In den Dörfern Brandenburgs wird es immer stiller. Die Jungen ziehen der Arbeit hinterher, die Älteren bleiben zurück. Ohne Dorf­laden, ohne Arzt in der Nähe. Immer öfter gibt es nicht einmal mehr einen Gasthof im Ort. Es lohnt sich nicht für den Wirt.

Selbst die großen Städte Cottbus, Frankfurt (Oder) und Brandenburg/Havel verlieren weiterhin Einwohner. Viele drängen in den Speckgürtel um Berlin. Im Jahr 2030 wird dort – auf nur 15 Prozent der Landesfläche – die Hälfte der Bevölkerung leben. Die andere Hälfte verteilt sich auf die restlichen 85 Prozent. So die aktuellen Prognosen.

Doch die märkischen Städte und Dörfer fernab von Berlin wollen nicht aufgeben: Ideenreich kämpfen sie um jeden neuen Einwohner. In Brandenburg bekommen mittlerweile Ärzte einen Zuschuss, wenn sie sich da niederlassen, wo dringend ein Mediziner gebraucht wird. Künftig sollen auch Lehrer eine „Buschzulage“ bekommen.

Die Innenstadt stärken

Finsterwalde ist eine der Städte, die mit Prämien locken. Die Kleinstadt im äußersten Süden Brandenburgs hatte 1998 knapp 21.000 Einwohner, mittlerweile ist sie auf knapp 17.000 Einwohner geschrumpft. Und es soll weiter bergab gehen: Die Demoskopen sagen Finsterwalde im Jahr 2030 nur noch zwischen 13.000 und 14.800 Bewohner voraus. „Wir können den Trend wohl nicht stoppen, wollen aber wenigstens unsere Innenstadt stärken“, sagt der stellvertretende Bürgermeister Frank Zimmermann. Viele Wohnungen stehen leer, und auch immer mehr Läden hinter den ungeputzten Schaufenstern. Jeder, der in die Innenstadt zieht oder sich mit seinem Gewerbe niederlässt, bekommt seit Juni eine finanzielle Unterstützung. Aus einem 60.000-Euro-Verfügungsfonds.

Neubewohner können für Umzugskosten 50 Prozent Förderung bekommen, maximal 1000 Euro für den Antragsteller, für jede weitere Person im Haushalt gibt es 500 Euro und für Schwerbeschädigte noch einmal 500 Euro drauf. „Seit Juni wurde dreimal an Neu-Finsterwalder ausbezahlt, insgesamt knapp 3000 Euro“, sagt Uwe Brenner vom Cottbuser Sanierungsträger DSK. Wer einen Betrieb neu eröffnet, bekommt ebenfalls maximal 1000 Euro für seine Umzugskosten. Wer einen Laden aufwertet, kann auf bis zu 4000 Euro Zuschuss hoffen – für Umbau und energetische Maßnahmen. Quartierstärkung nennt sich das.

Land trägt eine „Mitschuld“

Das Geld bekommt aber nur derjenige, der aus einem anderen Ort in die Innenstadt, konkret in das Fördergebiet „Aktives Stadtzentrum“, zieht. „Wir wollen nicht Umzüge innerhalb der Stadt fördern“, sagt Vize-Bürgermeister Zimmermann. Finsterwalde gehört zu den Städten, die vom Land gefördert werden. Frank Zimmermann, der in der Verwaltung für den Bereich Stadtentwicklung zuständig ist, gibt der Landesregierung eine Mitschuld an der Misere. „Durch verfehlte Politik nach dem Fall der Mauer entstanden auf der grünen Wiese viel zu viele große Einkaufsmärkte. Sie haben die Innenstädte totgemacht“, sagt er. Er begrüßt, dass das Land „endlich umsteuert“. Immerhin sei es in den vergangenen zehn Jahren gelungen, den Wohnungs-Leerstand in der Innenstadt zu verringern. Er liegt laut Sanierungsträger mittlerweile bei knapp 20 Prozent, damit aber immer noch höher als im gesamten Stadtgebiet.

Der Nachbarort Massen zahlt Zuzüglern 5000 Euro, wenn sie dort ein Haus kaufen oder bauen. Vorausgesetzt, in der Familie leben kleine Kinder. „Wir konnten den Einwohnerschwund nicht stoppen, aber abmildern“, sagt der Bürgermeister des 2080-Einwohner-Dorfes, Lutz Modrow.

