Die drei ersten Vögel erscheinen am leeren Himmel, als das Nachtdunkel weicht. Plötzlich sind sie da, schwarz am noch farblosen Herbstmorgen, ziehen sie schwingenschlagend vorüber, Vorboten einer Invasion.

"Tröt", trompeten zwei der Vögel, "fiep" antwortet der dritte. "Kranichjunge kommen erst spät in den Stimmbruch", kommentiert Gisela Schulz belustigt, als handele es sich bei den Vögeln, die in einigen Hundert Metern Entfernung dort droben vorbeiziehen, um nahe Verwandte. Die Rentnerin und ungefähr 20 weitere Vogelfreunde haben sich um kurz nach sechs Uhr an den Feldwegen rund um das brandenburgische Dorf Linum postiert, um Kraniche zu zählen. Ab Ende September machen sie das dienstags immer so, schon seit Jahren. "Es ist wichtig zu dokumentieren, wie viele es sind", sagt Gisela Schulz, die früher Lehrerin an einer Landwirtschaftsschule war. Damals, sagt sie, sei die Natur etwas gewesen, "was einfach da war. Heute muss man die Natur schützen, und dafür brauchen wir verlässliche Zahlen."

Wie zur Bestätigung schwillt hinter ihr ein Rauschen zum Lärm: der morgendliche Berufsverkehr auf der A24 nach Berlin. Auch wenn das Linumer Bruch vor allem als Name einer Autobahnraststätte bekannt sein dürfte - die eigentlichen Stammgäste hier sind Zugvögel. Naturschützer wie Gisela Schulz kämpfen seit Jahren darum, dass die Feuchtgebiete und Moore der Gegend unter Naturschutz gestellt werden.

Eine Flugroute führt über Linum

Bis zu 50 Millionen Zugvögel überqueren nach Schätzungen von Experten Deutschland pro Jahr. Die Graukraniche brechen Ende September in Skandinavien und Osteuropa ihre Sommerquartiere ab und teilen sich dann auf zwei Routen auf: Die eine führt über Ungarn, die andere weiter westlich über die deutschen und holländischen Küsten. Und über Linum. "Wenn der Wind gut steht, können die Kraniche dann von uns in einem Rutsch nach Südspanien oder Nordafrika fliegen", sagt Frau Schulz. Es klingt stolz.

Die Vogelfreunde sind Rentner, Naturschützer, Jäger, ein Zivildienstleistender und ABM-Kräfte vom Naturschutzbund Berlin (Nabu). Ein pensionierter Ingenieur aus Berlin ist auch dabei. Er misst, ob die Kraniche da sind, die einen Sender tragen. Seine Frau, ehemals Verwaltungsangestellte, erläutert, wie das funktioniert: "Den Vögeln wurde das Gerät in einem kleinen Rucksack über die Flügel gestreift. Es macht ihnen nichts aus. Sie putzen sogar die kleine Antenne, als sei sie eine Feder." Es klingt fast zärtlich.

Plötzlich spricht eine Stimme aus dem Dunkel. "Dürfen wir uns dazustellen?", fragt ein Mann. Die einheimischen Vogelzähler rücken gelassen zur Seite. Man kennt sich. Der Herr ist ein pensionierter Biologieprofessor aus Berlin, er hat Gäste mitgebracht, die aus ganz Deutschland angereist sind. Im andächtigem Tonfall eines Kirchenbesuchers erklärt er, wo die Kraniche schlafen: "Dort hinten auf den Feuchtwiesen bei den Linumer Teichen. Sie stehen im Schlaf mit den Beinen im Wasser." Und wo sie gleich hinfliegen werden: "Auf die Maisstoppelfelder in der Nähe der Autobahn."

