Gentrifizierung

Das Ende der berühmten Berliner Toleranz

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Sozialwissenschaftler Andrej Holm sieht Berlin im Wandel. Wo früher Menschen Brachen besiedelten und geduldet wurden, werden heute Häuser gebaut. Und immer mehr Menschen ziehen nach Lichtenberg.

Andrej Holm, Sozialwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, verfolgt seit Jahren die Veränderungen der Stadt. Er beobachtet ein Ende der berühmten Berliner Toleranz

Berliner Morgenpost: Herr Holm, aus dem Senator für Stadtentwicklung ist der neue Regierende Bürgermeister geworden. Nehmen wir mal an, Sie müssten Michael Müller beraten. Welches Thema würden Sie ganz oben auf seine Agenda setzen?

Andrej Holm: Er sollte die Idee der sozialen Stadtentwicklung ernst nehmen.

Macht Michael Müller das nicht? Er hat angekündigt, ein Förderprogramm mit deutlich mehr als 30 Millionen Euro zu verabschieden.

Bisher erleben wir vor allem eine Politik der Ankündigungen. Versprochen wird vieles: ambitionierte Neubauziele, die Stärkung der kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und ein Förderprogramm. Selbst wo Gesetze beschlossen wurden, wie bei den Ferienwohnungen, ändert sich in der Realität erst einmal wenig. Hinzu kommt, dass die Berliner Wohnungspolitik auch in den vergangenen Jahren mit dem ewig gleichen Kreis aus Immobilienverbänden und Wohnungsmarktexperten abgestimmt wurde. Da sollen nun also die Verantwortlichen der Misere vom Bock zum Gärtner gemacht werden.

Wer fehlt Ihrer Meinung nach in der Senatspolitik?

Die Initiativen, die die Wohnungsfrage überhaupt erst auf die politische Agenda gebracht haben. Die vielen kleinen hartnäckigen Protestinitiativen haben für Einzelaspekte der Wohnungsfrage konkrete Lösungsvorschläge erarbeitet. Bisher blieb das meiste ungehört, auch weil die Gruppen vereinzelt auftraten. Doch das kann sich ja ändern. Der Bürgerentscheid zum Tempelhofer Feld hat viele Gruppen zusammengebracht. Wenn die ihre Mobilisierungskraft erkennen, könnten sie die festgefahrenen Strukturen der Wohnungspolitik aufmischen.

Und was ist der Tipp an Michael Müller?

Ich würde mir wünschen, dass der Regierende Bürgermeister den Unmut vieler Mieter in der Stadt ernst nimmt. Beim Tempelhofer Feld zum Beispiel gab es sehr viel politische Arroganz. Die Gegner wurden als ewig Gestrige abgestempelt und als Störfaktor wahrgenommen. Mit dieser Mentalität kommt man nicht weiter. Michael Müller hat da vielleicht einen Vorteil: Er war – sehr viel stärker als Wowereit – in den letzten Jahren immer wieder gezwungen, sich mit Basisinitiativen auseinanderzusetzen. Lokalpolitik macht man nicht mit starken Figuren, sondern mit einer Haltung, die sich der Probleme der Stadt wirklich annimmt.

Sie sind ein Gegner der Gentrifizierung. Im Dezember hat der Künstler Blu aus Protest gegen den Luxusinvestorenboom sein Kunstwerk an einer Hauswand der Cuvry-Brache übermalen lassen. Die Kreativszene, hieß es, wende sich von der Stadt ab. Ist die Befürchtung übertrieben?

Bisher gab es ja fast eine symbiotische Entwicklung. Künstler nutzten Brachen, für die es keine konkreten Investitionspläne gab. Die Besitzer tolerierten es und hofften sogar auf eine symbolische Wertsteigerung. Zum Konflikt kommt es erst, wenn die Ertragsmöglichkeiten auf den Grundstücken so groß sind, dass die subkulturelle, hippe Zwischennutzung überflüssig wird. Das ist eine Geschichte, die sich in den vergangenen Jahren regelmäßig wiederholt hat. Am Tacheles-Gelände oder an bestimmten Grundstücken am Spreeufer. Berlin hatte in den vergangenen 25 Jahren eine relativ große Toleranz gegenüber unerlaubter Nutzung von Grundstücken und leeren Häusern.

Ist die Zeit der Toleranz vorbei?

Ja, leider. Man kann jetzt mit Grundstücken richtig Geld verdienen. Wurden die illegalen und semilegalen Nutzungen bisher als Bereicherung der Stadt angesehen, sind sie jetzt zum Störfaktor fürs Geldverdienen geworden.

Das ist doch eine gute Entwicklung für die Stadt.

Eine Stadt ist ein Konglomerat von sehr verschiedenen Leuten mit unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Interessen. Da lässt sich nicht sagen, ob irgend etwas gut für die Stadt ist. Für Grundstücksbesitzer ist es sicher gut, wenn ein teures Haus gebaut wird. Die Leute, die auf der Brache gewohnt haben, sehen das womöglich anders.

