Unterm grauen Einwickelpapier schimmert der blau-weiße Strich – typisch für Hedwig Bollhagen. Der Pinselstrich, den sie mit ruhiger Hand akkurat über die Wölbung von Tassen und Kannen zog. Hunderte Stücke, geschaffen zur Zierde ebenso wie zum täglichen Gebrauch, die Bollhagen (1907–2001) vor Jahrzehnten in der ihr eigenen Art gestaltet hat, liegen eingemottet in Kisten und Kästen. Hervorgeholt werden sie frühestens in zwei Jahren. Dann soll der Nachlass einer der deutschlandweit bekanntesten Keramikerinnen in Velten ausgestellt werden. Die Stiftung Deutscher Denkmalschutz als Nachlassverwalterin und das Brandenburger Kulturministerium haben als öffentliche Adresse für Bollhagens Werk das Gelände der Ofenfabrik A. Schmidt, Lehmann und Co. GmbH in Velten auserkoren – in direkter Nachbarschaft zum dort ansässigen Ofen- und Keramik-Museum. Das soll um zwei Bauten ergänzt werden. Vor wenigen Tagen wurde der Grundstein für dieses Bollhagen-Museum gelegt.

1,4 Millionen Euro fließen im Rahmen des Kommunalen Kulturinvestitionsprogramms in das Projekt, davon 835.000 Euro aus Mitteln der Europäischen Union. 540.000 Euro kommen vom Landkreis Oberhavel, 13.000 Euro von der Kommune.

Potsdam war Wunsch-Standort

Velten war allerdings nicht die erste Wahl als Standort einer Dauerausstellung des künstlerischen Vermächtnisses der Bollhagen. 2004 als „bewegliches Denkmal“ in die Denkmalliste des Landes Brandenburg aufgenommen, herrschte jahrelang Uneinigkeit über das Wohin. Ganz oben auf der Wunschliste stand Potsdam. Anfang 2010 entschied sich die Stadt gegen ein Museum für die Keramikerin. Zu umstritten die NS-Verstrickungen der Künstlerin. Die soll 1934 unter fragwürdigen Umständen die Werkstatt der jüdischen Künstlerin und Bauhaus-Schülerin Margarethe Heymann-Loebenstein (1899-1990) im Dorf Marwitz übernommen haben. Bollhagen habe von der Arisierung des Vorgängerbetriebs stark profitiert, stellte das Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung fest.

Velten, nur zwei Kilometer von Marwitz entfernt, gibt sich pragmatischer. Hofft stattdessen auf eine Stärkung des Kulturstandorts und damit auf einen deutlichen Zuwachs an Touristen, wie Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) erklärt. Nicht anders der Förderverein des Ofen- und Keramikmuseums Velten, der den Nachlass künftig betreuen soll. „500 Objekte sind bereits im Bestand des Museums“, sagt Leiterin Nicole Seydewitz. Keramik, die teils aus Marwitzer Serienproduktion stammt. „Die ist bekannt und wird in ihrer ästhetischen Form sehr geschätzt“, sagt die 34-Jährige. „So manches Kaffeeservice steht bei der älteren Generation noch im Küchenschrank.“ Und: Im bundesweiten Ranking bekannter Keramikkünstlerinnen belege Hedwig Bollhagen den siebten Platz. „HB“, gebürtige Hannoveranerin, habe 67 Jahre in den Werkstätten gewirkt, sie sei längst ein Aushängeschild für das Kunsthandwerk in Brandenburg im vorigen Jahrhundert.

Sinkende Besucherzahlen im Keramikmuseum

Seydewitz denkt auch an die 10.000 bis 15.000 Besucher, die jährlich im Ofen- und Keramikmuseum Velten vorbeischauen. „Die Zahlen sind deutlich gesunken“, sagt sie. Der Grund: Die dortige Keramiksammlung – eines der Zugpferde – kann seit Monaten nicht präsentiert werden. Die Ausstellungsetage ist gesperrt. „Der Brandschutz muss nachgerüstet, die Sammlung außerdem neu konzipiert werden.“ Der Aufwand sei immens. Zeit, vor allem aber Geld sei bitter nötig. Nur Schritt für Schritt komme man bei der Umsetzung der Brandschutzbestimmungen voran. „Vor der Eröffnung des HB-Nachlasses werden wir die Sammlung nicht mehr zeigen können“, bedauert Seydewitz. Die Bollhagen-Dauerausstellung werde nicht vor 2015 zugänglich sein, schätzt sie. Der Umbau des dafür vorgesehenen ehemaligen Stallgebäudes auf dem Fabrikgelände, in dem zuletzt ein Lokal untergebracht war, sowie die Errichtung eines ergänzenden Neubaus sollen im Herbst 2014 abgeschlossen sein. Das Aufstellen des Nachlasses werde mehrere Monate dauern, immerhin seien es rund 1700 Objekte. „Kronleuchter, Plaketten, Baukeramikteile, Fliesentische, auch Plastiken, vielfach alles Originale“, so Seydewitz

Auch auf den museumspädagogischen Raum freut sich Seydewitz schon, vor allem aber auf das gemeinsame Foyer. Ofenmuseum und HB-Nachlass sollen über einen zentralen Kassenbereich betreten werden. Die 900 Quadratmeter Ausstellungsfläche, befinden sich im Obergeschoss der Fabrik. Die Besonderheit der 1872 gegründeten Ofenfabrik: „Hier wird noch produziert“, sagt Seydewitz. Den Handwerkern kann beim Brennen und Glasieren über die Schulter geschaut und das Ergebnis auch gekauft werden: sogar ein echter Bollhagen, ein runder Kachelofen in den von der Künstlerin bevorzugten Farbmustern weiß-blau oder grün-schwarz.

Ofen- und Kermamikmuseum Velten, Wilhelmstraße 32, 16727 Velten,

Di.–Fr. 11–17 Uhr; Sa., So. 13–17 Uhr,

Eintritt 3, ermäßigt 2,50 Euro, www.ofenmuseum-velten.de