Polizei Berlin

Aufruhr um 13-Jährige: 250 Menschen demonstrieren in Marzahn

Spekulationen um eine vermeintliche Entführung führen zu erhitzten Debatten. Am Abend versammelten sich in Marzahn etwa 250 Menschen.

Etwa 250 Menschen  haben sich unangemeldet in der Jan-Petersen-Strasse in Marzahn versammelt

Etwa 250 Menschen haben sich unangemeldet in der Jan-Petersen-Strasse in Marzahn versammelt

Foto: DAVIDS/Boillot / DAVIDS

Ein 13 Jahre altes Mädchen aus Marzahn soll von mehreren Männern südländischen Aussehens entführt, für 30 Stunden festgehalten und vergewaltigt worden sein. Das erzählte sie ihren Eltern und der Polizei, wobei sie bei der Befragung von ihrer Ursprungsversion abgewichen sein soll. Die Faktenlage ist laut Polizei eindeutig: "Fakt ist – nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung", erklärte die Polizei in einer Mitteilung. Dennoch verbreitet sich die Geschichte im Internet tausendfach, wird zu Hetze gegen Ausländer in den sozialen Netzwerken und russischen Medien missbraucht. Vor allem geht es um den Vorwurf, die Polizei würde vertuschen.

Am Montagabend versammelten sich in der Jan-Petersen-Straße in Marzahn etwa 250 Menschen. Sie warfen der Polizei vor, den Fall zu vertuschen. Eine Demonstration oder Versammlung war nicht angemeldet, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. Beamte hatten mehrfach aufgefordert, dass aus der Gruppe ein Versammlungsleiter bestimmt werde, sagte ein Polizei-Sprecher der Morgenpost. Da dies nicht geschah, wurde ein Verstoß gegen das Versammlungsrecht geschrieben. Die Versammlung löste sich gegen 21 Uhr auf.

Was bekannt ist: Die Polizei bestätigt, dass das Kind vermisst gemeldet worden war und nach kurzer Zeit wieder auftauchte. Nach Angaben der Eltern war das Mädchen am 11. Januar auf dem Weg zur Schule in Mahlsdorf verschwunden. Mit Plakaten suchte die Familie nach dem Kind.

Den Eltern, ein deutsch-russisches Ehepaar, soll sie erzählt haben, sie sei von drei Unbekannten verschleppt und mehrfach vergewaltigt worden. So jedenfalls wird es gerüchteweise in den sozialen Netzwerken und auch von russischen Medien kolportiert.

Von der Polizei gibt es zu dem Fall nur knappe Aussagen. Ja, das zuständige Landeskriminalamt 125 ermittelt. Nach den Worten von Polizeisprecher Thomas Neuendorf gibt es "nach derzeitigem Ermittlungsstand weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung". Bei den Untersuchungen sei auch ein Mediziner eingeschaltet gewesen.

Zur Frage, wer die Vermisstenanzeige bei der Polizei gestellt habe, wollte die Polizei keine Angaben machen. Auch weitere Fragen nach den möglichen Hintergründen blieben unbeantwortet. Immer mit Hinweis auf den Opferschutz für die Minderjährige.

Verwandte erhebt Vorwurf bei NPD-Kundgebung

Bei einer Kundgebung der NPD Marzahn-Hellersdorf, die unter dem Motto "gegen sexuelle Gewalt" stand, wie ein im Netz kursierendes Video zeigt, spricht eine Frau, die sich als Cousine des Mädchens ausgibt, und erhebt den Vorwurf, dass der Fall totgeschwiegen werde. Das Mädchen sei von der Polizei drei Stunden lang allein verhört worden, so ein weiterer Vorwurf der Verwandten. Polizeisprecher Stefan Redlich sagte zu den Vorwürfen im Internet, die Polizei würde den Fall vertuschen: "Wir müssen diese Vorwürfe aushalten, wir werden nicht mehr sagen, weil an erster Stelle für uns der Schutz der Persönlichkeitsrechte des Kindes steht."


Auf die Frage, ob die Behörde gegen die Beschuldigungen der Cousine vorgehen will, sagte ein Sprecher: «Dass Verwandte Sachverhalte verdrehen oder andere Dinge glauben, ist für uns kein Anlass für ein Ermittlungsverfahren.» Ob es sich bei der Frau aus dem Video tatsächlich um die Cousine des Mädchens handelt, wurde aber nicht bestätigt.

Thema in der Morgenlage des Innensenators

Die heftige Debatte im Netz hat dafür gesorgt, dass in der Pressestelle der Berliner Polizei die Telefone nicht still stehen. Journalisten, insbesondere aus Russland, haben Anfragen gestellt. Der Fall war nach Informationen der Berliner Morgenpost Thema in der Morgenlage des Innensenators sowie des Verfassungsschutzes. Auf der Internetseite des Magazins Sputnik, das sich als Sprachrohr der russischsprachigen Diaspora in Berlin versteht, wird von einer Zusammenkunft von Vertretern der russischen Diaspora am 16. Januar in Marzahn berichtet. Und es wird die Familie mit Aussagen kolportiert, wonach die Polizei gar nicht nach den Verbrechern suchen wolle. Und: "Sie haben das Mädchen drei Stunden lang in Abwesenheit ihrer Eltern und der Sozialbehörde befragt." Darüber hinaus wird ein nicht namentlich genannter Einwohner von Marzahn mit dem Satz zitiert: "Sie vergewaltigen Mädchen, Kinder. Wenn es so ist, werden wir auf Gewalt mit Gewalt antworten. Anders geht es nicht."

Die Polizei versucht ihrerseits die Diskussion zu beruhigen und postet: "Das Interesse der Netzgemeinde an dem Fall eines 13-jährigen kurzfristig vermisst gemeldeten Mädchens aus Marzahn-Hellersdorf und die Umstände Ihrer Abwesenheit ist groß. Ja, es ist richtig – das Mädchen war kurzzeitig vermisst gemeldet und ist inzwischen wieder zurück. Uns ist bekannt, dass verschiedene Aussagen zu dem Sachverhalt in den sozialen Medien diskutiert werde. Fakt ist – nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung. Wir bitten ausdrücklich um Ihr Verständnis, dass wir nähere Angaben insbesondere zum Schutz der Persönlichkeit des Mädchens und Ihrer Familie nicht machen werden." Abschließend appellieren die Beamten des Facebook-Temas noch an " Ihren sensiblen Umgang mit dem Thema in den sozialen Netzwerken."

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