Bürgerprotest

Rauswurf mit 94 - Eigentümer kündigt Senioren-WG

Demenz WG. Käthe Wagner (Grauer Pulli), Klaus Pawletko mit ihren Mitbewohnern

Foto: Reto Klar

Demenz WG. Käthe Wagner (Grauer Pulli), Klaus Pawletko mit ihren Mitbewohnern

Eine WG dementer Senioren soll vor die Tür gesetzt werden - 70.000 Menschen protestieren im Internet. Der Fall könnte Schule machen.

Käthe, Rosemarie, Hildegard, Otto, Barbara und noch mal Barbara – allein die Vornamen erzählen schon, was an dieser Wohngemeinschaft im Steglitzer Süden so besonders ist: Die Bewohner sind alt. In der gemütlichen Küche in einer kleinen Fachwerkvilla sitzen Käthe W. und die anderen rund um einen großen WG-Tisch, manche haben einen Rollator neben sich stehen, einige ein großes Lätzchen vor dem Bauch, zwei Damen lachen und scherzen, Otto schläft. Auf der Anrichte spielt leise ein Radio. Es duftet nach Eintopf, "setzt euch Kinder, gleich wollen wir Essen", sagt Käthe. Sie ist mit 94 Jahren die Älteste hier, zumindest vermutet sie das. Die wenigsten am Tisch wissen noch, wie alt sie sind. Die Bewohner der Steglitzer Villa haben neben ihrem gemütlichen Gemeinschaftszuhause noch etwas gemeinsam: Die Diagnose Demenz.

Wohin, wenn das Gedächtnis schwindet, wenn man den Alltag allein nicht mehr bewältigen kann und auch die Verwandten überfordert sind? Eine Wohngemeinschaft wie diese sehen immer mehr Menschen als die beste Lösung, ob nun für die Eltern oder auch sich selbst, wenn es im Alter nicht mehr allein geht. 1996 wurde in Berlin die erste Senioren-WG Deutschlands gegründet. Heute sind gibt es allein in der Hauptstadt mehr als 600 solcher Gemeinschaften, davon rund 350 für Menschen mit Demenz.

Die WG in der Steglitzer Fachwerkvilla gibt es seit 2006, seitdem waren die acht Zimmer immer belegt. Doch im November könnte sich das ändern – denn der Vermieter hat der Wohngemeinschaft kurzfristig gekündigt. Käthe, Rosemarie und die anderen müssten dann sehr plötzlich umziehen. Wohin, weiß momentan niemand, denn solch einen Fall gab es bisher in Berlin nicht. Auch deshalb hat der Verein, der die Wohngemeinschaft begleitet und unterstützt, nun zu öffentlichem Protest aufgerufen.

Trotz Demenz ein würdevolles Leben als Wohngemeinschaft

"Kein Rauswurf der demenzkranken Käthe" – mit diesem wütenden Satz fordert der gemeinnützige Verein Freunde alter Menschen mit einer Internet-Petition die Rücknahme der Kündigung. Der Verein hat die Villa seit 2005 als Generalmieter übernommen, um die Zimmer an die betagten Bewohner einzeln weiterzuvermieten. Es ist ein verbreitetes Modell im selbstverwalteten Wohnen für pflegebedürftige Menschen. Von einem herkömmlichen Pflegeheim unterscheiden sich die WGs zum Beispiel dadurch, dass die Bewohner den Pflegedienst selbst auswählen können und dass sie einem festgelegten Tagesablauf folgen müssen. Der Verein ließ das Haus entsprechend umbauen. "Seit 2006 ist es ein Ort, an dem Menschen trotz ihrer demenziellen Erkrankung ein würdevolles und auch häufig fröhliches Leben als Wohngemeinschaft der besonderen Art leben", heißt es in der Petition.

Dass den Aufruf innerhalb weniger Tage rund 70.000 Menschen namentlich unterschrieben haben, zeigt, wie viele Menschen das Thema betrifft. "Auch ich habe eine demente Mutter", hat eine Unterzeichnerin als Kommentar hinterlassen, ein anderer: "Wir werden alle alt."

Wer bringt es übers Herz, demente Senioren auf die Straße zu setzen? Eigentümer des Hauses ist seit 2013 die Esplanaden Berlin Holding A/S mit Sitz in Dänemark, sagt der Geschäftsführer des Vereins Freunde alter Menschen, Klaus Pawletko. Hintergrund der Kündigung könne das Interesse sein, die Immobilie gewinnbringend zu entwickeln, vermutet er. Das zumindest hätten die Vertreter der Dänen bei Besuchen in diesem Frühjahr angedeutet. 2005, als der Verein das Haus anmietete, sah die Situation anders aus. Das Fachwerkhaus, das sich hinter einem unattraktiven 70er-Jahre-Bau verbirgt, habe ein ganzes Jahr leer gestanden. "Die damaligen Eigentümer waren froh, uns als Mieter gefunden zu haben", sagt Pawletko. "Jetzt will man uns offenbar loswerden."

Bis Ende Nonvember sollen alle gehen

Die Kündigung erreichte den Verein am 29. Juli dieses Jahres, mit Frist zum 31. Oktober. "Nur wegen eines Formfehlers konnte die Frist auf Ende November verlängert werden", sagt Pawletko. Er ist ratlos, wohin seine Untermieter dann ziehen sollen. Sieben Senioren sind es zurzeit, ein achtes Zimmer der WG steht nach einem Todesfall leer, es kann wegen der Kündigung nicht wieder vergeben werden. Zwar hat der Verein Freunde alter Menschen noch vier weitere Wohnungen für Senioren-WGs. "Aber die Zeiten, in denen man in Berlin mal eben noch eine Wohnung für sieben demente Menschen finden konnte, sind längst vorbei."