Bei der Willkommensagentur für Zuzügler und Rückkehrer in der Uckermark sieht man die Gefahr, dass sich die Gemeinden gegenseitig überbieten wollen. Die Vorsitzende des Vereins „Zuhause in Brandenburg e.V“, Ariane Böttcher, befürchtet: „Die Kommunen geraten mit solchen Angeboten in eine Überbietungsspirale.“ Ihre Agentur begleitet Rückkehrer und Zuzügler. Die Anlaufstelle in Templin hilft Fachkräften bei der Job- und Wohnungssuche. Auf ihrer Homepage www.leben-in-um.de veröffentlicht sie Stellenangebote. Bislang betreute das Team mehr als 300 Menschen. Über 100 Fachkräfte holte die Agentur damit in die Uckermark.

Die Landesregierung hat keine eigene Anlaufstelle für Rückkehrer eingerichtet. Sie setzt auf das 2012 gestartete Fachkräfteportal der Zukunftsagentur Brandenburg ZAB, das auch um Rückkehrer wirbt. 2014 wuchsen laut ZAB die Zugriffszahlen gegenüber 2013 um rund 30 Prozent auf 90.000. Pro Monat klicken derzeit etwa 11.000 Besucher das Portal an.

Nichts einzuwenden gegen Begrüßungsgeld und Premien

Der Städte- und Gemeindebund Brandenburg begrüßt das Engagement der Kommunen. „Es ist gut und vernünftig, dass sie sich etwas einfallen lassen“, sagt Geschäftsführer Karl-Ludwig Böttcher. Allerdings warnt er davor, etwa Bauland zu verschenken oder günstig abzugeben. „Davon würde das europäische Beihilferecht berührt“, sagt Böttcher. „Gegen Begrüßungsgeld oder andere Prämien ist nichts einzuwenden.“ Aber auch er warnt davor, dass „die Kommunen sich gegenseitig die Bewohner abjagen“. Der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes sieht in Flüchtlingen und Asylbewerbern, die in Deutschland bleiben dürfen, künftige Bewohner und Fachkräfte für Brandenburg.

Die Städte und Gemeinden wollen vor allem Ärzte und Lehrer zu sich locken. Sie helfen ihnen deshalb zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und die Krankenkassenverbände haben schon vor Jahren in Brandenburg gemeinsam ein Programm aufgelegt, mit dem sie Ärzte in unterversorgte oder von Unterversorgung bedrohte Regionen locken wollen. Ein Arzt bekommt dabei bis zu 50.000 Euro Anschubfinanzierung. Fernab von Berlin und Potsdam fehlen vor allem Hausärzte, Augen- und Kinderärzte.

Die Initiative zeigt Wirkung, auch wenn immer noch nicht genügend Ärzte bereit sind, auf ein Leben in der Großstadt zu verzichten und die weiten Wege zu Hausbesuchen auf dem Land auf sich zu nehmen. Ärzte, die frei werdende Praxen übernehmen oder in unterversorgten Regionen neu gründen, erhalten laut Kassenärztlicher Vereinigung bei der Übernahme 25.000 Euro und bei einer Praxis-Neugründung 20.000 Euro. Eröffnet der Mediziner eine Zweitpraxis, bekommt er 7500 Euro. „Zusammen mit den Fördermitteln aus dem Strukturfonds der KV kann ein Zuschuss von bis zu 50.000 Euro erteilt werden“, sagt Christian Wehry, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung.

„Buschzulage“ für Lehrer

Auch Lehrer sind knapp auf dem Land. Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD) plant daher, künftig eine „Buschzulage“ zu zahlen. Derzeit werde ein befristeter Bonus juristisch geprüft, sagte der Minister vor Kurzem in Potsdam. Denkbar seien etwa 300 Euro brutto monatlich für drei Jahre. Auch mehr Anreize für Schulleiter würden erwogen. Offenbar reicht es nicht, dass Brandenburg anders als Berlin mit der Verbeamtung jedes Lehrers lockt. „Wir sind noch im Abstimmungsverfahren, aber zuversichtlich“, sagt eine Sprecherin des Ministeriums. „Wenn alle Abstimmungen in Sack und Tüten sind, können wir die bis dahin nicht besetzten Stellen für Lehrkräfte neu ausschreiben – und zwar mit der Zulage.“