Männer Männer im Baumarkt – Die ganz große Liebe zu schwerem Gerät

Schwingschleifer, Schlagbohrer und Werkzeugkasten: Nirgendwo ist der Mann so bei sich wie im Baumarkt. Eine Recherche über die männliche Freude am Nestbau.

"Wo kann ein Mann noch ein Mann sein?", hat sich die Band "Von Schuessel" einmal in einem Song gefragt. Im nächsten Satz gab sie dann die Antwort: "In Mannheim". Aber das stimmt gar nicht, was die da singen. Was nämlich stimmt, ist, dass ein Mann im Baumarkt noch Mann sein kann. Zwischen Säbelsägen, dem "Reptil des Monats" und den Fischer-Dübeln liegt eine wahrhaftige Wunderkammer. So groß, so weit, so offen, so zärtlich männlich wie wohl kein anderer Ort der Welt.

Da steht also der Baumarkt. In Moabit. Nah am Wasser. Eine weiß-rote Skulptur in dieser tristen Gegend. Schon aus weiter Ferne sehen wir ihn, unser Blick streift den Schrottplatz unter der Putlitzbrücke. Sie grillen gerade Würstchen auf dem Rost über einer brennenden Tonne. Es riecht nach Regen, und in dem Industrie-Verlade-Müll-Gebiet da unten in Moabit ist ein Hauch von vager Gefährlichkeit, von ungefährer Zwielichtigkeit zu spüren. Hier sind wir richtig. Männer müssen gefährlich sein, sie müssen im Zwielicht leben können.

Das gilt auch im Baumarkt, vor allem dort. "Sie hasten suchend durch die Enge / Endloser, düsterer Gänge", beginnt Reinhard Meys Lied "Männer im Baumarkt". Er hat zusammengefasst, was Männer am Schattenreich der Winkelschleifer und Kabelbinder fasziniert. "Männer im Baumarkt", sang er, "Während draußen die Frau parkt / Treibt ein unbänd'ges Verlangen / Gierig mit glühenden Wangen / Zu Kneif-, Flach- und Rohrzangen. / Kuscheln mit Gartengeräten / Träumen vom Hacken und Jäten / Und dass den Rasen die Frau harkt. / Männer im Baumarkt." Säger und Sammler: Hier, vielleicht nur hier, ist der Mann noch ganz bei sich selbst.

Übernatürlich gewaltig

Und dann geht es auch schon rein. Es ist noch früh an diesem Tag, für einen Künstler jedenfalls. So kurz vor zwölf. Björn Wallbaum ist schon da. Sein Atelier ist ganz in der Nähe und hier im Baumarkt ist der Künstler oft. Er kauft hier seine Arbeitsmaterialien. Wir passieren also die Schranke und gehen hinein in den Markt. Rechts kann man sich Werkzeug ausleihen, zum Beispiel einen Spalter, einen Dielenschleifer, einen Hochdruckreiniger, schweres Gerät für die schwersten Arbeiten überhaupt. In den Geräten ruht eine Kraft, monströs groß, übernatürlich gewaltig.

Wir laufen durch den ersten Gang. Da sind Rosetten für um die zwanzig Euro, aus Styropor, das aussehen soll wie Stuck. Decosa heißt die Firma, die die herstellt. Und Björn hat damit auch mal experimentiert, die von Decosa würden ihm aber nicht gefallen. Der Baumarkt ist für den Künstler ein Ort der Inspiration. Titel für Werke, für ganze Ausstellungen sind hier zu finden. Der Baumarkt hat seine ganz eigene Sprache. Kurz, prägnant, kindlich, dadaistisch manchmal.

Überwinterungsmittel, Langzeit-Multifunktions-Tabletten, Reptil des Monats, PS X Stromspargerät "Goodbye. Standby", Dirt Devil Popster, Winkelriemchen Celina. Über den Winkelriemchen, das sind so kleine Winkel aus Steinimitat, oben in einem Regal in vier Metern Höhe, liegt eine in dunkle Folie gewickelte Palette. "Ware ohne Wert!" steht drauf. Wallbaum macht Fotos von "Goodbye. Standby", was für ein starker Titel, und von "Ware ohne Wert!", auch gut. Und da drüben stehen Leitern. "Die sind immer so schön traurig", findet Björn, "verzweifelt und traurig". Er hat mal eine Leiter aus Polyurethan in München ausgestellt. Die Arbeit trugt den Titel "Erfolgsmodelle/Up and down". Haushaltsschwämme werden häufig aus Polyurethan gefertigt. Björns Leiter hätte niemanden getragen.

