Luxussanierung in Berlin

Die rebellischen Rentner vom Hansa-Ufer

Senioren in Moabit wollen Luxussanierung verhindern und bekommen Zuspruch im Netz. Unterstützt werden sie sogar vom Bundesjustizminister.

Protest der Senioren im Haus Hansa Ufer 5: Nun kam Bundesjustizminister Heiko Maas, zu besuch - auch in die Wohnung von Christa Kaes

Foto: Massimo R odari / Massimo Rodari

Protest der Senioren im Haus Hansa Ufer 5: Nun kam Bundesjustizminister Heiko Maas, zu besuch - auch in die Wohnung von Christa Kaes

Vor dem 70er-Jahre-Bau am Hansa-Ufer herrscht Almauftrieb. An der Hecke vor dem Haus ist ein Transparent angebracht: "Wir Senioren sollen raussaniert werden." Vor dem Eingang hat sich eine Gruppe Rentner neben einer Stellwand, mit einem gemalten Blumenstrauß postiert, umringt von Kamerateams und Fotografen. Die Senioren sind aufgeregt an diesem Montagnachmittag, aber ihre Gesichter strahlen auch eine gewisse Zufriedenheit aus. Immerhin haben sie lange für diesen Moment gekämpft: für den Besuch von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD).

Es passiert ja wirklich nicht alle Tage, dass sich so ein wichtiger Politiker die Zeit nimmt, ein Seniorenwohnhaus zu besuchen. Aber es handelt sich hier auch um ein besonderes Haus und vor allem um ganz besondere Bewohner. Eine von ihnen ist Christa Kaes. Die 84-Jährige erklärt, was los ist: "Wir haben Angst, dass wir unsere Wohnungen verlassen müssen, dass unsere Hausgemeinschaft auseinanderfällt, dass wir an den Rand der Stadt gedrängt werden." Darum hofft sie nun darauf, dass der Minister irgendetwas für sie tun kann.

"Kein Anlass zur Sorge"

65 Wohnungen gibt es in dem Haus, in der Hälfte wohnen ältere Menschen, viele sind über 80, die älteste Mieterin wird im September 98 Jahre alt. Eigentlich wollten sie nur ihre Ruhe haben, als sie in das ehemalige kommunale Seniorenwohnhaus einzogen. Die Wohnungen sind klein und auf die Bedürfnisse sowie den schmalen Geldbeutel der Rentner zugeschnitten. Die Rentner kennen sich hier alle, es gibt hier nicht die Anonymität anderer Mietshäuser. Die Bewohner treffen sich regelmäßig im Gemeinschaftsraum. Früher vor allem zum Plaudern und Singen.

Heute trifft man sich hauptsächlich zum Diskutieren, denn mit der Idylle ist es vorbei. Die Senioren haben Angst. 2007 hatte das Bezirksamt Mitte das Haus an den Investor Akelius verkauft. Das schwedische Immobilienunternehmen besitzt nach eigenen Angaben 21.000 Wohnungen in Deutschland, die Hälfte davon in Berlin. Mit dem Verkauf würde sich für die Senioren aber nichts ändern, versicherte das Bezirksamt Mitte damals in einem Schreiben an die Bewohner: "Wir können Ihnen versichern, dass der Bestandsschutz Ihrer Mietverträge gesetzlich geregelt ist, es besteht an dieser Stelle kein Anlass zu Sorge." Tatsächlich aber gab es in den Verträgen mit dem Investor keine Schutzklauseln für die Altmieter.

Mieterhöhung von 40 Prozent angekündigt

2014 kündigte Akelius an, er wolle das Haus grundsanieren: Neue Leitungen, neue Fenster, neue Fassade, neuer Eingangsbereich, der geliebte Gemeinschaftsraum sollte in die Waschküche ausweichen. Außerdem sollten Penthouse-Wohnungen und im Hof ein Neubau mit 24 Wohnungen entstehen. Mit der Sanierung war eine Mieterhöhung von 40 Prozent angekündigt, im Schnitt 200 Euro mehr pro Mieter.

