28.02.13

Baugesellschaften

Mit Asbest verseuchte Wohnungen verunsichern Mieter

In Zehntausenden landeseigenen Wohnungen in Berlin wurde Asbest verbaut. Es herrscht Uneinigkeit darüber, wie gefährlich das Material ist.

Von Brigitte Schmiemann
Foto: picture-alliance/ ZB

In einem Berliner Prozess wurde vor kurzem entschieden, dass Mieter ihre Miete im Schadensfall wegen kaputter Asbest-Bodenplatten um zehn Prozent mindern können
In einem Berliner Prozess wurde vor kurzem entschieden, dass Mieter ihre Miete im Schadensfall wegen kaputter Asbest-Bodenplatten um zehn Prozent mindern können

Der Senat will das Thema Asbest in Mietwohnungen ernst nehmen. Das versicherte am Mittwoch Stadtentwicklungssenator Michael Müller im Abgeordnetenhaus: "Es geht um die mögliche Gesundheitsgefährdung von Mietern. Das Kostenargument ist beachtenswert, aber im Vordergrund muss der Gesundheitsschutz stehen."

Nach dreistündiger Anhörung von Fachleuten und Vertretern der städtischen und privaten Wohnungswirtschaft kündigte Müller (SPD) zudem an, dass sich seine Verwaltung demnächst auch genau anschauen werde, wie die städtischen Wohnungsbaugesellschaften ihre Mieter über das Thema informierten.

Außerdem soll auch geprüft werden, welche Firmen im Schadensfall mit der Entsorgung von gebrochenen Asbestplatten beauftragt werden und wie die Nachkontrolle aussieht. "Wenn Aufgaben nicht ordentlich erledigt werden, muss das sanktioniert werden", sagte Müller.

Und weil die privaten Wohnungsvermieter ebenfalls tätig werden sollen, lädt der Stadtentwicklungssenator demnächst zu einer Fachrunde ein, die eine andere Behörde, das Landesamt für Gesundheit und technische Sicherheit, bereits Mitte vergangenen Jahres angekündigt hatte. Die Verwaltungen der Ressorts Gesundheit, Arbeit und Stadtentwicklung müssten hier zusammenarbeiten, forderte Müller.

"Zugelassener Baustoff"

Nach Schätzungen des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), in dem auch die städtischen Wohnungsbaugesellschaften Mitglied sind, könnte in rund 48.000 städtischen Wohnungen Asbest verbaut sein. BBU-Experte Siegfried Rehberg warnte allerdings davor, Panik zu verbreiten. Dass eine tödliche Gefahr von dem Material Asbest ausgehe, sei "eine Mär". Es werde ein Problem vorgetäuscht, dass so nicht existiere.

"Asbest ist ein hervorragendes Material", sagte Rehberg. Und Vinylasbestplatten seien ein in Wohnungen zugelassener Baustoff, betonte er. Solange sie unbeschädigt seien, stellten sie keine Gesundheitsgefahr dar. Faserkonzentrationen nach Abschluss von Sanierungsarbeiten unterhalb von 500 Fasern pro Kubikmeter Luft seien keine bedenklichen Werte. Die Gefahr, die von einer zerplatzten Leuchtstofflampe ausgehe, sei mit Sicherheit höher als bei fest gebundenen Asbest-Baustoffen wie in den Bodenplatten.

Das sah Rechtsanwalt Sven Leistikow allerdings anders. Er hat für eine Familie zwei bemerkenswerte Urteile erstritten. Es gehe gar nicht darum, mit wie vielen Fasern die Luft belastet sei, sagte Leistikow. Auch das Landgericht Berlin, das einer Familie im Klausenerplatz-Kiez das Recht auf Schadensersatzleistungen bei der Erkrankung eines der drei Kinder für die Zukunft zubilligte, habe anerkannt, dass bereits eine Faser für eine Tod bringende Erkrankung ausreiche. In einem weiteren Prozess hatte Leistikow erwirkt, dass Mieter ihre Miete im Schadensfall wegen kaputter Asbest-Bodenplatten um zehn Prozent mindern können.

14.000 Gewobag-Wohnungen sind durch Asbest belastet

Die Gewobag hat als einzige der sechs Berliner Wohnungsbaugesellschaft bislang ihre Mieter mit einem Schreiben über das Problem informiert. Verlegte Asbest-Platten dürften beispielsweise nicht angebohrt oder anders beschädigt werden, damit keine Fasern austreten können. Auch die Gewobag steht allerdings in der Kritik, im Schadensfall nicht schnell genug und nicht gründlich genug reagiert zu haben.

Beispielsweise berichten Betroffene aus dem Kiez am Mehringplatz von Fällen, in denen Mieter seit Jahren mit asbesthaltigen sogenannten Floor-Flex-Bodenfliesen, die zum Teil beschädigt oder lose sind, leben müssen. Einer Neu-Mieterin am Mehringplatz 21 sei sogar angeboten worden, solch einen belasteten Boden selbst zu erneuern und dafür zwei Monate mietfrei wohnen zu können.

Dieser Fall war Gewobag-Vorstandsmitglied Hendrik Jellema nicht bekannt, wie er in der Anhörung im Abgeordnetenhaus sagte. Die Gewobag habe aber als einzige der städtischen Gesellschaften inzwischen alle Mieter ihrer 54.000 eigenen Wohnungen informiert und aufgeklärt. Schätzungsweise 14.000 Gewobag-Wohnungen seien durch Asbest belastet, rechnete Vorstandsmitglied Jellema vor.

Pro Jahr würden rund 1400 Wohnungen angesehen, immer dann, wenn eine Wohnung wegen Umzugs frei werde. Viele der dort in der Kritik stehenden verlegten Platten seien unbeschädigt. "Dennoch wird Asbest ein großes Thema bleiben. Wir wollen auch eine Prozesskette aufbauen, bei der ganz klar ist, wie gehandelt werden muss, wenn uns ein Mieter etwas meldet, und wir planen auch ein Kataster, in dem wir notieren, wann wo was gemacht wurde", kündigte Jellema an. Rund 110 Euro pro Quadratmeter inklusive des neuen Bodens koste die Sanierung.

Mieter erwarten Hilfe

Betroffene Mieter verfolgten die Argumente kritisch – und auch, wie sich die Parteien zum Thema äußerten. "An ihren Taten werden wir sie messen. Die meisten haben ja versucht, das Problem herunterzuspielen. Aber es war ein Anfang", findet Margit Boé, die besonders von den Vermietern der städtischen Gesellschaften erwartet, "das Geld für dringend nötige Sanierungsarbeiten nicht auf dem Rücken der Bürger zu sparen".

Es sei spürbar, dass die Wohnungsbaugesellschaften durch die Gerichtsurteile und Medienberichte jetzt mehr täten. "Sie fühlen sich unter Druck. Schließlich dürfen Mieter ihre Miete um zehn Prozent mindern, auch wenn nur eine Asbest-Platte in ihrer Wohnung kaputt ist", sagte Gerhard Eichmann, der in der Beratungsstelle "Nollzie" an der Nollendorfstraße 38 Betroffene berät.

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