Einfach mal schauen

Der Baumarkt ist ein Ort des männlichen Flanierens. Im Baumarkt schlagen Männer die Zeit mit Stil und Hingabe tot. Man muss sich das so vorstellen: Oscar Wilde ging durch den schweren, erregenden Duft von Fliedergärten, um sich zu entspannen, um die Gedanken kreisen zu lassen. Und in den langen Gängen, den kunststoffsteintrockenen, blitzblank polierten Gängen vom Baumarkt geht an diesem Tag der Herr Arslan spazieren.

Früher war Ilyas Arslan bei BMW am Band. Spandau. Da am Juliusturm. Keine Autos, nur Motorräder. Mit 56 ist er jetzt schon im Ruhestand. So schnell wie körperliche Arbeit verschleißt nichts anderes den Menschen. Das ganze Leben Hunderte von Tausenden von Zehntausenden Schrauben drehen, Kolben ölen, Ketten auf Zahnräder spannen. Keiner bleibt da ewig fünfundzwanzig. Herr Arslan hat mit seiner Hände Arbeit stählerne Männerträume errichtet. Glänzende Motorräder verließen die Hallen, in denen er sein Tagwerk leistete.

Aber Herr Arslan ist bescheiden. Den BMW-Blaumann trägt er noch immer mit Stolz, aber ansonsten sagt er: "Es war meine Arbeit. Ich hab' sie gern gemacht." Er weiß nicht so recht, was er heute hier macht. Einfach mal schauen. Sich treiben lassen. An der Werkzeugbox in 20 Zoll und 12,5 Zoll vorbei spazieren, vielleicht etwas Schnell-Estrich kaufen. Eine Bi-Metall-Lochsäge braucht er heute nicht und auch kein Sägeblatt für T- oder U-Schaft. Zuhause renoviert er viel. In der vergangenen Woche hat er neue Zierleisten am Fußboden verlegt. 8,99 Euro kostet eine in den Maßen 2570 x 50 x 16 mm. Die ganze Wohnung hat jetzt also schöne Zierleisten am Übergang vom Boden zur Wand. Er wohnt ja gleich um die Ecke, da geht er häufig hier vorbei.

Verschönerung des Lebensgebietes

Der Baumarkt als Ort, als Idee ist historisch betrachtet die treibende Kraft in unserer Individualisierungsgesellschaft. Es ist kein Zufall, dass der erste Baumarkt in Deutschland ein Kind der 60er-Jahre ist. 1960 eröffnete in Mannheim der Unternehmer Heinz Georg Baus einen Baumarkt in seiner Garage. Dann haben "Von Schuessel" also doch Recht. In Mannheim kann ein Mann noch wirklich ein Mann sein. Baus war gelernter Schreiner und Glashandwerker. 26 Jahre alt war er, als seinen Baumarkt eröffnete. Heute soll er über zwei Milliarden Euro besitzen und mit seiner Frau in Monaco leben. Bauhaus nannte er sein Geschäft. Genauso wie die von Gropius gegründete Kunstakademie.

1960 waren die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges noch nicht vergessen, aber Deutschland war eben bereits schon wieder auf den Beinen. Am 5. August 1955 wurde der einmillionste VW-Käfer hergestellt. Wirtschaftswunder, das große Fressen, eine Nation ist wieder auf dem Weg, wer zu sein. Mussten direkt nach dem Krieg Trümmer beiseite geschafft und bloßer Wohnraum wieder belebbar gemacht werden, konnten sich in den Sechzigern die Menschen schon Gedanken um eine ästhetische, nicht rein zweckmäßige Verschönerung des Wohnraums, des Lebensgebiets machen. War die Individualität direkt nach der Kapitulation ein undenkbarer Luxus – schließlich mussten alle mit anpacken, um den selbst verursachten Scherbenhaufen in Deutschland beiseite zu kehren –, keimte wenige Jahre darauf der hammerschwingende Neuanfang.

Deutschland in den Sechzigern war eine Männergesellschaft. Bis 1958 konnte der Ehemann für die Frau Anstellungsverträge fristlos kündigen. In Bayern durften Lehrerinnen nicht verheiratet sein sein. Ab 1962 durften Frauen erst ein eigenes Konto eröffnen. Kein Wunder also, dass auch die heimische Verwirklichung, das bürgerliche Träume-wahr-werden-Lassen von Männern voran getrieben wurde.

