Sie kamen in der Nacht. Mit Gas wollten sie den Geldautomaten in Altdöbern (Oberspreewald-Lausitz) sprengen. Die Kraft war gewaltig: Durch die Explosion geriet das Gebäude mit dem Geldautomaten der Spreewaldbank in Brand. Das Feuer griff auch auf einen benachbarten Supermarkt in dem Einkaufszentrum über. Teile der Dachkonstruktion stürzten ein. Die bislang unbekannten Täter flüchteten ohne Beute, hinterließen aber einen Schaden in Millionenhöhe.

Nach diesem Überfall reichte es den Bankern. In den zwölf Filialen der Spreewaldbank wurden ihren Angaben zufolge in jüngster Zeit vier Angriffe auf Geldautomaten und ebenso viele Raubüberfälle verübt. Und keines dieser Verbrechen ist aufgeklärt worden.

Der Vorstand der Spreewaldbank eG schrieb daher in großer Sorge einen offenen Brief an den brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und seinen Innenminister Karl-Heinz Schröter (beide SPD). „Sehr geehrte Herren, in unserem Land Brandenburg ziehen Banden- und organisierte Kriminalität ein. Wir fühlen uns nicht mehr sicher.“ Die Filialen dürften nicht weiter ein Angriffsziel sein, so die besorgten Banker. In diesen Orten seien die Polizeistandorte schon vor langer Zeit aufgegeben worden. „Unsere betroffenen Mitarbeiter tragen noch Jahre nach den Überfällen Traumata mit sich“, beschreiben die Bankvorstände Doreen Hackenberg-Mathow und Sven Thamm in dem Brandbrief die möglichen Folgen. Ihr Appell: „Bitte verhindern Sie, dass die nächste Sprengung Menschenleben fordert.“ Zudem erreichten die Bank „nahezu wöchentlich Anzeigen von Internetkriminalität, Überweisungsbetrug oder von Diebstahl betroffener Kunden mit mehreren Tausend Euro Schaden“.

Fünf Vorfälle in diesem Jahr

Nach Informationen des Bundeskriminalamtes werden vor allem Automaten in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gesprengt. Die Ermittlungen richten sich unter anderem gegen mutmaßliche deutsche, niederländische, polnische, rumänische und Tatverdächtige mit libanesischer Abstammung. Die Banden bohrten die Geldautomaten auf, leiteten ein Gasgemisch ein und zünden es. Oder es werde Pyrotechnik eingesetzt.

In Brandenburg wurden in diesem Jahr nach Behördenangaben bislang fünf solcher Vorfälle registriert. Auffällig sei, dass sich Angriffe auf Geldautomaten und die „klassischen“ Raubüberfälle auf Banken gegenläufig entwickeln. Gab es in Brandenburg 2012 noch 20 Raubüberfälle, sank die Anzahl im Jahr 2014 auf fünf. Im selben Zeitraum erhöhten sich die Angriffe auf Geldautomaten von drei auf 13.

Die oppositionelle CDU im Landtag forderte Innenminister Schröter nach dem Brief zum Handeln auf. „Es scheint nur eine Frage der Zeit, dass durch das brutale Vorgehen Menschen ernsthaft verletzt werden“, warnt CDU-Fraktionschef Ingo Senftleben.

Inzwischen hat der in Zugzwang geratene Minister die Banker aus dem Spreewald zu einem Krisengespräch zu sich ins Büro nach Potsdam eingeladen. Mit dabei der amtierende Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke und Landeskriminaldirektor Roger Höpp­ner. Am Tisch saßen auch Vertreter des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken und des Ostdeutschen Bankenverbandes. Sie machten deutlich, dass sie sich mehr Unterstützung durch die Polizei wünschen. Die Behördenvertreter sehen allerdings auch die Banken stärker in der Pflicht, für mehr Sicherheit zu sorgen. So war nach Informationen der Berliner Morgenpost die häufig unzureichende Einstellung der Videokameras ein Thema. Erörtert wurde auch die Ausstattung der Geldkassetten mit Geldeinfärbesystemen –sogenannte Farbbomben – und die Ausrüstung der Automaten mit Gas-Neutralisationssystemen. Außerdem gebe es Systeme, die über Gas-Sensoren im Geldautomaten beim Einleiten von Substanzen einen stillen Alarm auslösen könnten. Diese Investition müssten die Banken aber selbst tätigen.

Automaten nachts schließen

„Ich kann nicht vor jeden Geldautomaten einen Polizisten stellen. Das wäre unrealistisch“, unterstrich der Minister. Es müsse gelingen, die Angriffsziele für kriminelle Banden und die Gelegenheiten zu reduzieren. Auch über eine Schließung von Geldautomaten während der Nachtstunden müsse nachgedacht werden, sagte Schröter. „Da muss man zwischen Sicherheit und Kundenservice abwägen. Es gibt nicht viele gute Gründe, warum man unbedingt nachts um drei Uhr noch Geld abheben muss.“

Die Banker gingen aber nicht ohne Hilfszusage. Die Ermittlungen zu Angriffen auf Geldautomaten in Brandenburg werden künftig bei der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Berlin-Brandenburg in Potsdam konzentriert. Zuvor lag die Zuständigkeit bei den einzelnen Polizeidirektionen. Außerdem ist eine Fachtagung geplant.