiner Schwester eine wunderschöne Kindheit ermöglicht. 1977 sonnte sie sich oben ohne am Strand auf Sardinien und wurde von zwei Sarden angequatscht. Sie holte ihre 17-jährige Tochter als Dolmetscher zur Hilfe – mit dem Resultat, dass meine Schwester seit fast 27 Jahren mit einem Sarden verheiratet ist und dort lebt. Als ich 1979 meiner Mutter als 16-Jährige alle Unterlagen für einen einjährigen USA-Aufenthalt vorlegte (damals etwas sehr Exotisches), war sie so baff von meiner Entschlossenheit und perfekten Vorbereitung, dass sie ohne Zögern unterschrieb und dann erst Papi davon in Kenntnis setzte.
Reisen und Sprachen waren und sind das, was sie unbedingt an uns weitergeben wollte, da sie nicht die Möglichkeit dafür hatte. Danke, Mami!
Viola, per E-Mail
Immer ein offenes Ohr
Meine Mama, vierfache Mutter, hat sehr viele Talente, an denen ich Anteil haben konnte. Sie hat mir, als ich klein war, ein Bild von Arielle an die Tapete gemalt. Als ich älter wurde, hat sie mir ein wunderschönes Kleid genäht. Bei meiner Hochzeit hat sie die Organisation übernommen, mir meine Frisur gemacht und ein Hammer Tortenbuffet.
Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mama und das nicht, weil sie versucht hat, meine beste Freundin zu sein, sondern weil sie von Anfang an mit sehr viel Liebe, aber auch dem richtigen Maß an Strenge ehrlich zu mir war und immer ein offenes Ohr für mich hatte. Jetzt, wo ich 30 Jahre alt bin, muss ich sagen, dass mich meine Eltern perfekt auf das Leben vorbereitet haben. Meine Mutter hat mir so viel beigebracht, dass ich es nicht aufzählen kann. Wofür ich ihr am dankbarsten bin, ist, dass sie mir gezeigt hat, wie eine gute Beziehung funktioniert, denn eine liebevolle Ehe gibt einem Kraft und Freude für alles, was im Leben gemeistert werden muss. Meine Eltern waren und sind mir in ihren 38 Jahren Ehe ein gutes Vorbild.
Das Unglaublichste ist, dass uns meine Eltern nicht nur bei unseren Umzügen, sondern auch jetzt, wo wir ein Haus gebaut haben, uns mit Geschenken, Geld, echt viel Zeit und wirklich körperlicher Arbeit unterstützen – und das, obwohl sie nicht mehr die Jüngsten sind und wir das selber schaffen müssten. Sie zeigen so gerne ihre Liebe, indem sie uns mit gutem Rat, Weisheit und Tatkraft zur Seite stehen. Mama, Papa: Es ist so wunderschön, dass es euch gibt!
Larissa Post, per E-Mail
Das Gefühl, dass uns nichts passieren kann
Wer war diese außergewöhnliche, freundliche, immer hilfsbereite, bescheidene Josefine Maria Ziebarth, genannt Fine? Sie war die Mutter von acht Kindern: Lothar, Rita (schwer geistig behindert), Regina (mit 17 Tagen verstorben), Jürgen, Regina, Angela, Michael und Stefan (verstarb 1950 sofort nach der Geburt). Eine Oma von neun Enkelkindern und Uroma von 14 Urenkeln. Heute sind wir noch fünf Geschwister in Berlin.
Sie war eine in tiefer Christlichkeit und Frömmigkeit verwurzelte Frau, die in den Jahren des NS-Regimes der Bernhard-Lichtenberg-Gruppe angehörte und vielen jüdischen Menschen half. Sie zeigte nie den Hitlergruß, sondern grüßte mit Guten Tag oder Grüß Gott, das Mutterkreuz lehnte sie ab.
Meine Mama brachte uns Kinder durch die gesamten Kriegsereignisse in Berlin, gab die kranke Rita in kein „Sanatorium“, ging mit uns den weiten Weg in den Fichtebunker und schützte uns auch während des Einmarsches der Russen.
Sie gab uns durch ihr christliches Vorbild und das Gebet täglich das Gefühl, uns kann nichts passieren. Sie ist bei uns.
