Berliner Morgenpost: Angeblich fördern Haustiere die kindliche Entwicklung. Stimmt das?

Ulrike Pollack: Ja. Kinder, die sich um Haustiere kümmern, lernen Verantwortungsbewusstsein, außerdem Soft Skills wie Teamfähigkeit und Kommunikation.

Berliner Morgenpost: Ab welchem Alter sind Kinder reif für ein Haustier?

Ulrike Pollack: Ab sechs Jahren können Kinder langsam mit in die Verantwortung für das Tier einbezogen werden. Es hängt natürlich auch von Tierart und Rasse ab. Eine deutsche Dogge kann ein Siebenjähriger noch nicht halten. Katzen schlagen wir erst ab einem Alter von zehn Jahren vor, weil sie eigenwillig sind. Bei kleineren Tieren ist das Einstiegsalter acht oder neun Jahre.

Berliner Morgenpost: Was kommt auf die Eltern zu?

Ulrike Pollack: Eltern tragen die Hauptverantwortung, auch dann, wenn die Kinder ausgezogen sind oder zum Studieren aus dem Haus gehen. Das sollte man insbesondere bei der Anschaffung Tieren berücksichtigen, die sehr alt werden.

Berliner Morgenpost: Von welchen Tieren raten Sie ab?

Ulrike Pollack: Von Exoten, also Bartagamen, Leguanen oder Schlangen. Deren Haltung ist oft sehr anspruchsvoll. Auch von Schildkröten raten wir ab, sie können bis zu 80 Jahre alt werden und brauchen Winterschlaf. Das wissen viele Familien nicht.

Berliner Morgenpost: Landen denn viele Exoten im Tierheim?

Ulrike Pollack: Ja, Tropen- und Wüstentiere sind gerade im Trend. Ein exotisches Tier wertet auf, man fühlt sich beachtet, nach dem Motto, hey, ich bin wer, ich habe einen Leguan. Dasselbe Phänomen beobachten wir oft auch bei den Haltern von Listenhunden.

Berliner Morgenpost: Was sind die ersten Schritte bei der Anschaffung eines Haustieres?

Ulrike Pollack: Eignen Sie sich Wissen an. Holen Sie sich Fachliteratur. Gehen Sie ins Tierheim und suchen Sie das Gespräch mit dem Tierpfleger. Ein Teil Ihrer Arbeit ist der Tierschutzunterricht an Schulen und Kindergärten, wo Sie Kindern zeigen, wie man mit Tieren respektvoll umgeht.

Berliner Morgenpost: Was wird denn bei der Haltung besonders oft falsch gemacht?

Ulrike Pollack: Viele Halter berücksichtigen die Bedürfnisse ihrer Tiere nicht. Katzen zum Beispiel brauchen Kratzbäume, sonst schärfen sie ihre Krallen an den Möbeln. Hunde sind Rudeltiere und bleiben nicht gern allein. Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen oder Mäuse sind Gruppentiere, die müssen mindestens zu zweit gehalten werden.

Berliner Morgenpost: Im Handel ist man ja nicht immer gut beraten…

Ulrike Pollack: Der Tierschutzbund hat eine Liste mit tierschutzwidrigem Zubehör zusammengestellt, das aus den Läden verschwinden soll. Diese Empfehlungen werden vom Handel aber nicht in dem Maß berücksichtigt, wie wir uns das wünschen. Man darf nicht vergessen, dass mit dem Verkauf von Heimtierbedarf in Deutschland jährlich Millionen umgesetzt werden.

Berliner Morgenpost: Wo kaufe ich Haustiere?

Ulrike Pollack: Das Tierheim ist immer eine gute Anlaufstelle. Ansonsten Kaninchen oder Meerschweinchen bitte in der Zoohandlung und nicht im Baumarkt erwerben. Rassekatzen oder -hunde gibt es nur beim Züchter. Auf keinen Fall Hundewelpen vom Polenmarkt kaufen, viele tragen wegen der nicht artgerechten Haltung gefährliche Krankheiten in sich.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie davon, wenn Urlauber Straßenhunde aus Südeuropa adoptieren?

Ulrike Pollack: Wir werden das Problem nicht lösen, wenn wir die Tiere nach Deutschland holen. Das Tierheim Berlin unterstützt ein Projekt auf der Halbinsel Bodrum, wo in Zusammenarbeit mit türkischen Tierschützern ein Tierheim aufgebaut wird. Das halte ich für den richtigen Weg.

Berliner Morgenpost: Die Tierliebe hierzulande treibt oft bizarre Blüten. Hunde werden gebadet, mit Delikatesshäppchen gefüttert und mit Designer-Mäntelchen ausgestattet.

Ulrike Pollack: Wenn Tiere nicht mehr Tiere sein dürfen, macht sie das krank. Wirklich traurig aber ist die Ambivalenz in unserer Tierliebe, das Missverhältnis zwischen dem geliebten Haus- und dem nicht beachteten Nutztier. Wir geben Tausende von Euro für unsere Haustiere aus, aber die Massentierhaltung ist uns egal.