Beobachter zählen die Vögel

Es ist kurz vor sieben. Die Vogelfreunde verstauen ihre Thermoskannen in ihren Autos, zücken Kulis und Klemmbretter und starren ins fahle Nichts. "Ich hab sechs", sagt Gisela Schulz. "Ich hab 20, nee, 40, jetzt 60", antwortet ihr Kollege Alfred Hundrieser, der durchs Fernglas in die entgegengesetzte Richtung schaut. "Mit etwas Übung kann man in 50er-Schritten zählen", sagt der 80-Jährige, der einst Chemieingenieur im nahen Stahlwerk Hennigsdorf war und jetzt mit der begeisterten Miene eines kleinen Jungen in den Himmel starrt. Dieser füllt sich zügig mit Linien und Haken und verrückten Mustern. Frau Schulz ruft begeistert: "Oh, ein schöner Doppelkeil!" "Keil" ist die Flugformation der Zugvögel. Die Luft vibriert vom Trompeten der Kraniche und dem Quaken der Wildgänse, die sich flatternd unter die fremden Schwärme mischen, aus aerodynamischen Gründen. Die Vogelzähler notieren bald dreistellige Ziffern.

Es ist Rekordtag in Linum. In zweieinhalb Stunden haben die Vogelfreunde weit mehr als 80.000 Kraniche gezählt, eingetragen im Zehn-Minuten-Takt auf Listen, jeweils von zwei Personen pro Sektor. Es sind gut 10.000 Vögel mehr als im vergangenen Jahr, als jemals hier. Nirgendwo sonst in Europa rasten inzwischen mehr Kraniche als im Rhinluch bei Linum, sagen zumindest die Vogelschützer des Naturschutzbundes Berlin und des Landesumweltamtes, die in Linum gleich zwei Naturschutzzentren betreiben: Der Nabu hat mit mehreren Mitarbeitern und ABM-Kräften in der ehemaligen LPG Quartier bezogen, das Umweltamt hat die historische Dorfschule aquiriert. Es scheint fast, als sei der Naturschutz die einzige Zukunft des kleinen Dorfes, das einst entstand, als Friedrich der Große die menschenleere Moorlandschaft entwässern und urbar machen ließ. Später vollendete die DDR das Werk - fast. Die Naturschützer haben die fast ausgestorbene Europäische Sumpfschildkröte wieder gezüchtet und diesen Sommer ausgewildert, sie zählen den seltenen Kammmolch, Kraniche, Gänse und anderes Getier. Der Förderverein Oberes Rhinluch setzt jeden Herbst Wiesen für Kraniche unter Wasser, hält Kontakt zu anderen Kranich-Rastplätzen und zu den Gästen, die immer zahlreicher anreisen.

Die Balz gilt als einer der schönsten Vogeltänze

Gegen zehn Uhr, während die Vogelzähler noch mit Listen und Taschenrechnern hantieren, haben schon mindestens 30 Autos und Wohnmobile an der Landstraße zwischen Linum und Kuhhorst geparkt. Die Maisstoppelfelder sind grau von pickenden und flatternden Kranichleibern. Am Rand stehen Menschengruppen. Sie starren gebannt durch Feldstecher, andere schrauben Spektive und Kameras auf Stative. Ein Fernsehteam dreht. Nabu-Mitarbeiter in grünem Fleece erklären den Leuten, was sie sehen. Sie weisen auf die Ringe an den Kranichbeinen hin, anhand derer der Vogelzug wissenschaftlich beobachtet wird. "Gestern war Schröder mal wieder da", sagt ein Vogelführer, aber die Gäste wirken wenig beeindruckt. Was ist schon ein Ex-Bundeskanzler angesichts dieses Naturschauspiels? Doch der ist gar nicht gemeint. "Schröder ist ein Kranich, der einen schwarz-rot-gelben Ring trägt", erläutert der Vogelfachmann. Es gebe auch einen Joschka, dem die Kranichforscher einen grünen Ring verpasst haben.

Die Natur hat den Kranich mit einer roten Kappe am Hinterkopf ausgestattet, einem edlen Streifen Weiß am Hals und einem grauen Maßanzug, der den schlanken Körper betont. Fünf elegante Fingerfedern und eine schwarze Schleppe schwingen bei jeder Bewegung wie eine Federboa. Die Balz des Kranichs gilt als einer der schönsten Vogeltänze, und selbst bei Gefahr reagiert die Kranichfamilie bemerkenswert: Ein Elternteil täuscht hinkend vor, leichte Beute zu sein, der andere bringt derweil den Nachwuchs in Sicherheit.

