02.12.12

Familien

Elterngeld-Rückstand - Berliner müssen Schulden machen

Seit Monaten warten in Berlin tausende Mütter und Väter auf die Bearbeitung ihrer Anträge. Nicht wenige trifft es gerade vor Weihnachten.

Von Andreas Gandzior
Foto: Reto Klar

Warten auf das Geld: Carolin Schumann, Lennart Hehn und Sohn Aljoscha
Warten auf das Geld: Carolin Schumann, Lennart Hehn und Sohn Aljoscha

Seit Monaten warten viele Berliner Familien auf ihr Elterngeld. Die Anträge von Tausenden junger Mütter und Väter bleiben liegen, weil die Behörden zu wenig Personal haben, um die Anträge zu bearbeiten. Wegen der ausbleibenden Zahlungen rutschen jetzt zahlreiche Familien in die Schuldenfalle. Und es gibt wenig Hoffnung, dass sich dieser Zustand schnell ändern wird. Nicht wenige der betroffenen Familien werden auch vor Weihnachten kein Geld vom Amt erhalten.

"Dann wird Weihnachten für uns dieses Jahr wohl ausfallen", sagen Carolin Schumann (26) und Lennart Hehn (27). "Da kann man richtig wütend werden." Das berufstätige Paar aus Wilmersdorf – Carolin Schumann arbeitet fest angestellt im öffentlichen Dienst, Lennart Hehn als Filialleiter in der Gastronomie – wartet, wie berichtet, seit rund zweieinhalb Monaten auf das Elterngeld, das ihnen zusteht. Es beträgt zwischen 300 und 1800 Euro im Monat, je nach Durchschnittseinkommen der vorangegangenen zwölf Monate. Ihr Sohn Aljoscha ist jetzt 19 Wochen alt, aber von der Elterngeldstelle in Charlottenburg-Wilmersdorf erhalten die Eltern bislang nur Erklärungen, warum das Geld noch nicht überwiesen wird. "Wir hatten geplant, meine Großmutter, also die Urgroßmutter von Aljoscha, an den Weihnachtsfeiertagen in Baden-Württemberg zu besuchen", sagt Carolin Schumann. "Die Fahrt werden wir absagen."

850 Mütter oder Väter warten auf Geld

Mitte Juli ist Aljoscha zur Welt gekommen. Acht Wochen erhielt die Familie Geld von der Krankenkasse. Gleich im Anschluss sollten die Zahlungen vom Bezirksamt folgen. "Uns wurde in einem Brief von der Elterngeldstelle am 11. September mitgeteilt, dass unser Antrag eingegangen ist", sagt Hehn. Wir müssten uns in den kommenden zwölf Wochen nicht melden und mögen doch bitte von Anrufen absehen, hieß es in dem Brief weiter. Aber das Paar aus Wilmersdorf ließ nicht locker. Schickte E-Mails an die Elterngeldstelle und an den Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). In der Antwort eines Mitarbeiters des Bezirksamtes vor wenigen Tagen heißt es: "Er (der Bezirksbürgermeister, die Red.) bedauert die Lage, in der Sie sich befinden sehr, muss aber darauf hinweisen, dass seine Möglichkeiten als Bezirksbürgermeister und zugleich Leiter der Abteilung Personal und Finanzen, für zusätzliches Personal zu sorgen, sehr begrenzt sind." Dem Schreiben, so Hehn, sei weiter zu entnehmen, dass der Bearbeitungsrückstand aktuell 15 Wochen betrage und ungefähr 200 noch vor dem 11. September gestellte Anträge bewilligungsfähig vorlägen. "Daher wird die Zahlungsanweisung realistischerweise nicht vor Weihnachten erfolgen", heißt es in dem Schreiben.

Rund 850 Mütter oder Väter in Charlottenburg-Wilmersdorf warten auf das Geld. "Hätten wir mehr Personal, könnten wir die Anträge auch schneller bearbeiten", sagte Jugend- und Familienstadträtin Elfi Jantzen (Grüne).

Girokonto am Limit

In einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatten Jugendpolitiker aus allen Teilen Berlins Alarm geschlagen. Die Vorsitzenden von elf Jugendhilfeausschüssen der Bezirke und die Jugendamtsleiter aus zehn Bezirken hatten kritisiert, dass immer weniger Geld für die Kinder- und Jugendarbeit zur Verfügung steht. In dem Brief wiesen sie auch auf die unzumutbar langen Wartezeiten in den Elterngeldstellen hin. Auch, wenn alle Unterlagen eingereicht seien.

"Das Elterngeld soll Familien bei der Sicherung ihrer Lebensgrundlage unterstützen, wenn sich die Eltern vorrangig um die Betreuung ihrer Kinder kümmern", heißt es in einer Broschüre der Bezirksämter. Carolin Schumann und Lennart Hehn müssen sich weiter selber helfen. "Wir stehen in ständigem Kontakt mit unserer Bank", sagen sie. "Wir erklären unsere Situation und bitten, unseren Dispotkreditrahmen anzupassen." Das Girokonto sei am Limit, das Ersparte aufgebraucht. "Aufgrund der Personalknappheit im Bezirksamt und der Sparpolitik des Senats müssen wir Schulden machen und für Kosten aufkommen, für die wir nicht verantwortlich sind." Die Elternzeit hatte das Paar lange geplant und auch dafür gespart. Carolin Schumann wollte sich die berufliche Auszeit nehmen, um für den Nachwuchs da zu sein. Und der Vater wollte im Januar für vier Wochen "aussteigen". "Daraus wird wohl nichts", sagt er.

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