Noch vor einem Jahr galt das Haus an der Scharnweberstraße 111 in Reinickendorf als Beispiel für eine gescheiterte Integration. Überbelegte Wohnungen, Konflikte zwischen den Alteingesessenen und den Roma-Familien, täglich Anzeigen, täglich Besuche des Gesundheitsamtes.

Das alles ist jetzt Geschichte. Zwölf Monate später zeigt Marian Zlatea auf seinen Namen am Briefkasten und sagt: „Ich bin jetzt hier zu Hause.“ Er gehört mit seinen sieben Kindern zu den Roma-Familien, die einen regulären Mietvertrag bekommen haben und sich im Rahmen eines Modellprojekts in die Nachbarschaft einbringen.

Am Wochenende haben Street-Art-Künstler und Bewohner gemeinsam die Fassaden bemalt: Damit ist aus der ehemals berüchtigten Hausnummer jetzt die sogenannte „Bunte 111“ geworden.

Der ersten Schritt zur Verbesserung der „bedrückenden Zustände“, wie sie Kerstin Kirsch von der Gewobag Mieterberatungsgesellschaft nennt, war der Ankauf des Hauses durch die kommunale Wohnungsbaugesellschaft. Alle Wohnungen wurden saniert und die Roma-Familien, die zuvor nur als Untermieter bekannt waren, wurden Hauptmieter.

Keine Fronten mehr zwischen Vorder- und Hinterhaus

Für die Alteingesessenen hieß es, Vorurteile abzubauen, für die Neumieter aus Rumänien, Verantwortung in der Nachbarschaft zu übernehmen. Hilfe bekamen beide Seiten von dem Verein Phinove, der Roma-Familien beim Start in Berlin begleitet und von der Beauftragten für Integration und Migration, Monika Lüke, unterstützt wird. Hilfe zur Selbsthilfe steht im Vordergrund. Dabei können Verein und Bewohner einen Gemeinschaftsraum im Haus nutzen.

Heute gäbe es keine Fronten mehr zwischen Vorder- und Hinterhaus, sagt Daniel Berger vom Verein Phinove. Auch die Unordnung gehöre der Vergangenheit an. „Der Hof ist immer gefegt“, sagt Berger. Am Wochenende war der Hof vor allem gut gefüllt. Zwei Tage lang haben die Mieter mit internationalen Street-Art-Künstlern die graubraunen Fassaden und die Wände in den Durchgängen verschönert.

Ein Team: Adi und seine Kumpel

Jetzt sind sie aufgefrischt mit bunten folkloristischen Motiven, Fantasiefiguren und Kinderzeichnungen. Das Schönste sei das Sprühen gewesen, erzählt Adi. Er zeigt die Herzen, Sterne und Kreise, die er mit „ein paar Kumpels“ aufgebracht hat. Der Zehnjährige spricht gut Deutsch und macht keinen Unterschied zwischen deutschen und rumänischen Kumpels. Sie gehören zu ihm und zu seinem Kiez, wie die Spiele im Hof und seine Schule. Später wolle er Polizist werden, erzählt er. „Kinder bauen Brücken“, sagt Integrationsbeauftragte Lüke zum Abschluss des Street-Art-Projekts am Montag. Wenn sie miteinander spielten, kämen auch die Eltern in Kontakt. Lüke schätzt, das etwa 20.000 Roma in Berlin leben. Sie seien damit die größte Einwanderungsgruppe in der Stadt. Sie sehe es als ihre Aufgabe an, Wohnungen für sie zu finden, damit sie teilhaben und „unsere Regeln des Zusammenlebens kennenlernen können“.

Das Modellprojekt geht weiter: Als nächstes wollen Bewohner mit Studenten der Landschaftsplanung den Hof neu gestalten. „Wir hoffen auf eine Signalwirkung“, sagt Uwe Brockhausen (SPD), Reinickendorfs Gesundheitsstadtrat. Die ging bereits von der Harzer Straße in Neukölln aus. Dort sah es anfangs wie in der Scharnweberstraße aus. Die katholische Aachender Siedlungsgesellschaft hat die Wohnungen saniert, heute leben dort etwa 90 Roma-Familien.