Die 60-er brachten den Aufschwung

Zurück aber zum Bauhaus. Die Bauhaus Akademie in Weimar blieb nach ihrer Gründung bis 1925 dort. Sie zog weiter nach Dessau. Gropius weihte das neue Gebäude 1926 ein. 1932 ging es nach Berlin. Ein Jahr später löste sich die Akademie aufgrund der Naziherrschaft selbst auf. Das Konzept vom Bauhaus, der Minimalismus, die ästhetische Schlichtheit und die Beschränkung von Design auf Funktionalismus, war durch die Diktatur des Dritten Reiches gestorben. Interessanterweise wurden aber ab den 70er-Jahren Bauhaus-Möbel und andere Objekte wieder entdeckt. So wurden im großen Stil Möbel, Chaiselongues, Stühle, Tische, Regale neu aufgelegt und industriell gefertigt.

Die Rückkehr vom Bauhaus ging einher mit der Entwicklung der Baumärkte. Nach dem ersten Bauhaus-Markt 1960 folge 1968 Hornbach mit einer Filiale in Bornheim (Pfalz). Otmar Hornbach kombinierte als erster Unternehmer Gartenzentren und Baumarkt. 1970 eröffnete Obi in Hamburg. 1971 Hellweg in Dortmund. 1978 Praktiker unter einem anderen Namen in Luxemburg. Max Bahr aber ist ungeschlagen, das älteste Unternehmen. Seit 1879 gibt es das Unternehmen Bahr schon.

In Moabit ist eine gemächliche Nachmittagsruhe eingekehrt. Es brummt nicht, es zieht sich so elegant in die Länge. Sebastian fährt mit seinem Fahrrad vor. Er studiert Landschaftsarchitektur. Ein junger Mann in einer roten Jacke und braunen schweren Schuhen. Das sieht man ihm wirklich an, dass er zupacken will. Dass er mit seinen Händen Dinge schaffen kann. Er kauft eine große Holzplanke und möchte daraus ein Regal bauen. Denn selber bauen ist immer noch billiger als Billy. Die Planke fährt er einzeln mit dem Fahrrad rüber in seine Wohnung nach Wedding. Er will später noch mal wiederkommen. Ach, ein paar Winkel braucht er auch noch. Aber die passen ja in seinen Rucksack.

Es sind tatsächlich wenig Frauen dort. Einige arbeiten in unserem Moabiter Markt. Wenn Kundinnen da sind, dann sind sie häufig alleine in der Gartenabteilung. Oder aber sie gehen zusammen mit ihren Männern durch die Reihen. Wirklich, das ist ist so, der Baumarkt ist noch eine Männer-Domäne.

Stolz auf das Fachwissen

Die Männer gehen mit stolzer Brust durch die langen Gänge. Sie wissen, wo was zu finden ist. Der Mann im Baumarkt kann die Sägeblattlänge der Handsäge "Xtract", 16 cm, auswendig wiedergeben. Er kennt die Maße der Kunststoff-Aufbewahrungsbox "beige / grün", exakt 146 x 87 x 119 cm. Wenn man so will, ist der Baumarkt der letzte deutsche Ort, an dem man noch Menschen trifft, die wissen, was sie tun. Das Heimwerken ist die letzte Bastion, in die kein gefährliches Halbwissen eingezogen ist. Das Heimwerken ist absolut. Man kann einfach nicht darüber streiten, der Gardena Metall-Schlauchwagen 100 ist einfach besser als der Wolf Garten Schlauchwagen "WS 50Z". Und da käme auch niemand auf die Idee, das anzuzweifeln.

Es ist eine quasi autoerotische Beziehung zum eigenen Fachwissen, die den Mann im Baumarkt so stolz macht. Und natürlich das Wissen, dass die anderen Männer um sie herum an der Zielstrebigkeit ihrer Bewegungen, an dem sicheren Finden der Ware im Regal wiederum erkennen, wie sehr sie sich auskennen. Deswegen werden auch Fragen zu Spezifikationen von Kunde zu Kunde eher verächtlich aufgenommen. Natürlich hilft der Heimwerker gerne, wo er kann, aber ein gewisses Level an Wissen muss man mitbringen, um nicht mit einem "Jehen se halt zu 'nem Mitarbeiter, wa, ick hab keene Zeit" abserviert zu werden.

