Abschied nach 13 Jahren

Klaus Wowereit – Zur richtigen Zeit im Roten Rathaus

Seit 2001 hat Klaus Wowereit die Stadt Berlin regiert – eine lange Zeit. Jetzt bricht eine neue Zeit an. Eine persönliche Erinnerung an mehr als 13 Jahre mit dem Regierenden Bürgermeister.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

13 Jahre – eine lange Zeit. Ich kenne Klaus Wowereit schon lange, länger sogar als diese 13 Jahre. Damals im Jahr 1995, als er Mitglied im Abgeordnetenhaus wurde, begann ich gerade als landespolitische Korrespondentin und berichtete aus dem Hauptausschuss, wo Wowereit über das Geld der Stadt mitentschied, schrieb über die Sitzungen des Abgeordnetenhauses. Da laufen sich Journalisten und Politiker in der Lobby und im Casino, wo man den Kaffee trinkt, über den Weg.

Wowereit, der Neuankömmling im Abgeordnetenhaus, war – und ist es bis heute – ein Menschenfänger, einer, der gerne und schnell duzt, der die Nähe sucht – zu den Abgeordneten, zu den Journalisten, zu den Menschen, die ihn einmal wählen sollen. Dass er, der ehemalige Stadtrat, den nur die Tempelhofer kannten, so schnell Karriere machen würde, hätte 1995 niemand gedacht.

Wowereit wurde 1999 – nach einer Kampfabstimmung – Fraktionsvorsitzender der SPD, zwei Jahre später organisierte er damit dem damaligen SPD-Landesvorsitzenden Peter Strieder den Ausstieg aus der von ihm so ungeliebten großen Koalition. Die CDU-Spendenaffäre, der Bankenskandal, die Wut der Berliner auf den damaligen CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky – all dies trug dazu bei, dass Wowereit es an die Spitze der Stadt schaffte. Meine Kollegen und ich arbeiteten damals, im Jahr 2001, fast rund um die Uhr, so schnell entwickelte sich die Regierungskrise.

Wowereit war immer ansprechbar. Auch ich kam gut mit ihm klar. Dass er schwul war, wussten ein paar Journalisten. Einmal wollte er eine Rede bei den "Schwusos", der Arbeitsgemeinschaft Lesben und Schwule in der SPD, halten, wir fuhren hin, weil wir erwarteten, dass er sich zu seiner Homosexualität bekennen würde. "Was macht ihr denn hier?", feixte Wowereit, als er uns sah – und sagte nichts.

"Ich bin schwul – und das ist auch gut so"

Am 10. Juni 2001, in diesem hektischen Jahr, als Wowereit dann auf einem Parteitag zum SPD-Spitzenkandidaten gekürt werden sollte, machte am Morgen das Gerücht die Runde, eine Boulevardzeitung würde ihn outen. Ich hatte damals seine private Telefonnummer – wir sprachen am Vormittag, er habe, so erzählte Wowereit, auch davon gehört, aber noch nicht entschieden, was er später auf dem Parteitag tun werde. Wie er sich entschied, ist in die bundesdeutsche Geschichte eingegangen und machte Wowereit auf einen Schlag berühmt. "Ich bin schwul – und das ist auch gut so", rief er den Parteitagsdelegierten im Hotel Maritim zu.

Heute, 13 Jahre später, finden viele den Satz vielleicht völlig normal. Damals war das ein wirklich mutiger Schritt. Wowereit war der erste hochrangige deutsche Politiker, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Ich habe ihn für diesen Mut bewundert. Weil ich mit vielen homosexuellen Männern befreundet bin und weiß, was ein solcher Schritt bedeutet. Und weil Wowereit gar nicht wissen konnte, ob die Berliner seine Offenheit honorieren würden, ob sie ihn wählen, ob sie ihm vertrauen würden.

Regierender Partymeister

Der Mut zum Risiko hat sich, das wissen wir heute, gelohnt. Ich habe in den Jahren danach Wowereit viel erlebt, viel begleitet. Ich habe den Regierenden Partymeister beim Berliner Presseball, beim Bundespresseball und bei der Aids-Gala feiern sehen. Ich war im Auftrag der Zeitung einen ganzen Tag lang mit ihm beim Christopher Street Day unterwegs – von einem Parade-Wagen zum anderen, abends dann seine Rede, damals noch an der Siegessäule, und Party mit Alice Schwarzer und vielen anderen. Es war nicht nur, aber immer auch viel Party.

Das fiel nicht nur den Berlinern auf, das war in den vergangenen 13 Jahren auch häufig mein Thema, meine Kritik an seiner Arbeit. Auf einer Dienstreise nach Los Angeles, bei der Berliner Journalisten ihn begleiteten, kam es deshalb auch zum Streit. Wir, die Journalisten, berichteten nach Berlin, dass es bei dieser Dienstreise ganz schön viel Vergnügen – Treffen mit Thomas Gottschalk, der Filmszene, Arnold Schwarzenegger – und wenig Arbeit gab. Solche kritischen Texte ertrug Wowereit nur schwer, zum Schluss der Reise redeten seine Mitarbeiter nicht mehr und er kaum noch mit uns. Journalisten wurden nach dieser Reise nicht mehr mitgenommen – und so blieb vielen Berlinern verborgen, dass Wowereit bei seinen Auslandsreisen später viel für den Standort Berlin warb und weltweit Anerkennung genießt.

Wowereit hatte in den vergangenen 13 Jahren meist viel Spaß – er würde sagen "Freude" – an seinem Amt. Er kannte die Themen Berlins, doch mir fehlte bei ihm oft die Ernsthaftigkeit, die Nachhaltigkeit, eine Sache gut zu Ende zu bringen. Und so gab es bei aller Freundlich- und wowereitschen Schnoddrigkeit genug zu streiten. Über die Schulpolitik, die ihn nie wirklich interessierte, über die Wohnungsnot bis hin zum Flughafen BER.

Nach seiner Rücktrittsankündigung hat Wowereit kürzlich gesagt: "Ich war der Regierende Bürgermeister für die richtige Zeit." Nach dem Fall der Mauer, 1989, oder in den Aufbaujahren danach sei er wahrscheinlich nicht der Richtige gewesen, meinte Wowereit. Ein kluger Gedanke. Und nun sind 13 Jahre um, es bricht eine neue Zeit an. Mit einem neuen Regierenden Bürgermeister.

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