Käthe und die anderen betroffenen Bewohner wissen von der Kündigung bisher nichts. Nicht nur, weil sie ihre Mietverträge ja nicht selbst abschließen, sondern ihre Verwandten oder rechtliche Betreuer. Sondern weil niemand weiß, wie man den alten Menschen erklären soll, wie es nun weitergeht. Mit Demenzkranken im Vorfeld über eine solche Veränderung zu sprechen, sagt Klaus Pawletko, habe wenig Sinn. "Es würde sie nur beunruhigen, die Folgen wären nicht abzusehen."

Was für Außenstehende manchmal schwer zu verstehen ist: Gerade für Menschen ohne räumliche und zeitliche Orientierung ist ein verlässliches Umfeld besonders wichtig. Wenn das Gedächtnis schwindet, steigt die Angst, sich nicht zurechtzufinden. "Ein Leben mit Demenz muss man nicht gleichsetzen mit Leid und Angst, oft ist sogar das Gegenteil der Fall", sagt Klaus Pawletko, "aber das gilt nur, wenn die Menschen das Gefühl haben, in Sicherheit zu sein".

Der 60-Jährige hat darin viel Erfahrung. Als Soziologe und Gerontologe war er in den 90er-Jahren Pflegeheimberater des Berliner Senats. 1996 initiierte er die deutschlandweit erste WG für Senioren, damals noch gegen viele Bedenken und Widerstand. Finanziert werden kann diese Wohnform mit Hilfe der herkömmlichen Kranken- und Pflegeversicherungen, seit diese ihre Leistungen über das Budget-Prinzip gewähren. Heute bieten auch viele große Heimbetreiber Senioren-WGs an. Dass die Wohnform sich als Erfolgsmodell durchsetzte, ist auch Pawletkos Verdienst.

Doch nun sieht ausgerechnet er es gefährdet. Pawletko befürchtet, die Kündigung Schule machen könnte. Er vermutet, dass die Eigentümer den Generalmietvertrag deswegen so kurzfristig kündigten, weil sie ihn als Gewerbemietvertrag interpretieren, bei dem wesentlich kürzere Kündigungsfristen gelten als bei Verträgen für Wohnraum. Dies sei ein Problem, das viele Generalmieter von Seniorenwohngemeinschaften betreffe, sagt Pawletko. "Wir gehen jedoch davon aus, dass uns das Gebäude über einen Wohnmietvertrag vermietet wurde." Nur in diesem Fall gelten das Mietrecht samt Mieterschutz, der eine Kündigung nur unter ganz konkreten Bedingungen zulässt. Als sie den Vertrag 2005 aufsetzten hätten sie sich über diese Frage wenig Gedanken gemacht, sagt Pawletko. "Die damaligen Vermieter waren ja froh, uns zu haben." Der Wohnungsmarkt hat sich verändert.

Gewerbe- oder Wohnraum? Das muss nun das Gericht klären

Ob die Kündigung rechtens ist, muss nun das Amtsgericht Schöneberg entscheiden. Dort haben die Freunde alter Menschen Klage eingereicht, um feststellen zu lassen, dass Käthe und die anderen in dem Haus wohnen bleiben können, das sie inzwischen als Zuhause empfinden. Am Mittag bereiten dort zwei Helfer vom Pflegedienst das Essen zu, während die Alten am Tisch scherzen und lachen.

Das Gespräch dreht sich um die Kindheit. Um die Hühnerfarm, auf der Rosemarie aufgewachsen ist. "Im Krieg waren Hühner überlebenswichtig." Um das Haus, das Barbaras Vater trotz aller Entbehrungen baute. "Wir hatten immer viel Arbeit." Fast alle haben Erinnerungen an den Krieg, an Entbehrungen, Verluste. Das Foto eines gefallenen Vaters steht auf dem Esstisch neben einem Strauß Blumen. Alle lachen, als Käthe W. von ihrem aufregenden Leben als Fotografin und ihren Männern erzählt. "Ich war zweimal verheiratet. Oder dreimal? Ich weiß es nicht mehr." Einen Moment fühlt es sich an wie eine Familie, in der alle Sorgen Vergangenheit sind.

Selbst wenn das Gericht entscheiden sollte, dass Käthe & Co. raus müssen: "Wir werden die alten Menschen nicht auf die Straße setzen", kündigt Klaus Pawletko an. "Da müssten sie uns schon allesamt raustragen." Vorerst hofft er jedoch darauf, dass der Protest Erfolg haben wird. Zunächst wird sich auf Initiative der Grünen in der kommende Woche der Sozialausschuss des Bezirks Zehlendorf-Steglitz mit der gekündigten WG befassen.

Mut gibt dem Verein auch der Erfolg, den anderen Einrichtungen in ähnlichen Situationen hatten. An der Dominicusstraße in Schöneberg etwa sollte 2013 eine betreute Wohneinrichtung für 40 psychisch kranke Menschen ausziehen, weil das Gebäude höchstbietend verkauft werden sollte. Eigentümer war ausgerechnet der landeseigene Klinikkonzern Vivantes. Die Einrichtung blieb.

In Pankow besetzten wütende Senioren vor drei Jahren ihre eigene Freizeitstätte, um gegen deren Schließung zu protestieren. Auch in diesem Streit ging es letztlich um eine renovierungsbedürftige Villa, für die der öffentlichen Hand das Geld fehlte. Auch diesen Treff gibt es bis heute.

>>>Update: Kündigung für Berliner Demenz-WG vorerst ausgesetzt

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