Canisius-Kolleg Nach Missbrauchsskandal sind Täter kaum belangt worden

Foto: Christian Kielmann

Der Missbrauchskandal am katholischen Elitegymnasium löste 2010 eine Lawine aus. Viele Taten von Geistlichen kamen seither ans Licht. Aber Opfer hadern immer noch mit dem Aufklärungswillen der Kirche.

Vier Jahre ist es her, dass die Welt der katholischen Kirche erschüttert wurde. Die Berliner Morgenpost berichtete als erstes Medium über Missbrauchsfälle am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg. In der Folge kamen zahlreiche weitere sexuelle Übergriffe und Gewalttaten von Priestern und anderen Kirchenmitarbeitern ans Licht. Die Schockwellen erreichten den Vatikan, aber auch viele andere Sektoren der Gesellschaft. Kinderheime, Sportvereine, Reformschulen – überall wurde den vorher allenfalls verschämt geäußerten Schilderungen der Tausenden Opfer mit einem Mal Glauben geschenkt.

Am Canisius-Kolleg waren schon lange vor jenem 28. Januar 2009 ehemalige Schüler in kleinen Gruppen dabei, sich des erlittenen Unrechts klar zu werden und sich darüber auszutauschen, was sie in den 70er- und 80er-Jahren als Schutzbefohlene der Patres Peter Riedel und Wolfgang Statt erlitten hatten. Als sie den Rektor Pater Klaus Mertes mit ihren Erlebnissen konfrontierten, geschah erstmals nicht das, was bisher immer dafür gesorgt hatte, solche Vorgänge aus der Öffentlichkeit zu halten.

Mit Mertes machte sich ein Verantwortlicher aus der Organisation die Schilderung der Opfer zu eigen. Er schenkte den ehemaligen Schülern Glauben, auch weil ihm nach Schilderung der Opfervertreter kaum etwas anderes übrig blieb, als selbst in die Offensive zu gehen und die Taten seiner ehemaligen Mitbrüder einzuräumen. Dadurch war die Blockade durchbrochen, bei der gerade bei der Behandlung länger zurückliegender Fälle immer Aussage gegen Aussage stand oder Erinnerungslücken das Bild verdunkelten.

Der Vatikan war informiert

Doch auch vier Jahre nach der Enthüllung und einer begonnenen Wiedergutmachung gibt es Gruppen von Opfern, die sich vom Orden im Stich gelassen fühlen. "Den Tätern geht es gut. Die Kirche fühlt sich als Vorreiter bei der Aufklärung sexuellen Missbrauchs. Und die Opfer können sehen, wo sie bleiben", beschreibt Matthias Katsch, Sprecher der Gruppe "Eckiger Tisch", die Lage.

Tatsächlich wurden die beiden Haupttäter aus dem Canisius-Kolleg, zu denen sich im Laufe der Aufdeckung zahlreiche weitere Priester vor allem aus dem Bonner Aloisius Kolleg gesellten, für ihre juristisch weitgehend verjährten Taten kaum zur Verantwortung gezogen.

Wolfgang Statt hatte seine Verfehlungen bereits gegenüber dem Vatikan zugegeben, als er 1991 den Orden verlassen hatte. In 30 Jahren habe er mehrere Hundert Kinder und Jugendliche missbraucht, gestand er nach der Enthüllung in Briefen an die Opfer. Der Vatikan hielt die Anfang der 90er-Jahre noch nicht verjährten Straftaten unter Verschluss.

Statt war der Kumpel-Priester, der mit den Jungs Fußball spielte, langes Haar trug und Gitarre spielte. Als Strafe für irgendwelche angeblichen Verfehlungen schlug er seine Opfer gewalttätig auch auf das nackte Gesäß. Er stritt jedoch einen sexuellen Zusammenhang ab. Er sei psychisch krank gewesen. Als die Leitung des Canisius-Kollegs Statt wegschickte, nachdem ein Prügel-Fall schulintern bekannt geworden war, wechselte er an die St. Ansgar-Schule in Hamburg und dann ans Jesuitenkolleg St. Blasien.

Immer wieder wurde Riedel lediglich versetzt

Später ging er nach Lateinamerika, lernte 1991 eine Chilenin kennen, ließ sich laisieren, heiratete und bekam eine Tochter. Für das Katholische Kolpingwerk bereiste er als Lateinamerika-Beauftragter den Kontinent. Sein Arbeitgeber versicherte stets, nichts von der Vergangenheit des Ex-Priesters gewusst zu haben. Seit 2010 bezieht er vom Kolpingwerk eine Pension. "Weder die katholische Kirche noch der Jesuitenorden haben ihn bis heute für seine Taten zur Verantwortung gezogen", so Katsch.

Sein früherer Mitbruder Peter Riedel, der als Leiter der außerschulischen Jugendarbeit am Canisius-Kolleg dutzende Jungen missbrauchte, wurde nach Göttingen versetzt, nachdem Opfer per Brief den Orden auf dessen Taten aufmerksam gemacht hatten. Als Pfarrer in mehreren Gemeinden in Niedersachsen hatte er weiter Kontakt zu Jugendlichen, immer wieder gab es auch dort Missbrauchsvorwürfe, immer wieder wurde Riedel versetzt. 2003 wurde er in Ehren pensioniert, wenn auch vorzeitig. Seitdem lebt er wieder in Berlin.

Im Januar 2014 wurde bekannt, dass Riedel im Dezember 2013 von einem geheimen Kirchengericht verurteilt wurde. Das Priesteramt darf er nicht mehr ausüben, 4000 Euro Geldstrafe muss er zahlen. Die Strafe bezog sich auf den Missbrauch eines Mädchens in seiner Zeit im Bistum Hildesheim. Die Taten am Canisius-Kolleg waren kein Thema. Bislang hat das Bistum das Urteil nicht veröffentlicht. "Mit diesem Urteil zu einem Einzelfall ist für die katholische Kirche die Aufarbeitung der Missbrauchstaten von Peter Riedel offenbar abgeschlossen", so das Fazit von Katsch.

Opfer beklagen Mangel an Transparenz

Die Jesuiten hingegen verweisen auf die vielfältigen Anstrengungen, die sie in den vergangenen vier Jahren unternommen haben. 200 frühere Zöglinge, die sich bei der externen Opferbeauftragten Ursula Raue gemeldet hätten, seien als Opfer anerkannt worden, sagte Ordenssprecher Thomas Busch. Davon hätten 100 das Angebot einer "Anerkennungszahlung" des Ordens von 5000 Euro angenommen. Vier Berichte externer Gutachter hätten die Taten in Jesuiteneinrichtungen umfassend dargestellt. "Die Täterbilanz seitens des Ordens ist gut dokumentiert", sagte Busch.

Jesuiten wirkten am Buch "Unheilige Macht. Der Jesuitenorden und die Missbrauchskrise" mit, ein Blog sei als Forum eingerichtet. Und in den drei großen deutschen Jesuitenschulen gebe es umfangreiche Präventionsprogramme gegen Missbrauch, so der Jesuitensprecher.

Die Berliner Opfer sehen einen Mangel an Transparenz und machen das vor allem an der fehlenden Information zum Urteil gegen den früheren Canisius-Lehrer fest. "Leider müssen wir auch im Jahr vier bitten und fordern", sagte Katsch. "Wann geht die Kirche endlich einmal pro-aktiv auf die Menschen zu? Wann werden die Akten der Kirche endlich für unabhängige Untersuchungen geöffnet? Wir fordern in Deutschland und auch in Rom ein Umdenken."

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