Ihre große Liebe galt dem Heiligen Antonius, dem das Auffinden von verlorenen Gegenständen zugeschrieben wird. Er war ihr Lebensbegleiter. In den letzten Jahren ihres Lebens lebte sie bei mir und meinem Mann im Haus. Sie hatte auf ihrem Nachttisch eine kleine Silberfigur von etwa zehn Zentimetern Höhe des Heiligen Antonius stehen. Wenn es nachts klirrte und knallte, war der Heilige vom Nachttisch gefallen. Sie nahm ihn oft zum Beten in die Hand, konnte aber nicht einschlafen, bevor er wieder auf seinem Platz stand. Beim Suchen flogen das Wasserglas, die Blumen oder sonstiges auf den Boden. Aber da ich die Nacht vier- bis fünfmal nach ihr schaute, war das immer schnell behoben und sie glücklich, wenn Antonius wieder seinen Wachposten übernahm.
Unsere Mama war ein zufriedener und glücklicher Mensch, selbst als ihr hohes Alter von 96 Jahren zum Siechtum führte. Sie war auch vom Bett aus an allem interessiert. Sie konnte so wunderbar erzählen, sang die alten Lieder und – ja, sie betete täglich den Rosenkranz. Alle vier Wochen kam der Pfarrer zu ihr und brachte die heilige Kommunion.
Am 15. Februar 2003 um 22.18 Uhr verabschiedete sie sich von uns allen. Sie sagte: „Ich gehe nicht von euch, sondern nur vor euch.“ Sie lächelte selbst im Tod.
Regina Schwenke, Marienfelde
Dank der mütterlichen Tricks zum Traumjob
Meine Mutter hat großen Anteil daran, dass wir drei Kinder eine gute Ausbildung bekamen. Dafür sind wir ihr bis heute dankbar.
Auch meine Mutter hätte gern Abitur gemacht und studiert. Leider ließen ihre Eltern es nicht zu. Vielleicht ist das der Grund, dass sie uns von Kindheit an sagte, wir drei sollten unbedingt das Gymnasium besuchen. Und so kam es auch. Meine Schwester ging sogar auf eine teure Privatschule, was meinem Vater als Alleinverdiener nicht leicht fiel.
In der Pubertät wurden wir alle drei etwas faul. Aber da hatten wir die Rechnung ohne meine Mutter gemacht! Meiner Schwester, die es mit Zahlen nicht so hatte, sagte sie: Wenn du das Abitur nicht schaffst, stecken wir dich in eine Banklehre! Meinem Bruder und mir drohte sie mit der Autofabrik in unserer niedersächsischen Heimatstadt: Wenn ihr keine Lust mehr auf die Schule habt, sagte sie, dann besorgen wir euch einen Job in der Fabrik und ihr könnt für den Rest eures Lebens am Fließband stehen! Diese wenig verlockenden Aussichten haben uns drei so erschreckt, dass wir uns prompt wieder auf den Hosenboden setzten. Mit Erfolg: Wir schafften alle drei das Abitur und ein Hochschulstudium, mein Bruder promovierte. Meine Geschwister und ich haben bis heute erfüllende Berufe, gute Einkommen und waren nicht einen Tag arbeitslos. Das haben wir auch den kleinen Tricks meiner Mutter zu verdanken.
Im Dezember 2013 nahm der Tod sie von uns im Alter von 92 Jahren. Die Ausbildung kann uns niemand nehmen.
Gerhard Haunert, Zehlendorf
Sie lehrte mich Ehrlichkeit
Als Kind erledigte ich hin und wieder kleinere Besorgungen für meine Mutter. Einmal blieb ich ihr die Rückgabe des verbliebenen Einkaufsgeldes schuldig. Danach befragt, antwortete ich unbekümmert, dass es sich diesmal nur um einen Pfennig handele und den dürfe ich doch wohl behalten. „Liebes Kind“, sprach die Frau Mama, „das ist mein und nicht dein Pfennig, also gib ihn mir.“ Das liebe Kind gab, war aber leicht pikiert.
Einige Einkäufe später hatte ich fünf D-Mark zu viel im Portemonnaie. Ich erklärte meiner Mutter, dass ich mir das nicht erklären kann, und wollte ihr das überzählige Geld aushändigen. Meine Aufrichtigkeit hat sie jedoch so sehr erfreut, dass ich den für mich großen Betrag behalten durfte.
Auf diese Weise hat mir meine Mutter nicht nur den Unterschied zwischen „Mein“ und „Dein“ klar gemacht, sondern auch, dass das Sprichwort „Ehrlich währt am längsten“ seine Berechtigung hat.
Margret Claes, per E-Mail
Wie mich meine Mutter zum Geburtshelfer machte
Wir schrieben den 11. Mai 1945. Seit drei Tagen war Frieden. Am Morgen ging es der Mutti gar nicht gut. Überraschend fing sie an zu weinen. Guter Rat war vonnöten. Eine Hebamme musste her: Mutti war hochschwanger. Es gab in ganz Brieselang nur eine Hebamme. Zum Unglück wohnte sie am anderen Ende des Dorfes. Tante Lucie fuhr, sie zu holen.