Birdwatching ist längst ein eigener Tourismuszweig

Vogelbeobachtung, auf Neudeutsch Birdwatching, ist längst ein eigener Tourismuszweig. Und Pensionen in Linum tragen fast alle Storch und Kranich im Namen - ursprünglich wurde das Dorf wegen seiner 15 Storchenpaare berühmt. So besuchen beispielsweise die Boddenlandschaft an der Ostsee, eines der berühmtesten Zugvogelgebiete Deutschlands, inzwischen rund 100.000 Besucher allein wegen des Kranichs. Doch im Gegensatz zu den steigenden Gästezahlen werden die Kraniche weniger. Am Rastplatz Pramort auf der Halbinsel Zingst wurden dieses Jahr 10.000 Vögel weniger gezählt als in der Vergangenheit. Naturschützer machen dafür eben jene Touristen verantwortlich, die wegen der Vögel kommen. "Neugierige rücken den Kranichen immer häufiger übers Wasser zu nahe, sie kommen per Paddelboot und sogar mit dem Kreuzfahrtschiff", klagt Siegfried Brosowski, Leiter des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. "Wir haben das Gefühl, dass die Kraniche sich inzwischen einen neuen Schlafplatz suchen."

In Linum geht mittlerweile dieselbe Angst um. "Zur Kranichsaison kommt bei uns inzwischen auf jeden Kranich ein Tourist", sagt Henrik Watzke, Leiter der "Storchenschmiede" des Nabu. Am Wochenende sei das kleine Straßendorf, es hat gerade mal 750 Einwohner, komplett zugeparkt. Der Nabu begegnet dem Ansturm mit Informationstafeln und geführten Exkursionen, auf Wunsch auch per Kleinbus ab Berlin. Watzke bittet um telefonische Anmeldung - und fleht fast darum, sich den scheuen Vögeln nicht auf mehr als 300 Metern zu nähern, auf den Wegen zu bleiben und die zahlreichen Beobachtungstürme zu nutzen.

Schreckschüsse gegen Kraniche im Getreidefeld

Während am Dienstagmorgen die Zählung voranschreitet, zieht eine fahle Herbstsonne auf - und es knallt. Dreimal donnert es im frisch ausgetriebenen Roggenfeld jenseits der Landstraße: "Automatische Schreckschussanlagen, die die Bauern installieren", kommentiert einer der ABM-Männer des Nabu. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem, die Kraniche mit humaneren Methoden davon abzuhalten, das Wintergetreide zu plündern. "Wir streuen zum Beispiel Ablenkfütterungen und treiben die Vögel vorsichtig auf die Stoppelfelder." Neben vogelverliebten Touristen sind es vor allem die Landwirte, die den Kranich stören.

Gegen Mittag stehen die Kranichbewunderer am Stoppelfeld dicht an dicht, sie kommen aus Düsseldorf, Halle oder Freiburg im Breisgau und vergleichen ihr Kranichwissen. Die Liebe des Menschen zum Kranich ist seit der Antike verbürgt, als man ihn zum Zeichen des Guten, Gerechten erklärte. In Friedrich Schillers Ballade spricht der Sänger Ibykus zu seinen Freunden, den Kranichen: "Zum guten Zeichen nehm ich euch, mein Los, es ist dem euren gleich ..."

Eine alte Dame ist aus Nordhessen gekommen. Allein. Sie habe die Kraniche im Fernsehen gesehen, da habe sie die Sehnsucht gepackt: Noch einmal nach Osten, Richtung Heimat. Sie sei im Warthebruch aufgewachsen, "eine ganz ähnliche Landschaft, die heute in Polen liegt". Auf der Fahrt sei das Auto kaputt gegangen, es musste abgeschleppt werden, erzählt sie, als sei dies die wahre Katastrophe ihres Lebens. Dann schaut sie glücklich in die Vogelschar: "Ich bin so froh, sie noch einmal zu sehen. Das hier ist meine Abschiedsreise."

Storchenschmiede Linum, Nauener Str. 54, 16833 Linum, Di.-Fr., 10-16 Uhr, Internet: www.berlin.nabu.de . Sa./So. 10-18 Uhr. Info und Anmeldung zur Kranich-Führung bis zum 9. November: Tel. 033922/ 50500