Fingerspitzengefühl in den Tatzen

Da steht ein Mann, er sieht aus wie ein brandgefährlicher Hells Angel, nur ohne Kutte. Ohrring im einen Ohr. An den Unterarmen, die kräftig sind, brennt tätowiertes Feuer. Und als Reporter muss man natürlich fragen, was er dort macht. Der Reporter muss sich ja da reinschmeißen. Und mit einem Lächeln sagt ein friedlicher Brummbär: "Ich mach 'ne neue Duschkabine". Die fertigen Duschen gibt es nämlich nur in dem einen Format "80 mal 80, oder so". Zuhause will er aber in 70 mal 90 duschen.

Woher unser Bär denn ein solches Fingerspitzengefühl in seinen Tatzen hat, dass er aus Glas und Metallleisten eine Dusche selber bauen kann? "Ich war früher auf dem Bau, aber jetzt nicht mehr, Rücken kaputt, arbeitslos." Er sieht nicht unglücklich aus, weil unser Bär ein stolzer Mann ist, das sieht man sofort. Aber es gefällt ihm wohl nicht, kein Geld zu verdienen. Die Dusche wird ihn wohl 140 Euro kosten, sagt er.

Unser Markt wird so etwa 8000 Quadratmeter haben, das haben die Märkte dieser Firma im Durchschnitt. 8000 Quadratmeter. Das sind 160 50-Quadratmeter-Wohnungen. Im Jahr 2012 haben die zehn umsatzstärksten Baumarkt-Firmen in etwa 2750 Geschäften etwa 19 Millionen Euro umgesetzt. Das ist wiederum nicht so viel. Weil gefühlt jeder zehnte Start-Up-Typ mit irgendwas mit Dating für Hunde mehr Geld einsammelt.

Ideen gehen in Lösungen über

Wie riesig aber diese Hallen sind, so, dass man sich wirklich verläuft und den Ausgang mal nicht findet. Und auf einmal wieder doch in der Tierabteilung steht, direkt vor dem Reptil des Monats. Das Jemenchamäleon gähnt einen zufrieden an. Langsam balanciert es vom einen auf den anderen Ast. "Ja, ich habe heute nichts gemacht. Ja, meine Arbeit ist vollbracht", scheint es zu denken. Es atmet nur so vor sich hin und mit den Augen kreiselt es, als würde es einem betrunkenen Hubschrauberpiloten am Horizont folgen wollen.

Ein Eventmanager von der Berlinale schiebt hektisch seinen Wagen durch den Gang. Er braucht noch zwei Latten für eine Veranstaltung. Und irgendjemand muss die ja holen. Also macht das eben der Dieter Wegner.

Der Baumarkt ist Sehnsuchtsort, an dem Gedanken in Formen, Ideen in Lösungen übergehen. Er ist transzendente Grenze, an der das Ätherische in seine Festform übergeht. Im Baumarkt sind Männer Konstrukteure, Ingenieure, Lebensretter, Architekten von Wolkenkuckucksheimen. "Hallo lieber Heimwerker, hallo liebe Profis. Mein Name ist Reiner Wildemann und als Tischlermeister präsentiere ich Ihnen die neue Handkreissäge Exakt EC 320." Und dann schneidet der Reiner durch Metall, durch Holz, durch Fliesen und Kunststoffe, so als ob das selbstverständlich sei. Reiners Gerät ist der Wahnsinn. So wie alles im Baumarkt der Wahnsinn ist. Absoluter Superlativ. Absolut groß. Absolut weit. Absolut schnell. Drehzahl, PS, Watt, Volt, Zentimeter, Maßeinheiten vermessen alle Nuancen von Funktionalität.

Langsam wird es dunkel draußen. Aber im Baumarkt brennt noch Licht. Je später es wird, desto bevölkerter werden auch die einzelnen Reihen. Nach Feierabend beginnt in Berlin, wahrscheinlich in ganz Deutschland, erst die richtige Arbeit. Es geht in die Hobbykeller, in die bald fertigen Duschen, in die Küche, um das Regal für die WG zu bauen. Schlagbohrmaschinen bollern durch den frühen Abend und die ersten Gardinenstangen und die hundertsten Weinregale werden stolz bestückt. Und so lange da noch Licht brennt, gibt es Hoffnung. Denn so lange träumen Männer noch von Duschen, von Regalen, von Geräten, die durch alles schneiden. Und das ist gut so.

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