Nur Oma Leppert und ich waren noch anwesend. Ich stand in der Küche und bügelte ein Laken und zwei Handtücher. Mutti schrie plötzlich ziemlich schlimm. Oma Leppert riss die Tür erregt auf und kommandierte, wie es manchmal ihre Art war: „Komm rein und bringe die Wäsche!“ Was ich sah, jagte mir einen furchtbaren Schrecken ein. Zum ersten Mal sah ich meine Mutter nackt. Sie lag auf dem Bett, die Beine gespreizt, das Haar klebte ihr wirr im Gesicht. Das Bettzeug und zwischen ihren Schenkeln war alles voller blutigem Schleim und ihre Hände krallten sich ins Bettzeug.
„Wische deiner Mutter den Schweiß ab und hilf mir das Laken vorzuziehen.“ Die alte Frau blickte mich an und sah meine Angst, die mir wohl ins Gesicht geschrieben war. „Du brauchst um deine Mutter keine Angst zu haben. Was du hier siehst, ist ganz normal. Im Gegenteil, es läuft alles sehr gut. So ist das eben, wenn ein Mensch zur Welt kommt. Hilf mir, das frische Laken unterzuschieben.“
Sie hob Mutti ein wenig an, und ich schob ihr das saubere Laken unter. Ich dagegen sah immer nur das Blut. Im selben Augenblick schrie sie wieder. Ich zitterte am ganzen Körper und fing an zu weinen. Ein furchtbarer Gedanke schoss mir durch den Kopf. Was soll ich bloß tun, wenn Mutti stirbt? Dann bin ich mit einem Bruder und vielleicht mit dem Baby allein. Ich wurde beinahe verrückt bei diesem Gedanken. Meinen Vater hasste ich plötzlich, weil ich nun schon wusste, dass er daran schuld war. Mit einer Verbissenheit kümmerte ich mich intensiv um Mutti. Ich wusste, wie unersetzbar eine Mutter ist. Ich wischte ihr den Schweiß von der Stirn und hielt ihre Hand, die sich in meiner vor Schmerz verkrampft hatte. Wenn bloß die Hebamme käme. Oma Leppert schien eiskalt zu sein. Sie guckte und machte gar nichts. Sie gab obendrein der Mutti auch noch Anweisungen. Jetzt fing Mutti an zu hecheln wie ein Hund. Jetzt stirbt sie ganz bestimmt. Die Oma Leppert freute sich auch noch und meinte: „So ist richtig, gut so, noch einmal und dann hast Du es geschafft.“
Ich sah, ich vergaß meine Angst und staunte. Mutti krallte sich an meinem Arm fest und sagte unter Schmerzen zu mir: „Tut mir leid, Großer, dass ich dir so etwas zumute.“ Es war faszinierend, was ich da sah. Zuerst kam ein winziges Köpfchen, und dann schlüpfte wie von selbst der ganze Körper aus der Mutti heraus. (...) Plötzlich stand Lucie mit der Hebamme im Zimmer. Diese bläkte mich an: „Du warst die ganze Zeit hier?“
Oma Leppert war jetzt wieder lieb, sie erwiderte: „Der Junge ist uns zur Hand gegangen, ohne ihn wäre es hier nicht so gut gelaufen.“ Dabei klopfte sie mir kollegial auf die Schulter: „Du wirst einmal ein guter Ehemann.“ Spontan antwortete ich: „Meine Frau wird nie ein Kind bekommen.“ Die Hebamme erwiderte barsch: „Das bestimmst nicht du, sondern die Frau. So, nun ist Schluss mit der Vorstellung. Du nimmst den Eimer, gehst damit in den Garten, buddelst ein tiefes Loch und vergräbst die Nachgeburt.“ (...)
Die Bank auf dem Hof war mein Lieblingsplatz. Ich setzte mich und war fertig, als hätte ich das Kind bekommen. Lucie trat aus dem Haus und hielt mir ein Schnapsglas hin. „Du hast Schwerstarbeit geleistet, Arbeit, wo sogar kräftige Männer in die Knie gehen. Du bist schon lange kein Kind mehr, aber ab heute bist du ein Mann, hat deine Mutter gesagt, auch wenn du erst knapp dreizehn Jahre alt bist. Trinke jetzt.“
Otto Leonhardt, per E-Mail





