Die Mitarbeiter sind schwarz gekleidet. Das ist nicht nur Firmensitte, sondern auch symbolträchtig – denn es heißt Abschied nehmen. Lehmanns Buchhandlung im Haus Hardenberg im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf schließt im Juli 2013. Knapp zehn Jahre, nachdem das frühere Berliner Traditionsunternehmen Kiepert in denselben Räumen Pleite gegangen ist, gibt auch Nachmieter Lehmanns auf.
Die Entscheidung ist „uns nicht leichtgefallen“, schreibt Regionalleiter Jürgen Seidel in einem Informationsblatt an seine Kunden. Er führt als Grund „die „rückläufige Standortentwicklung“ an. Die Lage direkt neben der Technischen Universität mit ihren Zehntausenden von Studenten garantiert längst keine auskömmlichen Einnahmen mehr.
Die Studierenden, ihre Dozenten und Professoren beziehen ihre Informationen und teilen oder verwerten ihr Wissen mehr und mehr in digitaler Form. Das Buch, das gedruckte Wort überhaupt, wandelt sich von der Massenware zum Liebhaberobjekt.
Vor der Schließung stehen zahlreiche Veranstaltungen
Trotzdem sind für die nächsten Wochen in der Filiale im – übrigens unter Denkmalschutz stehenden – Haus Hardenberg noch zahlreiche Veranstaltungen angesetzt. So steht der kommende Samstag im Zeichen wissenschaftlicher Erlebnisse mit elektrischen Experimenten oder Mathematik für Höhlenmenschen. Am 29. Mai 2013 liest Hera Lind aus ihrem aktuellen Buch „Verwechseljahre“.
Angekündigt wird die Lesung auf Plakaten im Schaufenster mit der Zeile: „Das halbe Leben ist vorbei, höchste Zeit, endlich unvernünftig zu werden.“ Die drei Mitarbeiter, die hinter der Glasscheibe tätig sind, sehen so aus, als hätten sie den Großteil ihres Lebens noch vor sich. Ob sie unvernünftig werden, bleibt so offen wie die Frage, ob die Lehmanns Media GmbH sie in den drei übrigen Berliner Zweigstellen in Mitte an der Friedrichstraße 128 sowie am Charitéplatz 1 oder in Adlershof an der Rudower Chaussee 26 weiterbeschäftigt werden.
Die Angestellten wollen sich nicht äußern, Regionalleiter Seidel ist nicht im Dienst und der Marketingchef des in Deutschland und der Schweiz tätigen Unternehmens hat bis Montag keine Zeit, Fragen zu beantworten.
Fest steht: Am 10. Juni, vor den Sommerferien, beginnt der Anfang vom Ende mit, wie es in Seidels Kundeninformation heißt: „vielen Überraschungen, tollen Sonderangeboten und einem Reigen von Veranstaltungen“. Die Abschiedswoche werde Gayle Tufts mit „Danke und Goodbye“ eröffnen.
Erinnerungen an den Untergang des Traditionshauses Kiepert
Das erinnert an den Ausverkauf beim Vorgänger am 2. Dezember 2002. „Die Insolvenz war ein Trauma“, erinnert sich Regine Kiepert. Die 55-Jährige ist als einzige in ihrer Familie noch im Verkauf von Büchern tätig, und zwar einen Steinwurf von der Lehmanns-Filiale entfernt an der Hardenbergstraße 9A. Regine Kiepert führt seit 1979 das Unternehmen Schropp, dessen sechs Teilzeitkräfte auf Reiseliteratur, Karten und Globen spezialisiert sind, aber auch jedes andere Buch bestellen können – Fachbücher und Belletristik eingeschlossen. „Vielleicht sollten wir künftig darauf im Schaufenster hinweisen“, überlegt Kiepert nun, wo der Nachbar aufgibt.
Überleben durch Spezialisierung auf Reisen und Produkte zum Anfassen
Die Geschäftsfrau kennt die Lage, ist aber vom Wegfall universitärer Klientel nicht betroffen. Schropp bedient im Geschäftsgebiet Reisen ein überregionales Publikum und verfügt mit mehr als 80 verschiedenen Globen und den Wandkarten über Produkte, die Kunden nicht im Internet bestellen, sondern anfassen wollen, bevor sie kaufen.
Außer Spezialisten wie ihre Firma könnten sich derzeit noch kleine Kiezbuchhandlungen behaupten, die persönliche Empfehlungen für ihre Kunden abgeben und Veranstaltungen ausrichten. Was ihnen als Buchhändlern die Zukunft bringe, sei völlig offen. Ihr Prinzip, sagt Regine Kiepert, sei es, flexibel und sparsam zu sein, ein gutes Verhältnis zum Vermieter zu pflegen und immer wieder etwas neues anzubieten, „damit man nicht vergessen wird“.




