23.11.12

Bezirksämter

Berliner Familien müssen Monate auf ihr Elterngeld warten

Anträge von Hunderten Familien bleiben liegen, weil die Behörden zu wenig Personal haben. Und der Senat fordert weitere Stellenkürzungen.

Von Andreas Gandzior
Foto: Reto Klar
ja
Verärgert: Lennart Hehn und Carolin Schumann kümmern sich liebevoll um Sohn Aljoscha. Doch weil das Amt ihren Antrag nicht bearbeitet, wird das Geld knapp

"Wir haben immer gearbeitet und versucht, keine Schulden zu machen", sagen Carolin Schumann und Lennart Hehn. "Und nur weil die Ämter Anträge nicht zügig bearbeiten, haben wir jetzt Schulden und müssen für Kosten aufkommen, für die wir nicht verantwortlich sind." Das Girokonto sei am Limit und das Ersparte mittlerweile aufgebraucht. Und ein Ende der finanziellen Misere ist für beide nicht absehbar. "Die kommenden Monate machen uns wirklich Angst."

Seit mehr als zwei Monaten wartet das Paar aus Wilmersdorf auf ihr Elterngeld. Mitte Juli kam ihr Sohn Aljoscha zur Welt. Acht Wochen lang erhielt die junge Familie Geld von der Krankenkasse. Nahtlos sollten die Zahlungen dann vom Bezirksamt anschließen. Der kleine Junge ist jetzt 18 Wochen alt, aber Geld vom Amt haben sie immer noch nicht erhalten.

Dabei soll das Elterngeld Familien bei der Sicherung ihrer Lebensgrundlage unterstützen, wenn sich die Väter und Mütter vorrangig um die Betreuung ihrer Kinder kümmern, heißt es in einer Broschüre. Doch jetzt deutet alles daraufhin, dass das Wilmersdorfer Paar frühestens Anfang 2013 Geld von der Elterngeldstelle erhalten werden. "Ich bin seit dem 22. September in Elternzeit und seitdem steht mir auch das Elterngeld zu", sagt Carolin Schumann. "Am 11. September wurde mir in einem Brief der Eingang meines Antrages bestätigt. In diesem Schreiben hieß es, ich müsse mich in den kommenden zwölf Wochen nicht melden und ich möge bitte von Anrufen absehen", so die 26-Jährige.

Schon im Sommer mehrere Wochen geschlossen

Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf begründet die Verzögerungen bei der Bearbeitung von Anträgen mit Personalnot. Um der Antragsflut und dem Aktenstau überhaupt noch Herr zu werden, schließt der Bezirk von Zeit zu Zeit die Elterngeldstelle. Das soll den noch verbliebenen Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, in Ruhe die Aktenberge abzubauen. Im Sommer war die Elterngeldstelle mehrere Wochen lang für Besucher nicht zugänglich, seit dem 1. November ist sie erneut geschlossen. Die Formulare für das Lohnersatzgeld während der Elternzeit können nur beim Pförtner im Rathaus Wilmersdorf abgegeben werden.

"Die Elterngeldstelle wird so lange für den Publikumsverkehr geschlossen, bis die Bearbeitungszeit für Neuanträge zwischen sechs und acht Wochen liegt", sagt die zuständige Jugend- und Familienstadträtin Elfi Jantzen (Grüne). "Wir sind mit Personal völlig unterbesetzt und haben leider auch keine Möglichkeiten, intern Personal umzusetzen und die Elterngeldstelle zu verstärken." Eigentlich müssten sechs Vollzeitkräfte in der Elterngeldstelle arbeiten. Zwei Mitarbeiter sind dauerhaft erkrankt und ein Mitarbeiter ist zur Senatsverwaltung gewechselt. Diese Stelle könne frühestens im März 2013 besetzt werden. "Von den drei restlichen Personen arbeitet eine Vollzeit und zwei sind Teilzeitkräfte", sagt Jantzen. "Bei Urlaub oder Krankheit kann es vorkommen, dass nur ein Mitarbeiter anwesend ist."

Die Bearbeitung des Antrags auf Elterngeld dauert 15 Wochen

Das ist für die Familie aus Wilmersdorf kein Trost. "Es kann doch nicht sein, dass sich die Mitarbeiterinnen kaputt arbeiten und wir in finanzielle Not geraten", sagt Lennart Hehn. "Es muss dringend etwas an der Personalsituation geändert werden", fordert der Familienvater. Carolin Schumann hatte Mitte November erneut eine E-Mail an das Amt geschickt. "Ich habe eine automatische Mail zurückbekommen, in der stand, dass die Bearbeitung jetzt 15 Wochen dauern wird."

850 Mütter und Väter in Charlottenburg-Wilmersdorf warten aktuell auf die finanzielle Unterstützung. Laut Jantzen gehe der Senat immer noch davon aus, dass die Bezirksämter solche Situationen intern regeln könnten. Dabei fordert der Senat von den Bezirken bis 2016, weitere 1500 Stellen zu streichen. "Hätten wir mehr Personal, könnten wir die Anträge auch schneller bearbeiten", sagt die Stadträtin. "Ich schöpfe alle Möglichkeiten aus, die mir gegeben sind."

In anderen Bezirken läuft die Antragsstellung reibungslos

Auch in anderen Bezirken wie etwa in Neukölln und Marzahn-Hellersdorf gibt es Engpässe. Reibungslos hingegen scheint es in Tempelhof-Schöneberg und in Steglitz-Zehlendorf zu laufen. "Ich habe Kontakt zu anderen Müttern", sagt Carolin Schumann. "In Tempelhof-Schöneberg hat eine Bekannte fünf Tage nach der Antragsstellung bereits Bescheid über die Summe erhalten und kurz darauf auch ihr Geld bekommen." Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft will in den kommenden Tagen mit dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf über konkrete Hilfen sprechen, kündigt Pressesprecher Ilja Koschembar an.

Carolin Schumann und Lennart Hehn hoffen auf eine schnelle Lösung. "Wir hatten geplant, im Januar gemeinsam einen Monat Elternzeit zu nehmen", sagt Hehn. "Sollte bis dahin kein Geld da sein, werde ich mit meinem Arbeitgeber sprechen und hoffen, dass ich arbeiten kann."

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