Sind Sie da sicher? Auch wenn häufiger von Berlins künstlerischer Favela geredet wurde, gab es immerhin jede Menge Müll und Kriminalität sowie mindestens einen Toten unter den Bewohnern der Cuvry-Brache. Kann es wünschenswert sein, dass Menschen unter diesen Verhältnissen leben?

Informelles Wohnen ist Teil der Berliner Realität geworden. Berlin kann der gesetzlichen Verpflichtung, jedem Bedürftigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, gar nicht nachkommen. Es gibt also viele Menschen, die sich informell Unterkünfte beschaffen müssen. Bleiben wir beim Beispiel Cuvry-Brache. Da wäre es mit einem minimalen Kostenaufwand möglich gewesen, Toiletten, Strom und Wasser zu legen und die unhaltbaren Zustände zu mildern.

Wenn wir nicht auf den Brachen bauen sollen, wo sollen wir denn dann neuen Wohnraum herbekommen?

Nicht wo, sondern was wie gebaut werden soll, wäre die richtige Frage. Im Moment sind fast die Hälfte der Neubauten Luxuswohnungen, die nur für eine verschwindende Minderheit überhaupt bezahlbar sind. Das ist kein Beitrag zur Wohnungsversorgung. Neue Wohnungen müssten zu Preisen zwischen fünf und acht Euro pro Quadratmeter angeboten werden, welcher private Investor könnte daran Interesse haben?

Im neuen Jahr werden Schätzungen zufolge 15.000 weitere Flüchtlinge nach Berlin kommen. Sollen die auch auf eine Brache ziehen?

Der Anspruch von Stadtgesellschaft müsste sein, alle bedürftigen Menschen mit Wohnungen zu versorgen. Aber das gelingt den Bezirken ja noch nicht mal bei offiziellen, den Wohnungsämtern gemeldeten Fällen.

Reden wir auch von den Menschen, die ohne wirtschaftliche Probleme nach Berlin ziehen. Mitte ist voll, der Hype um den Prenzlauer Berg ist vorbei. Werden die Neuberliner jetzt auch über den S-Bahnring hinaus wohnen wollen?

Nein. Wer nach Berlin zieht, will erst einmal ins Zentrum. Viele ziehen von da aus dann später in andere Gebiete der Stadt. Aber der Druck auf die Innenstadt wird bleiben, solange es Zuzüge gibt.

Woran liegt diese Fixierung auf die Innenstadt? Es ist auch in Friedrichshagen schön.

Aber das kennt man nicht, wenn man nach Berlin zieht. Darüber erfährt man auch kaum etwas. Schauen wir auf die Berichterstattung Berliner Tageszeitungen, etwa drei Viertel der Artikel beziehen sich auf Ereignisse innerhalb des S-Bahnrings. In überregionalen Publikationen ist der Innenstadtfokus noch ausgeprägter. Prenzlauer Berg, Neukölln, Kreuzberg – das sind die Orte, die man außerhalb Berlins kennt. Um den Reiz von Steglitz, Lichtenberg oder Köpenick zu entdecken, muss man in Berlin wohnen.

Lichtenberg hat Reize?

Ja. Viele werden gerade gezwungen, sie zu entdecken. Insbesondere aus Friedrichshain und Kreuzkölln zieht es viele junge Familien in den Osten, die sich andere Gegenden nicht leisten können. Sie suchen ihr Glück in dem Altbaubereich, der an Friedrichshain grenzt. Inzwischen gibt es sogar Baugruppen, die weiter im Inneren des Bezirks zwischen den Platten und Hochhäusern Grundstücke kaufen. Das hat weniger mit den Reizen Lichtenbergs zu tun als mit dem schlechten Image von Marzahn. Lichtenberg ist vor allem noch nicht Marzahn.

Ist das nicht auch die Realität? Die Statistik sagt, dass dort die meisten übergewichtigen Berliner und die meisten Hunde wohnen.

… und vermutlich die meisten Hooligans. Klingt alles ganz schrecklich, trotzdem zogen in den vergangenen Jahren mehr Haushalte nach Marzahn als von dort weg. Zum ersten Mal seit der Fertigstellung der Siedlungen wächst die Bevölkerung in Marzahn-Hellersdorf durch Zuwanderung. Allerdings sind es vor allem erzwungene Umzüge, weil in anderen Teilen der Stadt die leistbaren Wohnungen knapp werden.

Marzahn-Hellersdorf wird 2015 der spannendste Bezirk aus soziologischer Sicht?

Er wird einer der Bezirke sein, in denen sich die Veränderungen Berlins am deutlichsten niederschlagen. Gerade wer gezwungenermaßen dorthin zieht, wird erst einmal fremdeln. Und nicht jeder Zuzug wird von denen begrüßt, die schon da sind. Die aggressiven Proteste gegen Flüchtlinge geben einen Vorgeschmack auf das Konfliktpotenzial. Es ist ein Spiel mit offenem Ausgang.

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