30.12.12

Alexanderplatz

Im Berlin Carré herrscht Endzeitstimmung

Die Hälfte der Geschäfte des Einkaufscenters steht bereits leer. Der Rest macht Ausverkauf. Künftig wird es keine kleinen Läden mehr geben.

Von Katrin Lange
Foto: Massimo Rodari

Optimistisch: Bianca Schäler, Inhaberin des Geschäfts „Ostpaket“, wird einen neuen Laden an der Spandauer Straße beziehen
Optimistisch: Bianca Schäler, Inhaberin des Geschäfts "Ostpaket", wird einen neuen Laden an der Spandauer Straße beziehen

Viel ist nicht mehr zu holen im Berlin Carré am Alexanderplatz. Mehr als die Hälfte der Geschäfte steht in dem Einkaufscenter an der Karl-Liebknecht-Straße – dort, wo einst die alte Markthalle war – bereits leer. Wer noch da ist, macht Ausverkauf oder sitzt auf gepackten Koffern.

Eigentlich sollte das Center zum Jahresende schließen, nun haben die Mieter eine Fristverlängerung bis Ende April bekommen. Dann soll das Haus komplett umgebaut werden. Noch ist unklar, wer danach einzieht. Nur so viel steht fest: "Nach dem Umbau wird es kein Einkaufscenter mehr sein", sagt Julia Paul vom Immobilienverwalter, der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM).

Endzeitstimmung herrschte schon kurz vor Weihnachten auf den beiden Etagen. Gleich am Eingang bot die Wohlthat'sche Buchhandlung Bildbände, Spiele und Kalender für die Hälfte des Preises an. Auch im Pfennigland war zu lesen: "Wir schließen am 24. Dezember." Gewürze, Isomatten, Geschenkpapier – alles musste raus. Der Laden hatte bereits Inventur gemacht, als die Verlängerung des Mietvertrages eintraf. Zu spät, um in vier Monaten noch einmal alle Produkte zu zählen.

Es ist ruhig geworden im Carré

Anders verhält es sich beim Schuster in der "Schuhmacherei". Er wird so lange bleiben, wie er kann. Ohnehin hätte es seit Jahren nur noch kurzfristige Mietverträge gegeben, erzählt ein Mitarbeiter, während er eine neue Gummisohle zurechtschneidet. Die Suche nach einem neuen Laden laufe bereits. Er mache sich keine Sorgen, neue Gewerberäume zu finden, sagt der junge Mann. Wichtig sei, in der Nähe der Kunden zu bleiben. Mit großer Begeisterung spricht er nicht über das Berlin Carré. Ja, Kaiser's, das Pfennigland und McDonald's hätten einige Kunden angezogen und auch zu ihm gebracht. Nun aber, wo so viele Läden leer stünden, sei es sehr ruhig geworden.

Nebenan, im "Antikmarkt", bereitet man sich auch auf den Auszug vor. Auf die Frage, wie lange noch, heißt es: "Fragen Sie die WBM, wir wissen nichts." Der Groll ist auch am Tresen vom "Bierbrunnen" zu spüren. "Seit eineinhalb Jahren wurden wir hingehalten", sagt die blonde Kellnerin. Sie kennt die Markthalle noch von früher, hatte selbst einen Stand in den langen Reihen. "So wünschen es sich die Leute wieder", sagt sie.

Kunden wollen alte Markthalle

Tatsächlich habe eine Umfrage ergeben, dass die Kunden die alte Markthalle am liebsten wiederhaben wollen, sagt Bianca Schäler, Inhaberin des Geschäfts "Ostpaket". Aber die werde es nicht mehr geben. Sie steht zwischen Bambina von Zetti, Pittiplatsch und Koivo-Duschbad und ist an diesem Morgen die einzige der Befragten, die optimistisch in die Zukunft blickt. Auch für sie ist Ende April Schluss.

Sie hat aber das Glück, dass ihr die WBM einen passenden Laden gleich um die Ecke an der Spandauer Straße 2 anbieten konnte. Sobald sie in die neuen Räume könne, werde sie dort einziehen, sagt die Geschäftsführerin. Bis zum Ende des Mietvertrages lasse sie aber den Laden im Berlin Carré offen. Bianca Schäler ist sich sicher, dass ihr Konzept auch in der Spandauer Straße eine Chance haben wird.

Das große Rätselraten um die weitere Nutzung des Einkaufscenters bringt eine Menge Gerüchte in Umlauf. Von einer Bank ist die Rede, einem Telefonanbieter. "Sie können schon einmal schreiben, dass es kein Autohaus wird", sagt Juliane Paul von der WBM. Mehr, als dass "großflächiger Einzelhandel" in das Haus komme, will sie aber nicht verraten. Und dass man den "Nahversorgungsauftrag" erfülle und es auch nach dem Umbau Lebensmittel gäbe. Man sei mit potenziellen Mietern in Verhandlungen, sagt die Immobilienkauffrau. Damit kann weiter spekuliert werden: Wird es ein großer Elektronikfachmarkt oder eine Textilkette?

Einkaufscenter wird komplett entkernt

Kein Geheimnis ist, dass der Bau entkernt wird. Alle eingebauten Glaswände, die die Läden teilen, kommen raus. Als einzige Mieter bleiben das Brauhaus und McDonald's – beide haben langfristige Mietverträge und müssen die Bauphase überstehen. "Sie werden aktiv in den Umbau einbezogen", sagt die Immobilienkauffrau. So sollen beide Mieter einen eigenen Eingang bekommen.

Mit einer Verkaufsfläche von 10.000 Quadratmetern sei das Einkaufscenter nicht wirtschaftlich zu betreiben gewesen, sagt Julia Paul. Für den Komplex hätte man täglich 24 Stunden lang einen Sicherheitsdienst vorhalten und Brandschutzbestimmungen einhalten müssen, was die Betriebskosten in die Höhe getrieben hätte. Auch der Verwaltungsaufwand für jeden einzelnen Laden sei bei dieser Größe nicht wirtschaftlich gewesen.

Bis die Lichter im Berlin Carré Ende April ausgehen, sind mehrere Läden für eine Zwischennutzung freigegeben. In einigen haben Künstler ihre Arbeiten ausgestellt, darunter Skulpturen und Bilder. Ein Zwischennutzer ist auch der Verein "DC Black Dogs", ein Sport- und Kulturverein, der mit dem Jobcenter zusammenarbeitet und erfolgreich Menschen in Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt vermittelt.

Der Verein hat in einem ehemaligen Schuhgeschäft einen "Artroom" eröffnet und veranstaltet dort auf einer Kleinkunstbühne Lesungen, Konzerte und Theater. "Wir sind glücklich, dass wir diese Räume nutzen können", sagt der Vereinsvorsitzende Frank Weber. Der Standort mit den guten Verkehrsanbindungen sei ideal. Am liebsten würde der Verein bleiben, doch auch er muss Ende April raus. "Es wird schwierig für uns als gemeinnützigen Verein, neue Räume zu finden", sagt Weber. Er hoffe, dass die WBM ihm helfen kann.

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