11.11.12

Gift im Boden

Asbest-Gefahr in 53.000 Berliner Wohnungen der Gewobag

Tausende Berliner haben von ihrer Wohnungsbaugesellschaft Warnschreiben erhalten. Die Bodenbeläge könnten Krebs verursachen.

Von Brigitte Schmiemann
Foto: picture alliance / OKAPIA KG

Wenn Asbestplatten kaputt sind und zerbröseln, erhöht sich die Gefahr, dass sich Asbestfasern freisetzen, eingeatmet werden – und Krebs erregen
Wenn Asbestplatten kaputt sind und zerbröseln, erhöht sich die Gefahr, dass sich Asbestfasern freisetzen, eingeatmet werden – und Krebs erregen

Die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gewobag warnt ihre Mieter vor Asbest in Bodenbelägen. In den vergangenen Wochen wurden Tausende Schreiben verschickt, in denen darauf hingewiesen wurde, dass die Böden auf keinen Fall entfernt oder bearbeitet werden dürfen. Nur Fachfirmen können die asbesthaltigen Beläge ordnungsgemäß entfernen.

Vinyl-Asbest-Platten, auch Floor-Flex-Platten genannt, waren in den 50er- bis 70er-Jahren ein häufig verbauter Bodenbelag. Optisch ist er nur schwer von Linoleum oder heute gängigen PVC-Bodenbelägen zu unterscheiden. Solange Asbestplatten unversehrt sind, stellen sie keine Gefahr dar. Doch wenn sie kaputt sind und zerbröseln, erhöht sich die Gefahr, dass sich Asbestfasern freisetzen, eingeatmet werden – und Krebs erregen.

Jetzt hat die Gewobag angefangen, ein Kataster anzulegen und Informationsschreiben über eine mögliche Asbestgefahr in den Wohnungen in den Briefkästen verteilt. Bis zum Jahresende sollen 50 Prozent aller 53.000 Mietwohnungen informiert werden, die restlichen im Januar und Februar. Doch wie viele Wohnungen wirklich betroffen sind, darüber herrscht weitgehend Ungewissheit.

Asbest in Wohnungen ist ein Thema, das Mieter verunsichert. Sie fordern deshalb Aufklärung und wollen wissen, ob der faserartige Mineralstoff auch in ihrem Zuhause verwendet wurde – in Fußbodenplatten, Rohren, Balkonverkleidungen oder anderen Bauteilen.

Als im Bezirk Tempelhof-Schöneberg eine Mieterin dem Bezirksamt gegenüber die Vermutung äußerte, dass asbesthaltige Baustoffe in den Gebäuden an der Nollendorfstraße 38–42 verbaut sein könnten, hakte Sibyll Klotz (Grüne), Stadträtin für Stadtentwicklung, nach beim Vermieter – der Gewobag, denn in den Bauakten der Häuser fand sich kein Hinweis. Bereits im Jahr 2000 verlangten die Grünen im Abgeordnetenhaus Aufklärung darüber, in wie vielen der landeseigenen Wohnungen in Berlin asbesthaltige Flexplatten liegen.

Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften nannten damals 63.000 Wohnungen. Das ist zwölf Jahre her. Eine aktuelle Übersicht, was bis jetzt geschehen ist, gibt es immer noch nicht. Viele Wohnungen wurden inzwischen grundsaniert. Doch weder bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung noch bei städtischen Wohnungsbaugesellschaften gibt es Zahlen.

Die Gesobau, die im Jahr 2000 immerhin 12.700 Wohnungen als belastet meldete, teilt heute nur mit: "In der Tat kann es baualtersbedingt vorkommen, dass in Bodenplatten und anderen Bauteilen der 50er- bis 70er-Jahre-Bauten Schadstoffe wie Asbest vorkommen.

Die Gesobau tauscht deshalb im Zuge von Modernisierungen alle solche Böden und sonstigen Teile aus, die durch Beprobungen schadstoffpositiv gestestet wurden. In bewohnten Wohnungen halten wir die notwendigen Eingriffe während der Modernisierung so gering wie möglich." Für solche Teile der bewohnten Wohnung, etwa des Wohnzimmerbodens, an denen nicht standardmäßig gearbeitet werde, sei das Unternehmen bei Beschädigungen auf die Information der Mieter angewiesen.

Nollendorf-Kiez aktiv

Vor allem Gewobag-Mieter im Nollendorf-Kiez wollten sich diesen Umgang mit Asbest nicht mehr gefallen lassen. Seitdem Mieter Rudolf Jost beispielsweise vor sechs Jahren wegen eines Wasserschadens durch eigene beauftragte Untersuchungen herausfand, dass auch in seiner Wohnung an der Nollendorfstraße Asbestplatten liegen, engagiert er sich zusammen mit Nachbarn für das Thema.

Er sagt: "Nach unseren Erfahrungen ist das Asbest-Problem den Vermietern schon jahrzehntelang bekannt, aber es wird verschleiert, von den Politikern genauso wie von den Wohnungsbaugesellschaften." Schließlich bestehe das Problem auch bei den privaten Hauseigentümern. Als eine Baufirma ohne Schutzmaßnahmen die Böden rausriss, zeigte der Mieter die Firma an.

Gerhard Eichmann vom Verein Berliner Mietergemeinschaft, der im Mieterladen "Nollzie" an der Nollendorfstraße 38 Mieter berät, weiß ebenfalls seit Jahrzehnten um das Asbest-Problem: "Es ist kein vereinzeltes Problem, und es geht vor allem auch um die fachgerechte Beseitigung."

Dazu müsse in jedem Fall das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (LAGetSi) eingeschaltet werden. Bei Asbest in Wohnungen dürfe auf keinen Fall selbst saniert werden. Es müssten Luftschleusen gebaut werden.

Die Wände müssten nach der Asbest-Entfernung mit Industrie-Staubsaugern abgesaugt werden, der Asbest von einer Fachfirma entsorgt werden. Eichmann geht davon aus, dass sich Asbest in Tausenden Berliner Wohnungen befindet – auch Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre ist er laut Eichmann noch "massenweise verbaut worden".

Beispielsweise auch in Altbauten wie im beliebten Chamissokiez in Kreuzberg oder am Klausenerplatz in Charlottenburg. "Wenn die Dielen nicht mehr in Ordnung waren, wurden oft Spanplatten darüber gelegt, auf die dann asbesthaltige Fliesen mit einem Kleber verlegt wurden."

Bohren verboten

Aber nicht nur in Fußbodenbelägen versteckt sich das Material, das gesundheitsgefährdend sein kann, sobald es beispielsweise durch Bohren oder Sägen beschädigt wird. "Wir wissen nicht, was hinter Heizkörpern und Fensterbänken ist. Deshalb fordert die Mieterinitiative ein Kataster, in dem aufgelistet wird, welche Materialien in den Häusern überhaupt verbaut wurden", berichtet Eichmann, der seit 30 Jahren Mieter berät. Er bemängelt, dass beim Umgang mit Asbest es immer noch an der nötigen Sensibilität fehle, die aber angesichts der massiven Gesundheitsgefährdung dringend erforderlich sei.

Stadträtin Sibyll Klotz hat sich auch bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für ein konsequentes Offenlegen der Asbestmaterialien in Wohnungen eingesetzt.

Jedoch nicht nur die städtischen, auch die privaten Eigentümer seien in der Pflicht. Da habe weder der Bezirk noch der Senat Einblick. Der Eigentümer müsse die Mieter informieren, fordert sie. "Man muss aufpassen, dass keine Hysterie erzeugt wird. Aber auch das Abwiegeln muss endlich aufhören", so Klotz.

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