Mit dem Ruhestand war es für die Bewohner schlagartig vorbei. Reparaturen klar, die müssten sein, und wenn die Wohnungen nach einem Wegzug nach und nach modernisiert werden, stört sie das auch nicht. Aber eine Luxussanierung wollten sie nicht. Und hinnehmen wollten sie das Ganze auch nicht. Mit den Rentnern kann man es ja machen – das gilt nicht am Hansa-Ufer 5. Es bildete sich eine Mieter-Initiative. Sie forderte das Bezirksamt auf, das Haus zurückzukaufen, sie schrieben in ihrer Not sogar Unternehmenschef Roger Akelius einen Brief und baten ihn um Einlenken. Doch stattdessen verteidigte dieser in seiner Antwort die Gentrifizierung: "Die Mieten im Zentrum Berlins haben sich in den letzten Jahren nahezu verdoppelt, gänzlich unabhängig von Akelius."

Mehr als 100.000 Menschen unterschreiben Onlinepetition

Aber die Mieter protestierten weiter und riefen eine Onlinepetition ins Leben. Mehr als 100.000 Menschen haben inzwischen bei der Plattform change.org unterschrieben – mehr als doppelt so viele wie bei der Rettungsaktion für den Erhalt des Karnevals der Kulturen. Und es zeigt, dass es hier nicht um einen Einzelfall geht. Die große Resonanz spiegelt die Angst so vieler Menschen in Berlin, aber auch in anderen Metropolen wider. Sogar Menschen in Toronto unterzeichneten die Petition.

Der Protest zeigte Wirkung: Das Land kaufte das Haus zwar nicht zurück, aber Mittes Sozialstadtrat Stephan von Dassel (Grüne) gab 2014 in einem Schreiben immerhin zu: "Das Vorgehen des Landes Berlin war zumindest naiv, wenn nicht sogar fahrlässig." Und Akelius ruderte nach wochenlangem Schweigen im Herbst 2014 zurück: Die Sanierung und der Dachausbau sollte um drei bis fünf Jahre verschoben werden. "Frühestens beginnen die Arbeiten 2017", so Ralf Spann, Prokurist bei der Akelius und Regionalleiter Ost. Weiter wurde zugesichert, dass die Mieterhöhung für Mieter, mit Härtefallregelung höchstens 20 Euro im Monat betragen soll.

Neubau versperrt Fenster

Am Neubau hält das Unternehmen aber fest und diese Bauarbeiten, die etwa zwei Jahre dauern sollen, können jederzeit beginnen. Deshalb halten auch die Bewohner an ihrem Protest fest. "Zwei Jahre Dreck und Lärm, für Bauarbeiten, von denen wir gar nichts haben, das wollen wir nicht", sagt die 81-jährige Gisela Junggebauer. Und nicht nur das: Durch den Neubau soll einigen Wohnungen das Tageslicht in der Küche genommen werden. Spann sagte dazu der Berliner Morgenpost: "Wenn es Beeinträchtigungen geben sollte, finden wir eine einvernehmliche Lösung." Die Mieter haben da Zweifel: "Angeboten hat man uns, dann neun Euro pro Monat von der Miete abzuziehen", erklärt Kaes. Das sei doch kein Angebot. In ihrer Not haben sich die Mieter also an den Bundesjustizminister gewandt, als dieser im Frühjahr bei einer Bürgersprechstunde in Kreuzberg war. Für Christa Kaes fast ein Heimspiel – sie ist aus dem Rheinland, er aus dem Saarland. Aus Sicht der Rentnerin sind sie also Nachbarn. Bei ihrem Besuch haben die Rentner den Minister auch zum Kaffee eingeladen.

Am Montag kam er dieser Einladung nun nach. Mit Handschlag begrüßt er die Rentner. Im Gemeinschaftsraum hört er sich geduldig die Nöte der Mieter an und bevor er sich das Haus zeigen lässt, schlägt er vor, Investor und Mieter sollten sich doch in Ruhe noch mal an einen Runden Tisch setzen. Das ist wohl leichter gesagt als getan. Denn als Spann bei der Runde zu Wort kommt, geraten die Rentner schnell in Aufruhr. Sie sind inzwischen sehr skeptisch. Die 84-jährige Annemarie Trebuth fragt Spann gar provokativ: "Wäre das mit der Verschiebung und der Rücknahme der Mieterhöhung eigentlich auch passiert, wenn wir nicht diesen Aufstand gemacht hätten?" Vielleicht erreichen sie ja noch mehr.

Zur Startseite